Fußball

Die Lehren des elften Spieltags Die Bayern verhöhnen Borussia Dortmund

144245fd5158d996dc1b8e729d8e62df.jpg

Und plötzlich läuft es wieder beim FC Bayern.

(Foto: imago images/GEPA pictures)

Der FC Bayern demütigt Borussia Dortmund nicht nur, sondern weckt sogar romantische Gefühle. Fredi Bobic spricht undeutlich. Mainzer Wege haben ein Ende, während Freiburg nach Europa blickt. Die Lehren des elften Spieltags der Fußball-Bundesliga.

1. Der FC Bayern weckt romantische Gefühle

Ein bisschen überhöht werden die Spiele zwischen dem FC Bayern und der Borussia aus Dortmund in der Bundesliga ja immer. An diesem elften Spieltag aber trieb es der Münchener Stadionsprecher Stephan Lehmann ein wenig zu sehr auf die Spitze. Mit einem ziemlich schrägen Vergleich zum Mauerfall, der jährte sich am Samstag bereits zum 30. Mal, betonte er die Aufmerksamkeit, mit der dieses Fußballspiel bedacht werde. Weder national noch international hält dieser Vergleich stand. Wenngleich dieser Samstagabend sicher als die x-te Wiederauferstehung des FC Bayern und seines beliebtesten Botschafters Thomas Müller in irgendeinem Almanach vermerkt werden wird.

imago44512149h.jpg

Gekommen, um zu bleiben? Hans-Dieter Flick, den alle Hansi nennen.

(Foto: imago images/ActionPictures)

Es war ein Abend, der die Liga jäh wieder in die beiden Ewigkeitskategorien "Mia-san-mia" und "Rest" einteilte. Einsortiert von einer furiosen Elf aus München, die mit 4:0 (1:0) über einen völlig teilnahmslosen BVB hinweggedonnert war. Und selbst wenn die Leistung der Dortmunder eine Frechheit war, die intern für gewaltigen Ärger sorgte, so darf der FC Bayern für sich beanspruchen, wieder oder immer noch eine Mannschaft zu sein, die Titel gewinnen kann. National sowieso. International mit ein wenig Losglück vielleicht sogar auch. Das ist schon eine bizarre Wende, noch vor acht Tagen war das Team totgeschrieben worden. Zu viele fußballerische Katastrophen oder ganz knapp verhinderte Katastrophen hatten der Kader und sein nie akzeptierter Trainer Niko Kovac erlebt.

Die Reißleine, die der Klub folglich am Sonntag vergangener Woche zog, sie riss nicht nur Kovac aus dem Amt, sondern auch die Lethargie aus der Mannschaft. Beim 2:0 gegen Olympiakos Piräus in der Champions League war's zunächst noch etwas klebrig, gegen den BVB aber furios. Defensiv standen die Bayern superstabil, ließen nur eine große Chance zu. Sie waren sich auch nicht zu schade, den Ball einfach mal brutal wegzunageln. Was unter Josep Guardiola noch eine Auswechselung nach sich gezogen hätte, brachte unter dem verlängerten Interimstrainer Hansi Flick Szenenapplaus ein. Konzentriert verteidigen, schnörkellos spielen (klar, ein Trick durfte auch mal sein), konzentriert abschließen. Mit diesem optischen Minimalismus (natürlich steckte da auch ein pfiffiger Plan dahinter) weckten die Spieler bei den Fans wieder romantische Dominanzgefühle.

2. Borussia Dortmund wird verhöhnt

Axel Witsel wusste nicht, wohin er den Ball spielen sollte. Mats Hummels wusste nicht mehr, was er seinen Mitspielern noch sagen sollte. Und Achraf Hakimi hatte augenscheinlich völlig vergessen, was er eigentlich tun sollte. Verteidigen nämlich. Das aber tat er nicht. Überhaupt taten die Dortmunder in München nichts von dem, was sie sich vorgenommen hatten. Sie ließen sich einfach überrennen. Ohne Gegenwehr. Ohne Leidenschaft.

e0f869ad48442d7d331550d24022a10b.jpg

"Unglaublich": Lucien Favre.

