Fußball

Hummels gewünschter BVB-Wechsel "Das sollte dem FC Bayern zu denken geben"

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Mats Hummels (l.) und Niko Kovac sprechen beim Fußball womöglich nicht dieselbe Sprache.

(Foto: imago/MIS)

Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern, prahlt im März mit dem "größten Investitionsprogramm" der Klubgeschichte, Sportdirektor Hasan Salihamidzic sagt, dass die Münchner noch "einiges auf dem Transfermarkt" machen wollen. Seitdem wird der deutsche Rekordmeister mit jedem wechselwilligen Fußballer Europas in Verbindung gebracht, hat aber offiziell erst drei Spieler für die neue Saison verpflichtet. Gleichzeitig droht ein namhafter Abgang: Überraschend soll Mats Hummels vor einer Rückkehr zu Borussia Dortmund stehen. Im Interview mit n-tv.de ordnet Justin Kraft, Autor beim Bayern-Blog "Mia San Rot" und des Buches "Generation Lahmsteiger" die Entwicklungen ein.

n-tv.de: Sportdirektor Hasan Salihamidzic hat just erklärt, dass der FC Bayern noch "einiges auf dem Transmarkt" machen, sprich: Spieler verpflichten will. Die große Überraschung war aber die Meldung, dass Mats Hummels anscheinend zum BVB zurückkehrt. Hat Sie das ähnlich überrascht?

Justin Kraft: Ja. Man hat damit gerechnet, dass eher Jérôme Boateng den Verein verlässt, wenn schon einer der beiden geht. Uli Hoeneß hat ja gesagt, Boateng solle sich einen neuen Verein suchen - als Ratschlag eines Freundes. Es hat sich auch nicht angedeutet, dass Dortmund Interesse hat, das kam aus dem Nichts. Als FC Bayern würde ich weiter auf Hummels bauen, weil er eine gute Rückrunde gespielt hat und auch im DFB-Pokalfinale überragend war. Er hat gezeigt, dass er es noch kann und gerade im Aufbauspiel extrem wichtig ist. Die Bayern bekommen zwar mit Benjamin Pavard und Lucas Hernandez zwei Neue. Aber ob sie im Spielaufbau so gut sind wie Hummels, das bezweifele ich. Gerade da aber hat der FC Bayern die größten Probleme aufgrund struktureller Schwächen im Spiel.

Die Meldung zum Hummels-Abschied stammt von der "Bild am Sonntag". Darin hieß es auch, dass Trainer Niko Kovac den Verkauf akzeptiert hat. Eine mutige Entscheidung oder?

Sportlich auf jeden Fall. Man hört aus mehreren Quellen, dass nicht die größte Einigkeit zwischen den beiden herrscht. Ich erinnere mich daran, dass Hummels nach dem 5:0-Sieg in der Bundesliga gegen Dortmund gesagt hat, man habe genauso auch gegen den FC Liverpool in der Champions League spielen wollen, es aber nicht auf den Platz bekommen. Das ist sicherlich ein Vorwurf an die Spieler, aber eben auch ein Vorwurf an den Trainer, dass die Mannschaft das System nicht umsetzen kann. Das ist viel Lesen zwischen den Zeilen, aber es soll Uneinigkeit herrschen. Und vielleicht ist das der Grund dafür, dass Hummels sagt: Dann kehre ich eben zu Dortmund zurück.

Was bedeutet das für den Klub?

Wenn das stimmt, wäre Hummels nach James Rodriguez mindestens der zweite Spieler, der mit Kovac nicht gut klarkommt und den Verein verlassen möchte. Das ist kein gutes Zeichen. Es bleibt aber die Frage, inwieweit das stimmt. Aber es entsteht der Eindruck, dass einige Spieler unzufrieden sind. Das ist irgendwo normal, aber wie viel diese Saison nach außen gedrungen ist, das sollte dem Verein zu denken geben. Ein Trainer des FC Bayern, ob er nun erfahren ist oder nicht, muss mit so einem Kader klarkommen und die Bedürfnisse der sogenannten Stars unter Kontrolle haben.

Kann Kovac das?

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Er hat Qualitäten im zwischenmenschlichen Bereich und ich denke, dass er damit umgehen und eine neue Hierarchie bilden kann, wenn der Kader neu ausgerichtet wird. Ich habe eher Bedenken, dass er taktisch eine Struktur organisieren kann, die Pavard und Hernandez im Spielaufbau unterstützt und der Mannschaft Lösungen an die Hand gibt. Ich kann mir vorstellen, dass Kovac daran scheitert.

Eine andere Sichtweise wäre, dass Hummels vor Konkurrenz flüchtet, vor Pavard, vor Hernandez und auch Niklas Süle, den Kovac zum Abwehrchef ernannt hat. Ist das vorstellbar?

