Fußball

Löw sendet gefährliche Signale Die DFB-Marionetten müssen wieder tanzen

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Julian Brandt und Co müssen gegen die Ukraine wieder liefern.

(Foto: imago images/Bernd König)

Ohne Pause geht es weiter: Obwohl die Corona-Pandemie den Fußball in Europa auf den Kopf stellt, zieht die Nationalmannschaft ihr Programm eisern durch. Dabei müssen Länderspiele derzeit einfach nicht sein. Die Spieler fühlen sich machtlos - und sehnen sich nach Zeit zum Durchatmen.

Beim Freundschaftsspiel zwischen Dänemark und Schweden fallen bei den Dänen 20 Spieler aus, auf beiden Seiten fehlen die Trainer wegen einer Covid-Infektion. England denkt darüber nach, das Nations-League-Heimspiel gegen Island wegen Corona in Deutschland austragen zu lassen. In der Bundesliga muss die TSG Hoffenheim nach etlichen positiven Tests geschlossen in Quarantäne. Und ach ja, die Basketball-Bundesliga muss Spiel um Spiel verschieben und der Handball-Nationalmannschaft gehen die Spieler aus, sodass Partien abgesagt oder verschoben werden. Aber bei der Fußball-Nationalmannschaft? Alles gut, meint zumindest Bundestrainer Joachim Löw. Obwohl Torwart Oliver Baumann den Tross jüngst verlassen musste, um sich mit der TSG in Quarantäne zu begeben.

Alle Spieler sind fit für das Nations-League-Duell am Samstag gegen die Ukraine (20.45 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de), lässt Löw auf der Pressekonferenz verlauten. Belastungssteuerung ist passé, auch für die kommende Partie in Spanien. "Nur wenn sich jemand verletzt, werde ich ihn nicht mit nach Spanien nehmen", sagt der Bundestrainer. "Alle Möglichkeiten, die wir ausschöpfen können, nutzen wir auch." Er will nun endlich wieder Ergebnisse liefern.

"Wir sind die Puppen"

Der Gegner vom Samstag aus der Ukraine kann ein Lied von Corona-Ausfällen, Belastungssteuerung und Nerven raubenden Länderspielen singen. "Wir wissen noch nicht einmal, welche Spieler uns dann überhaupt zur Verfügung stehen, ob wir vielleicht neue dazubekommen werden", hatte Nationaltrainer Andrej Schewtschenko vor dem letzten Duell in der Nations League mit der DFB-Elf Anfang Oktober hilflos gesagt angesichts der damals insgesamt 14 (!) Ausfälle. Im Vergleich zum mühsamen 2:1-Hinspielsieg von Löws Team vor einem Monat ist die Ukraine nun personell deutlich besser besetzt. Sie sei "sehr gefährlich", warnte der Bundestrainer: "Wir müssen an die Grenzen gehen und mit aller Intensität und Leidenschaft spielen."

Doch ob bedeutungslose Länderspiele wie der Test gegen Tschechien oder auch die für viele nicht gerade spannende Nations League mit Reisen quer durch die Corona-Hochburgen Europas in diesen Zeiten sein müssen, wird nicht hinterfragt. Trotz Hygienekonzepten stecken sich Fußballer mittlerweile immer öfter an. Das ist lebensgefährlich für sie und für ihre Mitbürger - muss das sein? Besonders, da der komplette Amateursport pausieren muss? Nein, sagte beispielsweise Marcel Sabitzer, Kapitän von RB Leipzig und österreichischer Nationalspieler. Er sprach sich klar gegen Länderspiele in der Pandemie aus: "Wenn man sich gesellschaftliche Lage weltweit ansieht, dann ist es fragwürdig, wie man den Wettbewerb durchführt. Es ist zu hinterfragen, ob das in dieser Phase alles Sinn macht." Im Klub sei man ja unter sich, da funktioniere das System. Deshalb giftete der Leipziger, der sich machtlos fühlt, vor allem gegen die Uefa, denn "wir sind die Puppen, die das ausführen müssen".

Woche Pause ist "eine Wohltat"

Mit einer ähnlichen Analogie wie Sabitzer hatte Anfang der Woche schon Toni Kroos von sich hören lassen. Der Profi von Real Madrid fühlt sich als "Marionette" der Fifa und Uefa. Nations League, Klub-WM, Superliga? All das würde es nicht geben, wenn es nach Kroos ginge - und seiner Meinung nach hätten viele Kollegen dieselbe Auffassung. Diese Turniere würden geplant, "um finanziell alles rauszusaugen, natürlich auch körperlich alles rauszusaugen aus jedem einzelnen Spieler", meinte der Mittelfeldspieler. Vor dem Hintergrund der Pandemie kommt das alles für den Fußball-Fan noch weniger verständlich rüber - besonders wenn sich gestern Mannschaften für eine EM qualifizieren, die schon vor vier Monaten einen Sieger hätte küren sollen.

Auch DFB-Stürmer Timo Werner merkt auf der Pressekonferenz vor dem Ukraine-Spiel an: "Alle drei Tage zu spielen, ist sehr, sehr anstrengend." Zwar spiele er ohnehin lieber als zu trainieren, aber die Pause, die er nun durch das Aussetzen der Tschechien-Partie hatte, sei "wie ein zweiter Sommerurlaub" gewesen. Eine Woche ohne Spiel in Prä-Pandemie-Zeiten - zumindest in der Bundesliga - immer mal wieder Normalität, sei für ihn derzeit "eine Wohltat". Es sei "eine komische Zeit, eine anstrengende Zeit", sagt der Chelsea-Star, "Spieler brechen immer wieder weg oder müssen durch eine Covid-Infektion in Quarantäne."

Die Marionetten müssen tanzen

Natürlich hat auch der Bundestrainer die Überbelastung schon mehrmals angesprochen. Anfang der Woche appellierte er sogar auf dramatische Art und Weise: "Wenn wir Trainer nicht die höchste Vorsicht walten lassen, haben wir im nächsten Jahr größte Probleme." Vieles würde auf dem Rücken der Spieler ausgetragen, erkannte auch er, und die Verletzungsproblematik würde ab jetzt noch viel akuter. Aber heute spricht er sich auf der DFB-PK gegen eine Aufstockung der Kader für die EM 2021 aus. "20 Spieler plus drei Torhüter reichen für ein Turnier", sagt Löw, "auch wenn die Situation in der gesamten Saison schwierig sein wird". Kein gutes Signal.

Der Fußball sendet in dieser Zeit nicht die richtigen Zeichen. Weder für Fußball-Profis noch für die Gesellschaft. Es muss eben weiter gehen, so die Devise, Pandemie hin oder her. Bleibt da noch Platz für Rücksicht? Das Geld muss fließen. Und die Marionetten und Puppen müssen tanzen.

Quelle: ntv.de

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