Fußball

Bundesliga-Check: München Der beste FC Bayern, den es je gab

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30 Tore und mehr: Robert Lewandowski ist im Angriffsmodus.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Deutscher Fußballmeister wird nur der FC Bayern. Falls jemand wegen alternder Stars, einem vergleichsweise unerfahrenen Trainer, Hoeneß'schen Irrtümern und WM-traumatisierten Nationalspielern auf Spannung hofft: Sorry, wird nicht passieren.

Die 56. Spielzeit der Fußball-Bundesliga hat noch nicht einmal angefangen, schon schmückt sich der FC Bayern mit zwei Titeln. Nach dem Gewinn des Supercups diversifiziert neuerdings die Auszeichnung "Mehrweg-Meister" das Vereinsportfolio. Nun ist der Verzicht auf Einwegbecher im Stadion eine ehrenwerte Sache, hat mit dem sportlichen Können aber wenig zu tun. Wegweisend für den Saisonverlauf könnten die präsaisonalen Titel dennoch sein. Am Ende wird es vermutlich so aussehen, dass der FC Bayern zum siebten Mal in Folge Deutscher Meister wird. Alles andere wäre eine Überraschung und widerspricht den meisten Erkenntnissen, die der deutsche Rekordmeister in den vergangenen Wochen zugelassen hat.

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Niko Kovac weiß als ehemaliger Bayernprofi, wie der deutsche Rekordmeister tickt.

(Foto: imago/Philipp Szyza)

Fragezeichen vor dem Saisonstart gibt's dennoch. Und zwar nicht erst seit dem mühsamen 1:0 im DFB-Pokal beim Viertligisten SV Drochtersen/Assel. Kann Niko Kovac den Generationswechsel einleiten? Genügt der international unerfahrene Trainer den Titelansprüchen in der Champions League? Wie nachhaltig sind die Misstöne zwischen Torjäger Robert Lewandowski und seinem Arbeitgeber tatsächlich?

Was gibt's Neues?

Eine Ära, die aus Sicht der Münchner unbedingt erfolgreich sein muss. Mit Kovac setzen die Verantwortlichen Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß auf Stallgeruch statt internationale Titelkompetenz. Der Klub hat sich eine neue Identität verordnet, vertraut mehr auf die eigenen Tugenden als darauf, große Namen des Weltfußballs anzuwerben. Ein radikaler Schritt nach der Saison mit Retter Jupp Heynckes, der sich mit einer klaren Absage an den Klub in den Ruhestand zurückgezogen hat. Allerdings scheinen sie in München überzeugt, dass der gewählte Weg ein erfolgreicher ist: "Schon nach sechs Wochen kann man sagen, dass wir den richtigen Trainer verpflichtet haben", sagte Präsident Hoeneß beim Bezahlsender Sky. Jung, aufstrebend und erfolgshungrig zu sein ist an der Säbener Straße eine gern gesehene Eigenschaft. Die ist zudem wegweisend für die Route, die der Klub einschlagen will - ein Hauch von Generationswechsel ist bereits zu spüren.

Dazu gehört der Umbruch im Kader, den Kovac und Sportdirektor Hasan Salihamidzic sanft anschieben. Die "Null-Euro-Bayern"  haben lediglich drei Zugänge zu vermelden. Und streng genommen werden die dem Anspruch an den Neuheitswert nicht einmal gerecht. Offensivspieler Serge Gnabry kehrt nach einem weiteren Ausbildungsjahr bei der TSG Hoffenheim zurück, zudem kommt mit dem Ex-Schalker Leon Goretzka eine "heiße deutsche Aktie fürs Mittelfeld" ("Kicker") ablösefrei. Auch Renato Sanches, einst geführt in der Kategorie "teuerster Irrtum aller Zeiten", erhält eine neue Chance - Münchner Verjüngungskur zum Nulltarif. Dass die drei von Beginn an eine Führungsposition einnehmen, ist unwahrscheinlich. Anders als sein Vor-Vorgänger Carlo Ancelotti scheint Kovac jedoch gewillt, die jüngeren Spieler zu integrieren. Denn es sei ja so: "Die, die spielen, sind Superstars. Die, die auf der Bank sitzen, sind Superstars. Und die, die auf die Tribüne müssen, sind auch Superstars."

Auf wen kommt's an?

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Die WM-Fahrer im Kader müssen sich beweisen - darunter Thomas Müller ganz besonders.

(Foto: imago/Eibner)

Jung-Offensive hin oder her - entscheidend wird sein, wie der DFB-Unterbau die katastrophale WM verarbeitet. Die Bundesliga soll Thomas Müller, Mats Hummels, Joshua Kimmich, Jérôme Boateng, Niklas Süle und Manuel Neuer als Frustbewältigung dienen. Doch abgehakt ist das blamable Auftreten in Russland nicht, wie Innenverteidiger Hummels zugab: "Das war die größte Enttäuschung, die ich im Sport erlebt habe. Das wird noch ein bisschen wehtun." Entsprechend groß ist die Motivation, es besser zu machen. Im Nationaltrikot, aber ebenso mit dem FC Bayern. Auch dort ist der Druck hoch. Hoeneß machte deutlich, dass er seine Spieler in der Verantwortung für den gesamtdeutschen Fußball sieht. Dass außer Neuer bei der WM niemand seine Leistung gebracht hat, alarmiert den Klub allein unter dem Aspekt der Eigenvermarktung. Für einen ist die Spielzeit entscheidend. "Wir brauchen Thomas Müller in bester Verfassung.", sagte Rummenigge über den 28-Jährigen, der nicht nur eine völlig missratene WM, sondern auch eine arg durchwachsene Saison gespielt hat. Ungewohnt harsche Worte für die erfolgsverwöhnten Münchner. Schaffen es die Spieler allerdings, die Kritik in etwas Positives umzuwandeln, könnte die Liga die besten Bayern erleben, die es je gab. Zumindest die motiviertesten.

