Fußball

Wie lange bleibt Tuchel noch? Der BVB entliebt sich rasant

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Entliebt: Hans-Joachim Watzke (l.) und Thomas Tuchel haben bei Borussia Dortmund kein gutes Verhältnis.

(Foto: imago/Martin Hoffmann)

Borussia Dortmund schlägt Hoffenheim, der BVB steht wieder auf Platz drei der Fußball-Bundesliga. Aber wen interessiert's? Kaum jemanden. Stattdessen lassen es die Alphatierchen Watzke und Tuchel richtig krachen.

Die Warnung kommt aus Mainz. Sie geht im Frühling 2015 bei Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund ein. Das mit Thomas Tuchel, so heißt es, das könnte schwierig werden. Mit jenem Trainer, den sie beim FSV als kleinen Klopp gefeiert haben, den sie nicht gehen lassen wollten und der nun, nach einem selbst gewählten Sabbatical, im Frühjahr 2015 verkündet, ab Sommer den BVB zu übernehmen - für mindestens mal drei Jahre. Als Nachfolger der völlig ausgelaugten "Echte Liebe"-Ikone Jürgen Klopp.

Zwei Jahre bleiben die Worte der Warnung unter Verschluss. Nun werden sie ausgepackt. In einer Situation, in der für den noch amtierenden BVB-Trainer die vorzeitige Trennung vom Klub wahrscheinlicher ist als eine Vertragsverlängerung über 2018 hinaus. Jemand aus dem inneren Kreis der Borussen hat der "Süddeutschen Zeitung" erzählt: "Wir haben darauf nicht gehört. Ein halbes Jahr ging alles gut. Dann war alles wie aus Mainz vorhergesagt."

Tuchels Profil wird zum Problem

In der ersten Tuchel-Saison 2015/16, geprägt von Demut und Neuorientierung nach sieben leidenschaftlich-zehrenden Jahren unter dem Fußball-Krawallisten Klopp, versuchten sich die Borussia und ihr neuer Trainer aneinander zu gewöhnen. Statt dem Kumpel aus der Coaching-Zone musste sich das Band der "echten Liebe" nun zwischen einem perfektionistischen Analytiker und der Emotionsgewalt Südtribüne spannen.

Doch erst in den vergangenen Wochen - also nach über anderthalb Jahren gemeinsamen Weges - schien sich tatsächlich so etwas wie eine Fußballer-Liebe zu entwickeln. Seit dem Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB vor dem Champions-League-Duell mit dem AS Monaco am 11. April wurde der oft so distanziert wirkende Tuchel plötzlich viel nahbarer, viel empathischer und nahm sein Team sogar kollektiv in Schutz. Der international begehrte und statistisch erfolgreichste BVB-Coach überhaupt gewann als Typ an Profil. So, wie es die Fans in Dortmund an Klopp geliebt und an Tuchel so lange vermisst hatten.

Doch die - möglicherweise nur kurze - Metamorphose des Coaches zum leidenschaftlichen Beschützer seiner jungen Bande führt nun offenbar zum endgültigen Bruch mit dem Klub, beziehungsweise mit den Bossen. Das Verhältnis zwischen Tuchel und Hans-Joachim Watzke gilt schon seit langer Zeit als belastet - unter anderem wegen öffentlicher Äußerungen des Trainers zur Qualität und Zusammenstellung der Mannschaft, zur Transferpolitik sowie Tuchels angespannter Beziehung zu BVB-Chefscout und Kaderplaner Sven Mislintat. Während sich der Klub lange Zeit darum bemühte, den Konflikt der Alphatierchen als zumutbare Meinungsverschiedenheit abzutun, lässt es Watzke nun zur Eskalation kommen - und das ganz bewusst.

Keine emotionale Spontanität

Die Aussagen aus dem Interview, das der 57-Jährige der "Funke Mediengruppe" gab und am Samstag veröffentlicht wurde, sind kein journalistischer Glücksfall und erst recht nicht aus einer emotionalen Spontanität entstanden - diese wären bei der mittlerweile üblichen Autorisierung von Interviews herausredigiert worden. Vielmehr gesteht Watzke den "klaren Dissens" mit Tuchel zu einem Zeitpunkt ein, wo ihm womöglich in seiner Wahrnehmung die empathische Hoheit über den Klub zu entgleiten droht. Der Klubboss fühlt sich durch Tuchels kritische und viel beachtete Aussagen zur Neuansetzung des Monaco-Spiels (und zur Art und Weise dieser Entscheidung) nur 24 Stunden nach dem Anschlag unübersehbar angegriffen, als unsensibler Funktionär hingestellt.

