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Topstars, Tacklings, Afrika Cup "Das derzeit beste Team fehlt"

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Nigerias Uzochukwu Ugonna jubelt nach einem Tor: Nigeria hat schon viele Titel gewonnen.

(Foto: REUTERS)

Eine EM ohne Deutschland oder Spanien? Undenkbar. Beim Afrika Cup 2017 ist aber genau das der Fall. Warum es dennoch Zaubertore und jede Menge Überraschungen geben wird; welche Rolle dabei Dortmunds Superstar Pierre-Emerick Aubameyang spielt und was die Afrika-Meisterschaft eigentlich ausmacht, weiß Welttorhüter Lutz Pfannenstiel. Er verrät es n-tv.de im Interview.

n-tv.de: Herr Pfannenstiel, mitten in die Fifa-Ankündigung für eine Fußball-WM mit 48 Mannschaften startet der Afrika Cup. 16 Teams kämpfen in Gabun um den Titel, den die Elfenbeinküste verteidigen will. Wer ist Ihr Favorit?

Der Welttorhüter

Lutz Pfannenstiel ist der erste Fußballer, der in seiner aktiven Karrieren auf allen sechs Kontinenten gespielt hat: 25 Vereine in 13 Ländern - nachzulesen in "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter". Seit seinem Karriereende ist Pfannenstiel als TV-Experte für verschiedene nationale und internationale Sender wie ZDF, SRF, BBC und DAZN tätig gewesen. Er war Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der Fifa. Für Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim verantwortete er mehrere Jahre den Bereich International Relations. Seit Dezember 2018 ist er Sportvorstand beim Traditionsverein und Fußball-Bundesligisten Fortuna Düsseldorf. Pfannenstiel ist Gründer von Global United FC. Er ist bei Twitter, Facebook und Instagram aktiv.

 

Lutz Pfannenstiel: Mein ganz persönlicher Favorit ist Ghana. Das Team ist eingespielt. Sie haben sich in der Quali solide präsentiert und spielen seit Jahren sehr stabil unter Trainer Avram Grant. Taktik und Spielweise sind sehr europäisch, dazu hat man herausragende Individualisten.

Welche Teams schätzen Sie noch stark ein und wieso?

Den Titelverteidiger Elfenbeinküste muss man immer auf der Liste haben, allein schon wegen des hochqualitativen Kaders. Sie sind eine der Mannschaften, die es zu schlagen gilt. Dazu Algerien: Die kennt man hierzulande noch gut von der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Der Kader hat sich seitdem nicht groß verändert, die Schlüsselspieler sind nach wie vor dabei. Außenseiterchancen haben meiner Meinung nach noch der Senegal und Gastgeber Gabun.

Es gibt also keinen klaren Favoriten?

(lacht) Einen klaren Favoriten gab es bei Afrika-Meisterschaften bisher noch nie. Wie immer gibt es die Teams mit den größten Spielernamen, siehe Elfenbeinküste. Aber diesmal sind auch alle vier großen Nordafrikaner wieder mit dabei: Ägypten, Marokko, Tunesien und Algerien.

Gibt es eine Todesgruppe?

Es gibt diesmal nur Todesgruppen (lacht). In der Gruppe A sehe ich Gabun und Kamerun klar vorn. In der Gruppe B mit Tunesien, Algerien, Senegal und Simbabwe - da kann es schon zu der einen oder anderen Überraschung kommen. Tunesien, wenn es gut läuft oder Simbabwe, die nichts zu verlieren haben und gute junge Einzelspieler in ihren Reihen. Diese Gruppe wird auf alle Fälle hochspannend. In der Gruppe C sehe ich die Elfenbeinküste und Marokko als klare Favoriten. Togo dürfte keine Rolle spielen und die Demokratische Republik Kongo ist so etwas wie eine Wundertüte: Wenn alles läuft, können sie durchkommen. In der Gruppe D haben wir meinen Topfavoriten Ghana, dazu Mali, die beim Afrika-Cup immer über sich hinauswachsen, auch aufgrund ihrer enormen körperlichen Stärke. Ägypten ist eine Mannschaft mit wahnsinnig großem Potenzial, aber wegen der seit Jahren schwierigen politischen Situation im Land hat der Fußball dort sehr gelitten. Aber: wenn der Rekordsieger des Afrika Cups beim Turnier dabei ist, wollen sie auch gewinnen. Ägypten fährt nicht hin, um nur mitzukicken - das ist die Stimmung im Land.

Welche Mannschaft könnte - wie beispielsweise Island bei der EM 2016 - für die größte positive Überraschung bei dieser Afrika-Meisterschaft sorgen?

