Fußball

Politik bleibt in der Pflicht Gas-Vorrat spricht WM-Gastgeber Katar nicht frei

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Die deutsche Nationalmannschaft weist im März 2021 auf die Menschenrechte hin.

(Foto: imago images/ActionPictures)

Aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bewegt sich die deutsche Politik auf Katar zu. Der umstrittene Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft steht auf einmal auf der guten Seite. Oder nicht? Die früheren Bayern-Trainer Louis van Gaal und Hansi Flick sehen das anders.

Auf diplomatisch "schwankendem Boden" reiste der deutsche Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck dieser Tage in die Wüste. Dort am Golf soll die Zeitenwende in der deutschen Energiepolitik beginnen. Der lange Weg zu "Putin-freiem" Gas. Ausgerechnet in Katar, dem so umstrittenen Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2022.

Ausgerechnet in dem Emirat am Golf, dem die damalige Kanzlerkandidatin der Grünen und heutige Außenministerin, Annalena Baerbock, nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im Sommer 2021 mit einem Boykott des Weltturniers drohte. Katar war da bereits lange Zeit Rückzugsort für die radikalen Islamisten, die dann im vergangenen Jahr in ihre Heimat zurückkehrten. "Wenn ihr weiter die Taliban auf diese Weise unterstützt, wenn ihr weiter auf diese massive Art zu Menschenrechtsverletzungen beitragt, können wir nicht demnächst bei euch Fußball spielen", hatte Baerbock im ARD-Sommerinterview gesagt und damit eine weitere Debatte über die Winter-WM 2022 ausgelöst.

"Deutschland darf nicht mehr dieselben Fehler machen"

Nur wenige Monate liegen zwischen der Reise Habecks und Baerbocks Boykottforderungen. Doch die haben gereicht, um die Weltlage für lange Zeit massiv zu verändern. Der De-facto-Wirtschaftskrieg des Westens gegen Russland als Reaktion auf den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine durch Wladimir Putin und die über Jahrzehnte aufgebaute Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas hat Welten verschoben. Russland wird vollkommen zu Recht als größere Bedrohung wahrgenommen als das kleine Emirat am Golf.

Wenzel Michalski, der Direktor von Human Rights Watch Deutschland, hat trotz des politischen Dilemmas klare Forderungen: "Deutschland darf jetzt nicht mehr dieselben Fehler machen und zu Menschenrechtsvergehen schweigen, wenn es um Energie geht - oder nur halbherzig ansprechen. Das ist ja im Fall Russland gehörig nach hinten losgegangen", konstatiert er im Gespräch mit ntv.de. "Habeck sollte also jetzt sehr deutlich die Mängel benennen und bei weiteren Geschäften Menschenrechte zur Bedingung machen. Habeck hat zwar gesagt, er habe Arbeiterrechte angesprochen, aber gleichzeitig die Propaganda Dohas wiederholt, dass viel Positives schon passiert sei. Die Reformen wurden allerdings bisher viel zu wenig umgesetzt."

"Bullshit"

Denn die Bemühungen Habecks und der deutschen Wirtschaft konterkarieren auf den ersten Blick die immer wieder von verschiedenen Stellen vorgebrachten Forderungen nach einem Boykott der Fußball-WM. Und auch die Bemühungen, um die Verbesserungen der Menschenrechte und Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter im Emirat. So sie noch leben. Zahlreiche Menschen haben ihr Leben auf und neben den Baustellen der Weltmeisterschaft 2022 verloren. Daran und an der Heuchelei der FIFA, die vorgibt das Spiel entwickeln zu wollen und die Argumentation der Verbände und Vereine über den Dialog mit Katar einen Wandel herbeizuführen, orientiert sich die Kritik.

"Das ist Bullshit", sagt dann auch Louis van Gaal, der aktuelle Trainer der niederländischen Nationalmannschaft. "Es ist lächerlich, dass wir in einem Land spielen werden, um - wie die FIFA sagt - den Fußball dort zu entwickeln, in dem man ein Turnier dort austrägt. Bei dem Turnier in Katar geht es um Geld und kommerzielle Interessen. Darum geht es der FIFA." Die momentan im Emirat ohnehin immer präsent ist. Präsident Gianni Infantino lebt dort seit einiger Zeit. Geld. Immer wieder Geld.

Der Sport bekommt den Hals nicht voll. Auch vom Katar-Geld nicht. Die sind nicht nur Eigentümer eines französischen Superklubs, sondern auch Ärmelsponsor eines deutschen Superklubs, Rechteinhaber der Champions League und vertreten in der UEFA-Exekutive. Es besteht, daran gibt es keinen Zweifel, eine Abhängigkeit. In die man sich freiwillig begeben hat.

