Fußball

Lehren des zwölften Spieltags Der FC Bayern ist ein Fall für Oliver Kahn

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Der FC Bayern wird von Düsseldorfs Kreisligataktik in die nächste Krise gestürzt. Für Trainer Niko Kovac gibt's präsidialen Liebesentzug. In Frankfurt macht die Bundesliga derzeit am meisten Spaß. Auch die Hertha wirbt für den Fußball.

1. Der FC Bayern lässt sich vorführen

Die knackigste Analyse zur Blamage des FC Bayern am zwölften Spieltag der Fußball-Bundesliga gegen Fortuna Düsseldorf kam von Friedhelm Funkel. Das ist ungewöhnlich, Funkel hat mit dem FC Bayern ja eigentlich nichts zu tun. Außer, dass er den Tabellenfünften mit seiner Aufsteiger-Elf und einem mutig erkonterten 3:3 in München an diesem Samstag in die nächste Krise stürzte. Während die Bayern die nächsten Tage und Wochen versuchen wollen, die Lösung für ihre Probleme zu finden, liefert Funkel ein umfassendes Essay über den in nahezu allen Team-Teilen besorgniserregenden Zustand der Münchener im Herbst 2018. Mit dem erneut etwas steifen Offensivspiel der Mannschaft von Niko Kovac wollte sich Funkel dabei gar nicht erst beschäftigen. Er setzte dort an, wo es schmerzt: in der mit drei deutschen Nationalspielern besetzten Abwehr. Niklas Süle und Jérôme Boateng spielten von Beginn an, Mats Hummels wurde kurz vor dem 3:3 (93.) in der 92. Minute eingewechselt.

Mit einer simplen Idee zertrümmerten die Fortunen die bayrische Abwehr: Sie bedienten den schnellsten Mann mit langen Bällen. Diese Taktik ist regelmäßig Sonntagfrüh auf deutschen Amateurplätzen zu beobachten. Die von Funkel ohne Münchener Auftrag erstellte Liste der Mängel ist lang: (1) Hummels, Süle und Boateng fehlt es an Selbstvertrauen; (2) Hummels, Süle und Boateng fehlt die Grundschnelligkeit; (3) Hummels, Süle und Boateng haben Probleme mit dem Stellungsspiel und dem Spielverständnis; (4) Boateng ist bei der Konterabsicherung womöglich zu bequem. Doch dann sagte Funkel etwas, was dem zu erwartenden Ergebnis der bayrischen Analyse widerspricht: "Ich glaube nach wie vor, dass Niko der richtige Mann ist." Diese Meinung ist in München womöglich nicht mehr mehrheitsfähig. Zwar sprach der von seiner "Bis-aufs-Blut-Verteidigung" abgerückte Uli Hoeneß seinem Trainer bis Dienstag, bis zum Champions-League-Spiel gegen Benfica Lissabon (ab 21 Uhr im Liveticker bei ntv.de), noch das Vertrauen aus, aber in der Mannschaft soll sich laut "Bild am Sonntag" eine Anti-Kovac-Stimmung breitgemacht haben.

Was nun passiert, ist völlig offen. So sagte der Präsident am Samstagabend: "Wir müssen alles hinterfragen, warum wir so spielen, wie wir spielen. Wir spielen einen schlechten, einen uninspirierten Fußball ohne Selbstvertrauen. Wir können jetzt mehr nicht sagen: Das wird schon werden." Tatsächlich steht's dramatisch um den FC Bayern: Nur zwei der jüngsten acht Spiele hat der Meister gewonnen. Nach vier sieglosen Heimspielen in Folge steht die schlechteste Dahoam-Bilanz seit 1991 zu Buche. Und bei neun Punkten Rückstand auf den BVB verbietet sich jeder Anspruch auf den siebten Titelgewinn hintereinander. Stattdessen gilt jetzt die eiserne Bolzplatzregel, diesmal formuliert von Arjen Robben: "Wenn du unten am Boden bist, musst du aufstehen und Stärke zeigen - als Mannschaft. Das ist die einzige Botschaft jetzt für uns: Zusammenreißen." Oder gar wieder "Eier zeigen"? Die Münchner werden immer mehr zu einem Fall für den aufweckenden Titan. Oliver Kahn, retten Sie den FC Bayern!