Nun also der Konter. Mittenhinein ins Saisonfinale, wo der BVB leidenschaftlich um den sportlichen Erfolg der Saison ringt. Neben dem Kampf um die Champions-League-Plätze - nach dem 2:1-Sieg gegen Hoffenheim steht der Klub wieder auf Rang drei - in der Bundesliga und dem DFB-Pokalfinale hat der Klub nun eine dritte Front, die viel Kraft kostet. Und an der in der BVB-Spitze niemand um Deeskalation bemüht scheint. So erklärt Präsident Reinhard Rauball der "Bild"-Zeitung: "Hans-Joachim Watzke hat jahrelang bewiesen, dass er in schwierigen Situationen nicht an sich, sondern nur an den BVB denkt."

Im aktuellen Hauptstreitpunkt zwischen Trainer und Geschäftsführer, dem frühen Spieltermin nach dem Attentat, stellt sich Rauball auf Watzkes Seite. Dieser habe die Entscheidung, das Spiel schon am nächsten Tag auszutragen, "nicht alleine getroffen", sagte der Präsident: "Ich habe alles mitgetragen." Stattdessen hätten alle Beteiligten - auch Tuchel - die Möglichkeit gehabt, sich gegen den Spieltermin auszusprechen. Allerdings, laut Rauball-Zitat in der "Bild", erst am Folgetag, als die Partie bereits neu terminiert worden war - für eben diesen Tag. "Ein solcher Wunsch ist aber nicht an uns herangetragen worden", so Rauball. Dass auch der irritierte Tuchel mit seinen Aussagen zur Watzke-Kritik unmittelbar vor dem Hoffenheim-Spiel nicht an einer Deeskalation interessiert war - geschenkt.

Der letzte Kampf der Alphatiere?

Dabei scheint die Aufregung um das Interview eigentlich nur noch der letzte unvermeidliche Kampf der Alphatiere zu sein. Denn in fast allen Berichten zum BVB-Dissens wird nun das Innenleben des Klubs nach außen gekehrt - völlig unüblich in Dortmund und stark zu Lasten des Trainers. Die Vorwürfe sind heftig, die Quellenlage scheint dünn. Da wird nicht nur von kolportierter Unfreundlichkeit gegenüber Angestellten und Kritik von namentlich nicht genannten BVB-Profis an der Qualität, an der Systemwut und am Umgang Tuchels mit Spielern ("Süddeutsche Zeitung") gesprochen. Sondern auch davon, dass es sich der Trainer verscherzt habe "auf allen Ebenen mit zahlreichen Personen im Klub - unter anderem aufgrund enormer Diskrepanzen zwischen externen Äußerungen und internem Wirken, gravierenden Vertrauensbrüchen und seinem Berater, der in vielen Situationen eine dubiose Rolle spielte" ("Ruhr Nachrichten").

Was nun stimmt und was nicht - es lässt sich für Außenstehende kaum überprüfen. Fast immer steht Aussage gegen Aussage, Behauptung gegen Behauptung, statt echter Liebe setzt es beim BVB derzeit echte Hiebe. Um Wahrheitsfindung geht es an diesem Punkt kaum noch, ebenso wenig wie um die Diskussion, ob Watzkes Offenheit richtig platziert war. Der hatte in seinem Interview bereits vielsagend angekündigt, bei der Saisonbilanz mit Tuchel werde es, "wie immer bei analytischen Gesprächen (…), neben dem Sportlichen um Dinge wie Strategie, Kommunikation, Vertrauen" gehen. Damit scheint alles darauf hinauszulaufen, dass der BVB und der (punktemäßig) erfolgreichste BVB-Trainer der Bundesligageschichte keine gemeinsame Zukunft mehr haben werden. Nicht mal bis 2018. Nicht mal bei Erreichen der Champions League und auch nicht bei einem möglichen Pokalsieg.

Quelle: ntv.de