Ich denke da in erster Linie an Simbabwe. Vom Potenzial und der Spielstärke her können sie durchaus überraschen und ähnlich wie Island bei der EM auftrumpfen. Zudem haben sie mit Knowledge Musona, einst bei Hoffenheim, jetzt bei Ostende, einen der besten Spieler der belgischen Liga.

Welches Team hat in der Qualifikation bereits positiv überrascht?

Überrascht haben in erster Linie die Kleinen: Guinea-Bissau, die in der Gruppe A spielen, hatte keiner auf der Liste. Das Gleiche gilt für Simbabwe, Uganda und Togo. Bei den Großen gab es zwar bei dem einen oder anderen Anlaufschwierigkeiten, aber letzten Endes haben sich fast alle großen Namen qualifiziert.

Bis auf Nigeria und Südafrika ...

Richtig! Nigeria hat bereits viele Titel gewonnen. Bei den Junioren-Weltmeisterschaften - immer top, immer vorne mit dabei. Man kann das deshalb in etwa mit Spanien oder sogar Deutschland vergleichen, wenn die sich nicht für eine Europameisterschaft qualifizieren würden. Kein Nigeria beim Africa Cup ist wie kein Salz in der Suppe.

Woran lag's?

Nigeria ist ganz einfach schlecht in die Quali gestartet. Als dann der neue Trainer Gernot Rohr kam und übernommen hat, lief es sofort besser, das letzte Qualifikationsspiel wurde gewonnen - aber da war die Kuh schon aus dem Stall. Danach haben die Super Eagles so ziemlich alles gewonnen und sind momentan das afrikanische Team mit der besten Form, aber eben nicht beim Afrika Cup dabei. Schade.

Und Südafrika, der einstige WM-Ausrichter hat sich ja ebenfalls nicht qualifiziert.

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Welttorhüter Lutz Pfannenstiel spielte selbst in der südafrikanischen Liga.

(Foto: Lutz Pfannenstiel)

Ja, Südafrika geht derzeit durch ein Tal der Tränen. Man hat für afrikanische Verhältnisse eine finanzstarke Liga und auch die beste Infrastruktur. Aber die Nationalmannschaft hinkt hinterher, kann ihr Potenzial nicht auf den Platz bringen. Normalerweise müsste eine Truppe mit diesen strukturellen Voraussetzungen dabei sein. Und genau das wünsche ich mir persönlich für die Zukunft!

Apropos Voraussetzungen abseits des Platze: Auch dieses Thema sorgt der Afrika Cup 2017 - wie davon auch schon mehrere Male - vorab bereits für Schlagzeilen: Ausrichter sollte eigentlich Südafrika sein. Die erst mit Libyen tauschten, welches dann aufgrund der politischen Lage im Land die Austragung abgab. Nun wird in Gabun gespielt. Die richtige Entscheidung?

Da gehen die Meinungen auseinander. Gabun war bereits mit Äquatorialguinea 2012 Ausrichter des Afrika Cups. 2015 fand die Afrika-Meisterschaft dann wieder in Äquatorialguinea statt und nun heißt 2017 der Ausrichter wieder Gabun. So etwas würde es außerhalb Afrikas nicht geben. Andererseits gibt es auf dem Kontinent auch nur wenige Länder, die ein solches kontinentales Fußballturnier von der Infrastruktur her stemmen können. Gabun hat die Trumpfkarte in der Hand, sagen zu können: Wir haben doch noch alles vom Afrika Cup 2012. Keine Frage: Südafrika wäre für mich der beste Ausrichter gewesen. Wenn es nach mir ginge, würde ich die nächsten fünf Afrika-Meisterschaften dort spielen, weil dank der WM sowohl was die Stadien als auch die Infrastruktur wie Straßen, Zugverbindungen, Hotels angeht, alles auf internationalem Niveau vorhanden ist.

Nun ist es Gabun - wie ist die politische Lage dort?

Die hat sich in den vergangenen Monaten etwas beruhigt. Ich denke, wir werden eine ruhige Afrika-Meisterschaft sehen. Aber: Beim Afrika Cup besteht immer die Gefahr, dass sich die Unzufriedenheit der Bevölkerung auf die Fußballstadien überträgt. Tränengas-Einsätze und tieffliegende Armeehubschrauber wie 2015 in Äquatorialguinea willst du als Fußballfan nicht sehen. Aber diese Szenarien gehören irgendwie dazu. Ich hoffe aber, dass wir in Gabun ein friedliches Turnier sehen werden - wie übrigens auch bereits 2012.

Gabun stellt auch einen der bekanntesten Spieler dieses Cups: Pierre-Emerick Aubameyang. Hat er das Zeug, zum Topstar der Afrika-Meisterschaft zu werden?