2. Neuer Vertrag, alter Paco

Diese Überschrift haben wir den Kollegen der "Bild"-Zeitung geklaut. Sie passt halt: Denn Dortmunds Stürmer Paco Alcácer hat wieder ein Tor geschossen, erstmals als fester Bestandteil des Ensembles. Just am Freitag hatte der BVB mit gezogener Kaufoption den Status des bisherigen Leihspielers vom FC Barcelona geändert. Eins aber hat sich nicht geändert: Er traf in alt bekannter Rolle als Joker. Der bis zu seiner Einwechslung in der 64. Minute harmlosen Offensive verpasste er mit seinem zweiten Ballkontakt die Durchschlagskraft zum hart erarbeiteten 2:1 beim FSV Mainz 05. Zwar war die Führung in der 66. Minute im Vergleich zum spektakulären Siegtreffer von Lukasz Piszczek eine lächerlich einfache Aufgabe, aber darum geht's nicht. Wo Paco ist, ist Party. Es war sein bereits neunter Treffer in der Bundesliga, sein achter als Joker. Mit dieser 26,3333 Minuten-pro-Tor-Bilanz pulverisiert er den Liga-Rekord von Gert Dörfel. Der Außenstürmer des Hamburger SV hatte in der Saison 1963/64, der ersten Spielzeit der Bundesliga, exakt 565 Minuten für seine ersten neun Tore gebraucht. Und damit 328 Minuten länger als Alcácer! "Das ist unfassbar", sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Wer will da widersprechen?

3. Frankfurts Magier rauschen weiter

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Langsam wird's unheimlich. Beim FC Augsburg fuhr die Frankfurter Eintracht den sechsten Sieg im siebten Ligaspiel ein, wettbewerbsübergreifend hat sie neun der jüngsten zehn Partien gewonnen. Das bringt selbst einen alten Hasen wie Marco Russ in Verlegenheit. "Nicht mal ansatzweise" könne er sich an so einen Lauf erinnern, sagte der 33 Jahre alte Verteidiger nach dem abgezockten 3:1 beim FCA. Ist ja auch schnuppe, es läuft's so rund wie lange nicht mehr. "Ganz Deutschland hat im Moment Spaß an der Eintracht", sagte Fan und Formel-1-Zweiter Sebastian Vettel. Er mag damit nicht ganz Unrecht haben.

Die Eintracht stellt mit 29 Toren den drittbesten Angriff der Liga und scheint das einzige Team zu sein, das der Dominanz der Borussias Einhalt gebieten möchte - und kann. Das magische Dreieck mit Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller ist blendend aufgelegt. Die drei haben 21 Tore erzielt, Jovic und Haller führen mit je neun Treffern die Torjägerliste an - mit Dortmunds Alcácer. In Augsburg traf Haller zum siebten Mal im siebten Spiel. Der bis dahin letzte Frankfurter, der diese Marke überbot, war Anthony Yeboah 1993. "Die Momente genießen wir einfach. Das haben wir uns hart erarbeitet", schwärmte Trainer Adi Hütter: "Ich steige sicherlich nicht auf die Euphoriebremse, sondern ich lasse die Jungs laufen, wenn sie taktisch diszipliniert sind." Zurzeit rauschen diese Jungs gen Champions League. Am Donnerstag können sie ihre internationale Tauglichkeit beweisen. Dann kommt der französische Erstligist Olympique Marseille zum vorletzten Gruppenspiel in der Europaliga ins Waldstadion.

4. Düsseldorf hat Verhandlungspech

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Wir müssen nun einmal lobhudeln und aus unserer Bundesliga-Vorschau über Fortuna Düsseldorf zitieren:

"Kick it like Robben" hat der "Express" am Flinger Broich ausgemacht. Die Fortuna hat eine neue Attraktion. Sie (also eigentlich natürlich er) heißt Dodi Lukebakio. Und auch die "Bild"-Zeitung hat sich im Boulevardrausch direkt in den 20-jährigen Leihspieler vom FC Watford verliebt [...]. Da sich aber selbst die von hektischen Euphorieschüben verschonte "Süddeutsche Zeitung" zu vorsichtiger Begeisterung für Lukebakio hinreißen lässt, sagen wir einfach mal: bestimmt 'nen guter Mann."

