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Bundesliga-Lehren am 4. Spieltag Der FC Bayern "ist keine Kreisliga-Truppe"

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"Wir haben in der ersten Halbzeit für mich persönlich das beste Spiel gemacht, seitdem ich hier bin": Niko Kovac.

(Foto: imago images / opokupix)

Niko Kovac steht beim FC Bayern wieder in der Kritik. Der Vorwurf: Der Trainer habe beim Remis in Leipzig taktisch gepatzt. Bleibt die Frage, ob die Spieler nicht einfach mal von sich aus reagieren können. Der BVB zieht seine Kreise. Freiburg überrascht - nicht.

1. Das Problem des FC Bayern steht auf dem Platz

Fredi Bobic hat früher selbst Fußball gespielt, mitunter ganz erfolgreich. Und er hat als Sportchef bei Eintracht Frankfurt mit dem Trainer Niko Kovac gearbeitet. Der ist nun beim FC Bayern angestellt und steht im Grunde permanent in der Kritik. Nach dem 1:1 (1:1) bei RB Leipzig am vierten Spieltag der Fußball-Bundesliga lautete der Vorwurf, Kovac habe nach der Pause nicht oder nur unzureichend auf die taktischen Umstellungen seines Kollegen Julian Nagelsmann reagiert. Dazu sagte Bobic am Sonntag im "Doppelpass" bei Sport1: "Der Trainer hat doch eingegriffen. Er hat von außen auch etwas gesagt. Aber auch die Spieler müssen selbst erkennen, dass da eine Umstellung stattgefunden hat."

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Bisschen spät: Philippe Coutinho.

(Foto: imago images / MIS)

Schließlich rede man beim FC Bayern "nicht von einer Kreisliga-Truppe". Das hat zwar auch niemand behauptet, dennoch ist der Hinweis wichtig. Natürlich ist der Punkt zu wenig für die Ansprüche eines Klubs, der seit 2013 alljährlich Meister wird und nun in der Tabelle hinter dem SC Freiburg steht. Das kann so früh in der Saison passieren - was allerdings in Leipzig nach dem Seitenwechsel passierte, lässt einmal mehr Kritik an Kovac erwachsen. "Wir haben in der ersten Halbzeit für mich persönlich das beste Spiel gemacht, seitdem ich hier bin", sagte Kovac. In der zweiten Hälfte änderte sein Leipziger Gegenüber Julian Nagelsmann die Taktik, darauf fand der FC Bayern keine Antwort, der vermeintliche Heilsbringer Philippe Coutinho kam zu spät, um noch Impulse zu setzen. Aber liegt diese fehlende Reaktion allein am Trainer? Immerhin ist der FC Bayern, wie wir jetzt wissen, keine Kreisliga-Truppe, sondern sieht sich selbst als Titelaspirant in der Champions League. Das Team sollte in der Lage sein, auch mal eigenverantwortlich auf einen Gegner zu reagieren.

2. Leipzigs Nagelsmann genügt ein simpler Kniff

Zumal dem Leipziger Trainer Nagelsmann eine im Grunde simple taktische Rochade genügte, um die Bayern, die in der ersten Halbzeit noch so dominiert hatten, aus dem Tritt zu bringen. Er brachte Diego Demme für den etwas indisponierten Lukas Klostermann, stellte in der Abwehr von Dreier- auf Viererkette um und hatte so einen Spieler mehr im defensiven Mittelfeld. Hinterher sagte er: "Der Punkt ist nicht mega-unverdient. "

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Starkes Hemd, starke Taktik: Julian Nagelsmann.

(Foto: dpa)

Aber: "Wenn ich nun als Verlierer hier sitzen würde, hätte ich auch nicht gesagt, dass es ein glücklicher Sieg für Bayern war." Aber selbst er grübelte ein wenig, wie die Bayern das Spiel so aus der Hand geben konnten. Er war damit nicht allein. Münchens Torhüter und Kapitän Manuel Neuer sagte, ihm und seinen Kollegen sei durchaus bekannt, dass Nagelsmann bisweilen sein Team umstellt. "Das ist nichts Überraschendes. Wir müssen darauf reagieren, mutiger sein und mit dem Selbstverständnis der ersten Halbzeit weitermachen." Das taten sie aber nicht und verschenkten den Sieg. "Wir haben zu lange gebraucht, um uns von der Aggressivität und der Zweikampfführung her darauf einzustellen", sagte Thomas Müller. "Ich würde mir wünschen, dass wir uns etwas früher darauf einstellen und schneller reagieren." Also doch Kreisliga?