Wer kein Motivationsproblem hat, sind die beiden Altstars Arjen Robben und Franck Ribéry. Ersterer hatte den Trainer im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" ins Schwärmen gebracht: "Ich hatte schon viel von ihm gehört, aber er hat alle Erwartungen um ein Vielfaches übertroffen. Was dieser Mann jeden Tag für seinen Beruf tut, ist faszinierend." Auch Ribéry habe ihn erstaunt. Der sei "nach wie vor ein Weltklassespieler" und ein "Mentalitätsmonster" sondergleichen. Spielen wollen die beiden immer, die Verträge wurden im Frühsommer um ein weiteres Jahr verlängert. Gut möglich, dass die Saison für den 34-jährigen Robben und den 35-jährigen Ribéry die letzte Chance auf einen Titel mit München ist. Wie gesagt, an Motivation fehlt es der vielleicht besten Flügelzange der Bundesliga-Geschichte nicht.

Was fehlt?

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Uli Hoeneß vertritt bei Robert Lewandowski eine strikte Null-Transferpolitik.

(Foto: imago/ActionPictures)

Die Harmonie. Die war zuletzt durcheinandergeraten, nachdem Lewandowski kundgetan hatte, einer beruflichen Veränderung nicht abgeneigt zu sein. Das hatte in München für Irritationen gesorgt. Kein Spieler ist wertvoller als er, der mit 180 Treffern in 257 Ligaspielen auf Platz drei der ewigen Torschützenliste rangiert. Der öffentlich ausgetragene Disput nahm bizarre Züge an. Da war auf der einen Seite der FC Bayern, der am Torjäger ein Exempel statuierte. Die Botschaft: Erpressen lassen wir uns nicht. Andererseits war da Lewandowski, der sich als Sündenbock fühlte. Insbesondere nach dem verpassten Einzug ins Halbfinale der Champions League war die Kritik enorm, von den Münchner Verantwortlichen sah er sich im Stich gelassen. "Ich habe in zwei, drei wichtigen Spielen kein Tor geschossen und plötzlich hieß es für alle: Feuer frei gegen Lewandowski. Ich habe niemanden gesehen, der damals hinter mir stand. Auch keiner der Bosse hat mich verteidigt", sagte Lewandowski der "Sport-Bild". Inzwischen sei ein Abschied jedoch kein Thema mehr: Er habe "gute Gespräche" mit Kovac geführt und verschwende keine Gedanken mehr ans Ausland. Und auch von Hoeneß waren versöhnliche Töne zu hören: "Wenn er sich wieder voll auf Bayern konzentriert, haben wir den besten Neuzugang, den wir je hatten." Offen bleibt, ob der Klubboss das Wörtchen "wenn" nun temporal oder konditional gemeint hat.

Wie lautet das Saisonziel?

Wer wissen will, wo es in dieser Saison hingeht, findet die Antwort in den Augen von Kovac - sagt er zumindest. Wer hofft, dass der FC Bayern nachlässt, hat Pech gehabt. Sagt Rummenigge: "Dieses Gen, das satt macht, fehlt in unserer DNA." Der Trainer weiß, was er will. Und was sein Arbeitgeber von ihm verlangt. Wer die traurige Singleparty auf dem Münchner Rathausplatz Ende Mai verfolgt hat, wird zustimmen: Das Meister-Abo reicht nicht, um den eigenen Ansprüchen zu genügen. Ein Erfolgsindikator ist der nationale Titel längst nicht mehr, sondern in Anbetracht der schwächelnden Konkurrenz eine Selbstverständlichkeit. "Wir wollen alles gewinnen", ließ Vorstandsboss Rummenigge durchblicken. Kovac wird liefern müssen. Ein Erfolgsdruck, mit dem er offenkundig umgehen kann. Er sei, so Kovac in der "SZ" sicher, dass seine Chefs einen selbstbewussten Trainer und keinen Jasager wollen.

Die Prognose von n-tv.de

Prinzipiell sind wir selten einer Meinung mit Lothar Matthäus, müssen der personifizierten Fußballexpertise aber in einem Punkt zustimmen: Meister wird nur der FC Bayern. Wer in Anbetracht von alternden Stars, einem unerfahrenen Trainer, Hoeneß'schen Irrtümern und WM-traumatisierten Nationalspielern auf ein offenes Rennen gehofft hat: Sorry, vergessen Sie's. Also: Meisterschale einpreisen, Rathausbalkon reservieren. Und der Präsident muss nicht einmal seinen Draht nach Schwalmtal bemühen.

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Quelle: n-tv.de

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