Pierre-Emerick Aubameyang

BVB-Superstar Aubameyang: Keiner ist in der Bundesliga derzeit treffsicherer.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Für mich ist er der momentan beste afrikanische Spieler und natürlich bringt er alles mit, um der Topstar dieses Turniers zu werden. Bei den Wahlen zum besten afrikanischen Spieler in den letzten Jahren war er immer vorn mit dabei. 2016 belegte er Platz 2 hinter dem algerischen Leicester-City-Profi Riyad Mahrez. In Gabun ist Aubameyang der absolute Nationalheld - und das seit der Heim-Afrika-Meisterschaft 2012, als sein Stern aufging unter dem Trainer Gernot Rohr.

Wer hat sonst noch das Zeug, zum Star des Turniers zu werden?

Mahrez gehört definitiv dazu. Wenn du mit Leicester englischer Meister wirst und Premier- League-Fußballer des Jahres, dann bist du ein Großer, auch wenn seine Form derzeit nicht die allerbeste ist. Dazu kommen noch Sadio Mané vom FC Liverpool und  Islam Slimani von Leicester City sowie eben Aubameyang.

Salomon Kalou

Herthas Salomon Kalou ist in seiner Heimat ein Superstar.

(Foto: Annegret Hilse/dpa)

Aubameyang aus Dortmund, Salomon Kalou (Kamerun) von der Hertha, Sambou Yatabare (Mali) aus Bremen, dazu mit Abdul Rahman Baba, Bernard Tekpetey (beide Ghana) und Nabil Bentaleb (Algerien) noch drei Schalker: Die Bundesliga ist beim Afrika Cup auf den ersten Blick sehr gut vertreten. Gilt das auch auf den zweiten Blick?

Wenn man es mit früheren Afrika-Meisterschaften vergleicht, dann ist die Bundesliga eher durchschnittlich vertreten. Das liegt auch daran, dass es immer weniger afrikanische Spieler in der Bundesliga gibt. So einfach ist das. Nur Aubameyang und Kalou werden in Afrika als Topstars gesehen. Bentaleb und Baba sind noch jung, aber haben das Zeug, Stars zu werden.

Schalkes Kameruner Eric-Maxim Choupo-Moting verzichtete dagegen auf eine Teilnahme. Was sagt das über den Stellenwert des Turniers bei den Spielern aus?

FC Schalke 04 - Darmstadt 98

Schalkes Choupo-Moting will sich auf die Bundesliga konzentrieren.

(Foto: dpa)

Choupo-Moting hat abgesagt, aber das liegt nicht daran, dass er nicht für sein Land spielen will. Das hat andere, vielschichtige Gründe. Da wäre etwa der Zeitpunkt des Turniers: Es findet nicht wie die EM nach einer Saison statt, sondern quasi mittendrin. Auch das Klima spielt eine Rolle. In Europa herrscht Winter, in Afrika sticht die Sonne. Die Temperaturumstellung und die nicht idealen Trainingsbedingungen erhöhen die Verletzungsrisiken, die manche Spieler nicht unbedingt eingehen wollen. Außerdem ist der Afrika-Cup körperlich das härteste Turnier. Man sieht dort Zweikämpfe und Grätschen, dass es mir die Nackenhaare aufstellt. Man muss die Entscheidung der Spieler akzeptieren und sollte nicht zu viel hineininterpretieren, auch weil der Afrika Cup alle zwei Jahre stattfindet.

Was können wir taktisch erwarten? Heißt das Motto vielleicht auch wie bei der EM 2016 "Defensive first"?

Das ist beim Afrika Cup immer die Devise (lacht). Ernsthaft: Die Mannschaften spielen zum Beginn nie mit offenem Visier oder voll auf Angriff. Es sind immer von der Taktik geprägte Spiele. In der Vorrunde heißt es deshalb immer: wenig Tore und viele Remis. Zwar könnte man etwas anderes erwarten, da viele der Spieler in Europa spielen, aber trotzdem ist der Afrika Cup, was die Taktik betrifft, nicht auf einem Niveau mit den Kontinentalmeisterschaften in Südamerika oder gar Europa. Aber das ist auch irgendwie der Charme des Afrika Cups, dass die Spiele einfach anders sind. Das ist der Entertainment-Faktor des Turniers und macht es zu einem der interessanten Fußballmeisterschaften der Welt.

Wie wird das spielerische Niveau ausfallen?

Sportlich ist das Niveau in etwa mit dem der Asien-Meisterschaft zu vergleichen. Dort wird taktisch etwas disziplinierter agiert, dafür gibt es in Afrika die besseren Einzelspieler. Ich denke, es wird - wie bei jedem Afrika Cup - Tore zum Zungenschnalzen geben, knallharte Tacklings, haarsträubende Torwartfehler und die eine oder andere skandalöse Schiedsrichterentscheidung.

Mit Lutz Pfannenstiel sprach Thomas Badtke

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Quelle: n-tv.de

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