Für mich nicht. Hummels hat eine sehr starke Rückrunde gespielt, die auch für sein Selbstvertrauen sehr wichtig war. Natürlich sind 80 Millionen Euro für Hernandez eine Hausnummer, selbst die Ablöse von 35 Millionen Euro für Pavard ist immens. Aber er kommt vom VfB Stuttgart, von einem Absteiger, und hat nicht das beste Jahr gehabt. Er muss erst beweisen, dass er das Niveau bei den Bayern mitgehen kann. Für Hernandez gilt trotz der Ablösesumme das gleiche. Natürlich wäre es eine andere Situation für Hummels, aber ich glaube, dass er den Konkurrenzkampf annehmen würde.

Wenn Hummels zum BVB geht und auch Boateng die Bayern verlässt. Dann blieben mit Süle, Pavard und Hernandez drei Innenverteidiger. Reicht das für Bundesliga und Champions League?

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Hat Jerome Boateng noch eine Zukunft beim FC Bayern? Als die restliche Mannschaft die Deutsche Meisterschaft feierte, blieb der Innenverteidiger lieber bei seinen Töchtern.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Ich halte das für gewagt, zumal Hernandez und Pavard auch die Backups für die Außenverteidiger Joshua Kimmich und David Alaba sein sollen. Es gibt auch das Gedankenspiel mit Flügelstürmer Alphonso Davies als Linksverteidiger. Aber da wäre ich vorsichtig, der ist noch nicht so weit. Dann bleiben drei Möglichkeiten: Entweder Lukas Mai bekommt endlich die Chance, regelmäßig Minuten in der Bundesliga zu sammeln. Ich halte ihn für ein großes Talent und er hat auch schon bewiesen,  dass er das Niveau mitgehen kann. Es gibt die Option, noch einen Außenverteidiger zu holen, dann könnten Pavard und Hernandez sich auf die Innenverteidigung konzentrieren. Oder der Trainer zieht Javi Martínez wieder vom Mittelfeld nach hinten. Ich halte ihn immer noch für einen Spieler, der auf internationalem Niveau die Anforderungen eines Innenverteidigers erfüllt. Er hat aber Schwächen im Spielaufbau, da bräuchte er einen passenden Partner neben sich. Mit dieser Option könnte ich leben.

Alternativ gäbe es auch noch eine vierte Option: Boateng. Ist es vorstellbar, dass die Bayern die zweite Saison in Folge einen Rückzieher machen und ihn doch behalten?

Das kommt stark darauf an, ob sich Boateng noch einmal motivieren kann. Davon würde ich das als FC Bayern abhängig machen. Bei ihm wurde vieles schlechter geredet als es war. Er hat sicher keine gute Saison gespielt. Katastrophal aber, wie oft behauptet, war sie auch nicht. Wenn er mal wieder am Stück fit bleibt, kann er durchaus das Niveau von Hummels aus der Rückrunde wieder erreichen.

Eine eher wilde Theorie ist, dass Bayern Hummels ziehen lässt, um an Geld zu kommen und Gehalt einzusparen. Es steht nach wie vor ein Wechsel von Leroy Sané im Raum. Rodrigo, der auch ein Wunschspieler sein soll, hat Atlético Madrid anscheinend mitgeteilt, dass er gehen wird. Es gibt Gerüchte, dass Bayern Gareth Bale von Real Madrid ausleihen möchte und bei Callum Hudson-Odoi vom FC Chelsea und Matthijs de Ligt von Ajax Amsterdam ist offiziell auch noch nichts entschieden. Jeder einzelne dieser Transfers wäre wahnsinnig teuer.

Das ist immer eine Option. Es deutet viel darauf hin, dass die Bayern für Hummels mehr Geld vom BVB haben möchten. Das ist normalerweise nicht ihre Art. Wenn ein Spieler gehen will, war die Ablösesumme bisher immer zweitrangig, wie zum Beispiel bei Toni Kroos. Grundsätzlich glaube ich, das berüchtigte Festgeldkonto würde die Transfers auch so hergeben, aber vielleicht will man mit dem Verkauf von Hummels die Bilanz ein wenig auffrischen. Das ist aber sehr spekulativ.

Wenn wir schon beim Spekulieren sind, welche der genannten Spieler würden Sie nächste Saison am liebsten im Bayern-Trikot sehen?

Auf jeden Fall Leroy Sané. Ganz einfach deshalb, weil Bayern mit Kingsley Coman und Serge Gnabry nur zwei Flügelspieler auf hohem Niveau hat, da könnte Sané nach dem Abschied von Franck Ribéry und Arjen Robben gut reinwachsen. Die sportliche Klasse hat er, auch wenn er noch ein paar Sachen verbessern kann. Er wäre auf jeden Fall die Wunschlösung und der Klub hätte auf Jahre Ruhe auf der Position. Bei Rodrigo befürchte ich, dass er zu Manchester City und Josep Guardiola gehen wird. Da passt er wahrscheinlich besser rein und hätte bessere Entwicklungschancen. Aber er wäre auch eine tolle Option. Ich bin Fan von Spielern, die robust und zweikampfstark, aber auch technisch stark sind und Struktur ins Mittelfeld bringen können. Ich halte Rodrigo für einen sehr klugen Spieler.

Mit Justin Kraft sprach Christian Herrmann

Quelle: n-tv.de

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