3. Freiburg ist keine Überraschungsmannschaft

"Wir haben eine hohe Dichte im Kader, einen sehr guten Charakter und halten fest zusammen", sagte Freiburgs Janik Haberer nach dem 3:0 (2:0) in Sinsheim, dem dritten Sieg des kleinen SC Freiburg in dieser Saison. Das ist eine Aussage, die den Fußballromantikern Tränen der Rührung in die Augen treiben dürfte. Charakter und Zusammenhalt reichen gemeinsam mit einer hohen Dichte auf mittlerem Niveau, um die Liga durcheinander zu wirbeln? Nein, natürlich nicht. Es gehört auch ein guter Plan dazu. Und den bekommen die Spieler von Christian Streich bisher gut durchgedrückt. "Es ist kein schlechtes Gefühl, wenn man so dominant auftritt", sagte Torwart Alexander Schwolow.

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Läuft bei ihnen: Christian Streich und der SC Freiburg.

(Foto: imago images / Hartenfelser)

Wie schon beim 3:0 zum Auftakt gegen Mainz 05 provozierte der neuerdings Tabellendritte auch gegen die TSG Hoffenheim durch hohes Anrennen Fehler, die zu leicht verdienten Toren führten. "Entscheidend war heute die Mentalität. Wir haben auch nach der Führung immer weiter gearbeitet. So konnten wir den Druck von Hoffenheim einigermaßen weghalten", freute sich Streich hinterher über die effektive Arbeit seines Teams. Ist der SC Freiburg nun das Überraschungsteam der Saison? Mit dem Blick auf die Tabelle: sicher! Ein Teil der Wahrheit ist jedoch auch: Die Spielplaner haben es gut gemeint mit den Freiburgern: Mit Mainz, Paderborn, Köln und der vor allem offensiv völlig durcheinander gewirbelten TSG Hoffenheim warteten zum Auftakt gleich vier Teams in Schlagdistanz. Schlagen muss man sie jedoch dennoch erstmal. Weiter geht es mit dem FC Augsburg und Fortuna Düsseldorf. Vier Punkte wären da auch vor der Saison schon keine Überraschung mehr gewesen.

4. Paco Alcácer trifft und trifft

Acht Spiele, zehn Tore. Paco Alcácer trifft in dieser Saison bislang nicht nur wie er will, sondern jedes Mal, wenn er auf dem Feld steht. Beim 4:0 (1:0) der Dortmunder Borussia gegen Bayer 04 Leverkusen erzielte er die Führung, sein fünftes Tor in der Liga. Die Länderspielpause hatte der spanische Angreifer genutzt, um für seine Nationalmannschaft in zwei Partien dreimal den Ball im Netz unterzubringen.

Dass er auch beim Dortmunder Erstrundenerfolg im DFB-Pokal in Düsseldorf gegen den Drittligisten KFC Uerdingen erfolgreich war? Logisch. Der 26-Jährige scheint erstmals in seiner Zeit beim BVB wirklich verletzungsfrei zu sein, und die Kollegen Marco Reus und Jadon Sancho erschweren ihm das Toreschießen nicht unbedingt. Am Dienstag (an 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) bietet sich ihm die Chance, seinem Ex-Klub eins auszuwischen. Zum Champions-League-Auftakt gastiert der FC Barcelona bei den Westfalen. Dort spielte Alcácer von 2016 bis 2018, offenbar ohne sich wirklich wohl zu fühlen. "Einige Leute" hätten "mich schlecht behandelt" und "ihr Wort nicht gehalten", sagte er, ohne zu verraten, wer gemeint war. Wenn Paco Alcácer Wort hält, trifft er auch in seinem neunten Spiel.