Aber Bayern München, mit Einnahmen, die sich in der aktuellen Spielzeit der Champions League bereits auf über 100 Millionen Euro belaufen, ist nicht abhängig von den Geldern Katars. Wie auch der Messi-Klub Paris St. Germain nicht und wie auch Newcastle United nicht von Saudi-Arabien. Natürlich benötigen die Vereine diese Gelder, um weiter im Konzert der ganz großen Klubs mitzumischen. Doch der Preis dafür ist hoch. Anders als die Politik befindet sich der Sport nicht in einer akuten Kriegsnotlage, er hat sich freiwillig dahin begeben. Für Geld und kommerzielle Interessen. Für nichts anderes.

"Nicht schweigend über die Gräueltaten hinwegsehen"

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Der saudische Kronprinz bin Salman (l.), Infantino und Putin bei der WM 2018.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das in Katar zu beobachtende Phänomen des Sportswashing ist nicht allein auf den Fußball beschränkt. Nicht anders ist es beim IOC um den deutschen Präsidenten Thomas Bach, und nicht anders ist es bei der Formel 1. Die Rennserie macht noch viel weniger einen Hehl aus ihrer Gier nach immer mehr Geld. Am Wochenende macht sie nach dem Auftakt in Bahrain Station in Saudi-Arabien, also dem Land, das in diesem Monat 81 Menschen hingerichtet hat und auch sonst mit einem archaischen Verständnis von Menschenrechten auffällt.

Auch die Vereinigten Arabischen Emirate sind im Reigen der Sportswashing-Nationen dabei, das Saisonfinale der Formel 1 findet etwa in Abu Dhabi statt. Michalski warnt nun, nachdem Habeck auch dort ins Geschäft gekommen ist: "Die VAE haben politische Gefangene - zum Beispiel Ahmed Mansour, der wegen freier Meinungsäußerung seit fünf Jahren in Einzelhaft sitzt. Die Emirate sind beteiligt am Jemen-Krieg, wo die Zivilbevölkerung in Armut und in den Tod geschossen wird und zivile Einrichtungen bombardiert werden", so Michalski. Das Land unterstütze den Russland-Alliierten General Chalifa Haftar in Libyen, für den auch die russische Wagner-Söldnergruppe kämpft - und halte Hof für Syriens Diktator Assad, so der Menschenrechts-Experte. Er konstatiert in Richtung Habeck: "Deutschland darf jetzt nicht mehr denselben Fehler machen wie mit Russland und schweigend über die Gräueltaten seiner Geschäftsfreunde hinwegsehen, sondern seine Macht als finanzstarker Businesspartner für die deutliche Verbesserung der Menschenrechte einsetzen, sonst geraten wir früher oder später wieder in Schwierigkeiten - wie jetzt schon."

Druck auf Katar muss bleiben

Auch Bundestrainer Hansi Flick ist mit Blick auf den Sport skeptisch: "Es darf nicht immer nur nach dem Geld gehen. Wir hatten zuletzt eine Fußball-WM in Russland, Olympische Winterspiele in Peking, im November kommt die WM in Katar - und immer gab es große Kritik", sagte er im Interview mit dem "Stern", in dem er einen Boykott der WM aber ablehnte. "Den Menschen in Katar wäre damit nicht geholfen. Wir wollen teilnehmen und dann Signale setzen. Das halte ich für effektiver", sagte er: "Zudem ist für viele Sportler eine WM der Karrierehöhepunkt. Der würde ihnen mit einem Boykott genommen."

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Wenn auch die Realpolitik in diesen Tagen ein Ausweichen auf Katar als Lieferant von Flüssigerdgas (LNG) erforderlich zu machen scheint, muss der Sport und somit auch der Fußball weiter Druck auf die Staaten ausüben und in Zukunft, wie Flick fordert, verbindliche Kriterien definieren und sich von dem Gigantismus verabschieden. Der ist der Hauptauslöser für die Vergabe von großen Sportereignissen an Diktatoren, an Autokraten und andere zweifelhafte Staaten. Für die WM in Katar lässt sich an der Vergabe nichts mehr ändern. Doch der Fußball ist weiter in der Pflicht.

"Die Fußballverbände haben eine große Chance, ihren Einfluss geltend zu machen, um die FIFA und Katar aufzufordern, ihren Menschenrechtsverpflichtungen nachzukommen, einschließlich der Wiedergutmachung für den Verlust des Lebens und der Existenzgrundlage von Wanderarbeitern", sagt Michalski: "Wenn nicht, wird die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft für diejenigen, die sie möglich machen, nicht gerade ein Fest sein."

Quelle: ntv.de

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