(Foto: dpa)

"Unglaublich" fand Trainer Lucien Favre das, was er sich da über 90 Minuten anschauen musste. Die Mentalität der Mannschaft, eine große Debatte, die sie in Dortmund zuletzt recht mühevoll, aber erfolgreich verstummen ließen, dürfte nun wieder aufleben. So erkannte Ersatzkapitän Hummels nicht nur, dass seine Mannschaft keine Topmannschaft ist, zumindest nicht, wenn es darauf ankommt. Er vermisste auch das "Dagegenhalten, wenn der Gegner voll da ist". Männerfußball eben. So wie ihn der nun völlig enttäuschte Sportdirektor Michael Zorc gefordert hatte. Den aber nur der FC Bayern spielte, allen voran Müller. Der fühlte sich angespornt, drehte auf. Und erklärte hernach: "Immer wieder herrlich" sei es, wenn die Borussia kommt. Zum fünften Mal in Serie gab's nun amtlich einen auf die Mütze. Die Bayern-Fans, zuletzt selbst nicht gerade verwöhnt, verhöhnten den Gegner, der vor der Saison offensiv wie nie die Meisterschaft als Ziel ausgerufen hatte, ebenfalls. "Deutscher Meister wird nur der BVB", sangen sie. Das tat schon ganz schön weh.

3. Fredi Bobic spricht undeutlich

Ach, Fredi Bobic. Sicher, der Ausraster von Frankfurts Kapitän David Abraham war erst wenige Minuten her. Doch dass der Eintracht-Sportchef den Bodycheck seines Spielers gegen Freiburgs Trainer Christian Streich herunterzuspielen versuchte, war ganz, ganz schwach. "Das ist doch total unwichtig fürs Spiel", sagte Bobic im Sky-Interview. Stimmt, an der Niederlage beim Sport-Club änderte die Rote Karte in der Nachspielzeit der zweiten Hälfte nichts mehr. Bobic hatte auch Recht, als er sagte, die Szene habe nur Verlierer gehabt. Abraham natürlich, der sich auf ungewohnt viel Wochenendfreizeit freuen darf.

*Datenschutz

Freiburgs Vincenzo Grifo, der Abraham attackierte und (nicht mehr) auf der Bank sitzend ebenfalls die Rote Karte sah. Seine eigene Außendarstellung schloss Bobic jedoch vermutlich nicht ein. Statt klare Worte zu finden, flüchtete er sich in Ausreden. Abraham habe sich "halt provoziert gefühlt", weil Streich den ins Aus trudelnde Ball nicht stoppte, sondern durchlaufen ließ. Das allerdings passiert jeden Tag auf den Fußballplätzen der Welt. Und darf gerne kritisiert werden. Auch wenn es zu den fußballüblichen Nickligkeiten gehört, die bei eigener Führung und selbst ausgeführt natürlich in Ordnung sind, bei eigenem Rückstand allerdings plötzlich als höchst unsportlich gesehen werden. Gerade erst debattierten die Fußballer über die zunehmende Gewalt gegen Schiedsrichter. Gerade erst betonten die Profiklubs ihre Vorbildfunktion für den Amateursport. Dass Abraham diese komplett verfehlte, ist klar. Diese Verfehlung deutlich herauszustellen, wäre Bobic' Aufgabe gewesen.

4. Auch Mainzer Wege haben ein Ende

Nach dem 0:8 der Mainzer in Leipzig war an dieser Stelle noch davon zu lesen, dass die Verantwortlichen des 1. FSV Mainz 05 traditionell nicht zu öffentlichkeitsgetriebenen Panikreaktionen neigen. Eine Woche später ist Trainer Sandro Schwarz weg. Nach dem 2:3 gegen den 1. FC Union Berlin, das sich eine über 80 Minuten wenig trotzige Mannschaft selbst eingebrockt hat, war der Leidensdruck bei Sportvorstand Rouven Schröder offenbar zu groß und der Glaube, mit Schwarz doch noch den Richtungswechsel zu schaffen, zu klein. Eigentlich sieht es der Mainzer Weg vor, in Krisensituationen die Reihen zu schließen.

*Datenschutz

Das war unter Jürgen Klopp so, als die Mannschaft in der zweiten Bundesligasaison die ersten fünf Spiele verlor und in der Abstiegssaison 2006/2007 gar 16 (!) Spiele am Stück sieglos blieb. Und das war auch so unter Martin Schmidt, dem Schröder 2016/2017 tief im Abstiegsstrudel fünf Spieltage vor dem Saisonende das Vertrauen aussprach. Mit Siegen gegen Leipzig und in Dortmund tütete der Schweizer den Klassenerhalt noch ein. Auch an Schwarz hielt Schröder lange fest, obwohl das Vereins-Ur-gestein nie die Lobby seiner Vorgänger gehabt hat. Auch das dürfte dem ehemaligen Spieler, Jugend- und U23-Trainer letztendlich zum Verhängnis geworden sein. Dem Coach wurde neben der sportlichen auch die emotionale Trendwende nicht mehr zugetraut, die Reihen lassen sich hinter ihm nicht mehr schließen.