Wir sehen uns bestätigt. Drei Tore schoss Lukebakio im Spiel beim FC Bayern. Drei Tore gegen die Münchner, das gelang in der Bundesliga zuletzt dem Schalker Ebbe Sand 2001. Fortunas Angreifer ist jedoch der erste, der gegen Manuel Neuer in einem Bundesligaspiel drei Tore erzielte. Das hatte in der Champions League nur Cristiano Ronaldo geschafft. Beim 4:2 nach Verlängerung mit Real Madrid im Halbfinal-Rückspiel gegen die Bayern im April 2017. "Wir dürfen nicht Ronaldo mit mir vergleichen, bitte nicht", sagte Lukebakio. Das ist nicht nur sehr höflich, sondern auch sehr richtig. Eine große Karriere könnte ihm trotzdem bevorstehen. Allerdings nicht bei der Fortuna, denn die muss er im Sommer verlassen. Eine Kaufoption für Lukebakio haben die Düsseldorfer beim einjährigen und 200.000 Euro teuren Leihgeschäft mit Premier-League-Klub Watford nämlich nicht ausgehandelt.

5. Schalke wird zwangs-skrzybskisiert

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Liebe Schalker, schon gelernt, den Namen des neuen Torjägers Steven Skrzybski zu buchstabieren? S-K-R-Z-Y-B-S-K-I. Ist doch gar nicht so schwer. Genauso wie das Toreschießen. Das hat er eindrucksvoll beim 5:2 (2:1)-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg bewiesen. Der 26-Jährige aus Berlin-Mahlsdorf stand zum ersten Mal in der Schalker Startelf und "wollte dem Trainer dann auch in der Form danken, dass ich alles reinhaue". Prompt schoss er zwei Tore, was bei der bis dahin mageren Schalker Ausbeute von acht Treffern arg ins Gewicht fällt. "Hättet ihr früher haben können", frotzelte der 1. FC Union Berlin. Bevor Skrzybski im Sommer für 3,5 Millionen Euro nach Gelsenkirchen ging, spielte er 18 Jahre lang bei den Eisernen. Die wissen um die Qualitäten des Schalke-Fans und verstanden nicht, weshalb er auf der Bank schmorte. Nach den Ausfällen von Mark Uth, Breel Embolo und Cedric Teuchert blieb Trainer Domenico Tedesco nun keine Wahl, Schalke wurde zwangs-skrzybskisiert. Guido Burgstaller ließ sich von der Leichtigkeit seines Sturmpartners anstecken und traf erstmals seit fünf Spielen. In der Tabelle spiegelt sich das noch nicht wider, mit 13 Punkten verharrt Schalke auf Rang 14. Doch vielleicht hat Tedesco nun ein Erfolgsrezept für den Weg aus der Krise und der Torflaute gefunden. Mancher muss eben zu seinem Glück gezwungen werden.

6. Herthas Adventsfußball macht Spaß

Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann wird dieser These mutmaßlich ungern zustimmen. Aber seine Spieler haben den Sieg im Berliner Olympiastadion, gelinde gesagt, vermasselt. Aus einem 3:1-Vorsprung wurde am Ende nur ein 3:3 gegen die Hertha. Zweimal verspielten die Hoffenheimer eine Zwei-Tore-Führung. Deshalb wetterte der Trainer gegen die eigene Abwehr: "Die Haltung zur Defensive, die beginnt zwischen den Ohren", sagte Nagelsmann und prangerte das "schöngeistige Spiel" seines Teams an. Das klingt so, als sei die Hertha eine Thekenmannschaft. Dieser Annahme möchten wir hier vehement widersprechen. Nun gut, die Abwehrleistung ist wie bei den Hoffenheimern optimierbar. Aber das weiß Pal Dardai selbst am besten. "Die ersten zwei Tore waren vorgezogene Nikolausgeschenke", sagte Herthas Trainer. Doch wie sein Team nach vorne spielt und Rückstände wettmacht, ist ansehnlich. Höhepunkt war der Fernschusskracher von Valentino Lazaro in der 87. Minute. Der Österreicher hätte offenbar auch noch länger als 90 Minuten gespielt. "Es war ein Tag, an dem du gegen eine gute Mannschaft wie Hoffenheim sechs, sieben oder sogar acht Tore in einem Spiel machen kannst", sagte er. Das sollte Herr Nagelsmann lieber nicht hören.

Quelle: n-tv.de

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