5. Herthas auffällig dauerhaftes Pech

Kurz vor Saisonstart lieferte Hertha BSC die Schlagzeilen im Sportzirkus: Ein Investor mit zweifelhaftem Leumund stieg ein und will den Verein zum "Big City Club" aufblähen, wie eben jener Lars Windhorst seine Vision umschrieb. Kurz nach der Ankündigung zurrten sie denn auch gleich mal mit Dodi Lukebakio den teuersten Transfer der Klubgeschichte fest. Aufbruchstimmung machte sich im Berliner Westen breit, mal wieder. Und heute, drei Bundesligaspieltage nach dem zum neuen Big-City-Club-Gefühl passenden 2:2 gegen den FC Bayern? Ist alles schon wieder auf Durchschnitt geschrumpft - wenn überhaupt.

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Spielunglücklich: Ante Covic.

(Foto: dpa)

In Mainz holte man sich mit der dritten Niederlage in Serie die Rote Laterne ab und Trainer Ante Covic barmte: "Du brauchst Spielglück und das haben wir nicht." Nun ist immer Pech halt auch irgendwann mal kein Pech mehr, sondern Unvermögen. Immerhin habe man "ein anderes Gesicht als auf Schalke gezeigt"  In Gelsenkirchen hatten sich die Berliner zwei Tore selbst reingeschossen. Das immerhin überließ man diesmal den dafür zuständigen Mainzern. Nach dem schlechtesten Saisonstart der Hertha seit 29 Jahren lässt sich konstatieren: Auch die schönste Aufbruchstimmung kann fehlende Qualität nicht ewig verschleiern. Herthas Pech ist, dass die durch viele Millionen und windige Sprüche gestützte Euphorie genau 90 Minuten und eine darauf folgende Woche anhielt.

6. Augsburg ist schwerer als Arsenal oder der BVB

In Frankfurt lieben sie Martin Hinteregger: Der Österreicher verteidigt hart und konsequent, ließ sich aber auch nach seinem Elfmeterfehlschuss im Halbfinal-Rückspiel der Europa League in London unter Tränen von den eventuell noch härteren Jungs in der Fankurve trösten. In der Sommerpause ließ "Hinti" keinen Zweifel daran, nach seiner Leihe endgültig nach Frankfurt wechseln zu wollen. Zutaten, aus denen Klublegenden gemacht werden. In Augsburg haben sie ein anderes Verhältnis zu ihrem ehemaligen Verteidiger: Der spülte zwar dann letztendlich zehn Millionen Euro in die Klubkasse, er hatte aber eben auch siehe oben. Und mehr. Der ausdauernd vorbereitete Abschied Hintereggers war eine der unappetitlichsten Transfergeschichten der jüngeren Bundesligahistorie.

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Neulich in Augsburg: Martin Hinteregger.

(Foto: imago images / eu-images)

Nun kehrte der Frankfurter nach Augsburg zurück - und stand sichtbar unter Druck. Die Körpersprache war lange nicht so aufrecht vorwärts gewandt, wie sonst. Und sportlich machte der begabte Klotz Fehler: Die Spieleröffnung mutete in einzelnen Szenen an, als wollte er sich bei den Kreisliga-Kommentatoren beliebt machen, die jeden unbedrängten Befreiungsschlag als kompromisslose Abwehraktion feiern, 23 Fehlpässe waren der "Bestwert" in seiner Mannschaft, vor dem 0:1 hatte er das entscheidende Kopfballduell gegen Alfred Finnbogason verloren. Hinteregger dürfte froh sein, dass er den selbst verschuldeten Spießrutenlauf hinter sich gebracht hat. Denn die 1:2-Niederlage gegen den FC Augsburg war aus Sicht des - je nach Lesart - Kult- oder Skandalprofis der Beweis: Unter Druck entstehen nicht automatisch Diamanten, sondern meistens schlicht Fehler. Die gute Nachricht: Jetzt kommen nacheinander Arsenal und der BVB. Das macht vieles leichter. Zumindest für Martin Hinteregger.

Quelle: n-tv.de

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