"Es ist eine einvernehmliche Trennung. Sandro hat nicht vermittelt, dass er die Entscheidung nicht verstehen kann", sagte ein mitgenommener Sportvorstand Rouven Schröder. Und man darf ihm glauben, wenn er sagte: "Sandro hat diesen Verein immer im Blick. Er hat diesen Verein geliebt und gelebt, er hat seine Spieler geliebt und gelebt." Bei den Spielern hatte man viel zu selten das Gefühl, dass sie den Ernst der Lage für ihren liebenden Trainer verstanden haben. So steht nun ein Stop-Schild am Mainzer Weg.

5. Gladbacher Fußball-Geschichten

Die bislang letzte ihrer fünf deutschen Meisterschaften gewann Borussia Mönchengladbach in der Saison 1976/1977. Nach elf Spieltagen vom sechsten Titel zu sprechen, ist sicher verfrüht. Aber der Saisonstart der Borussia erinnert an die Spielzeit vor 43 Jahren, als sie nach elf Spieltagen, umgerechnet auf die Drei-Punkte-Regel, bei 27 Zählern stand. Diesmal sind es 25 - und das Team von Trainer Marco Rose ist aktuell das einzige Spitzenteam der Liga. Denn: Seit vier Spieltagen steht Gladbach auf Platz eins, mindestens einer kommt noch dazu. Vier Punkte beträgt der Vorsprung auf die Leipziger, die ihrerseits nur vier Punkte vor Wolfsburg auf Platz zehn stehen und somit ein breites Mittelfeld anführen.

*Datenschutz

Die Stärke der Borussia ist ihre Torgefahr. Ramy Bensebaini trug sich mit seinem Premierentreffer beim 3:1 (1:0) gegen Werder Bremen als zehnter Spieler in die Torschützenliste ein, nur für Leipzig trafen mehr Akteure. Leicht heraus ragt Marcus Thuram, der im Sommer vom französischen Erstligisten EA Guingamp kam. Alle seine zehn Scorerpunkte sammelte der 22-jährige Angreifer in den vergangenen sieben Spielen, dazu köpfte er Gladbach am Donnerstag gegen AS Rom spät zum Sieg. Noch ein Grund, warum die Fohlen nach 43 Jahren Pause einen guten Meister abgeben würden: Damals, im September 1976, erblickte Trainer Rose das Licht der Welt. Und solche Geschichten schreibt doch nur der Fußball, oder?

6. Freiburger Wege führen nach Europa

Zur Saison 2020/2021 ist er geplant, der Umzug des SC Freiburg. Vom Dreisam- in das neue Stadion, das Platz für 34.700 Fans bieten soll. Dann ist es vorbei mit dem kleinsten Platz im deutschen Profifußball, auf dem das eine Tor wegen des Gefälles fast einen Meter höher liegt als das andere. Es scheint, als gäbe es dort in der kommenden Spielzeit auch unter der Woche Fußballfeste zu feiern. Denn der Sport-Club steht seit dem ersten Spieltag immer auf einem Europapokalplatz. Aktuell ist es Platz vier. Vor den Champions-League-Teilnehmern aus Leverkusen und Dortmund, punktgleich mit dem amtierenden Double-Sieger aus München und dem Vizemeister aus Leipzig.

Das 1:0 gegen Frankfurt war bereits der sechste Sieg im elften Spiel, in der Vorsaison gab´s insgesamt nur acht. Den Treffer zum Sieg erzielte Bundesliga-Rekordjoker Nils Petersen, es war sein viertes Tor in den vergangenen drei Spielen. Gegen Leipzig (2:1) war's sein 22. Tor als Einwechselspieler, in Bremen (2:2) sicherte sein Doppelpack den Punktgewinn. Trainer Christian Streich setzt dabei mit Erfolg auf junge Spieler. Die beiden 23 Jahre alten Robin Koch und Luca Waldschmidt haben sich ins Blickfeld von Bundestrainer Joachim Löw gespielt, der gleichaltrige Philipp Lienhart stabilisiert die Innenverteidigung. Torschütze Petersen war der einzige Spieler jenseits der 30, der gegen Frankfurt auf dem Platz stand. Es scheint, als führe dieser Freiburger Weg nicht nur in ein neues Stadion, sondern auch nach Europa.

Quelle: n-tv.de