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DFB-Elf bei Cruijffs Erben Gurkentruppe? Wir doch nicht!

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"Verlieren ist nicht die Option, die wir bevorzugen", sagte Bayern-Stürmer Thomas Müller zur Situation der Nationalmannschaft.

picture alliance/dpa

WM-Desaster? Ja, aber! Die DFB-Elf sei doch keine Gurkentruppe, sagt Toni Kroos vor der Partie in den Niederlanden. Drei Punkte sollen her, schließlich will niemand in der Nations League absteigen. Aber: "Natürlich haben wir Druck."

Worum geht's?

Wer wissen will, wie ein Umbruch aussieht, sollte sich bei den Niederländern umschauen. Die waren für die beiden jüngsten großen Fußballturniere nicht qualifiziert und versuchen es nun mit einigen sehr aufregenden, sehr jungen Spielern. An diesem Samstag spielt die Elftal in der neuen Nations League (ab 20.45 Uhr im ZDF und im Liveticker bei n-tv.de) in Amsterdam gegen eine Mannschaft, die sich bisweilen gewünscht haben mag, im Sommer bei der Weltmeisterschaft in Russland gar nicht erst dabei gewesen zu sein. Während sich für das historische Aus in der Vorrunde mittlerweile der Begriff "Desaster" eingebürgert hat, sprechen sie beim DFB immer häufiger von einem Turnier, das halt nicht ganz optimal gelaufen sei.

Niederlande - Deutschland, 20.45 Uhr

Niederlande: Cillessen (FC Barcelona/29 Jahre/42 Spiele) - Dumfries (PSV/22/2), de Ligt (Ajax/19/9), van Dijk (Liverpool/27/21), Blind (Ajax/28/56) - Wijnaldum (Liverpool/27/50), de Jong (Ajax/21/2), Strootman (Marseille/28/42) - Promes (FC Sevilla/26/30), Depay (Lyon/24/40), Babel (Besiktas/31/51). - Trainer: Koeman
Deutschland: Neuer (FC Bayern/32/80) - Ginter (Mönchengladbach/24/20), Boateng (FC Bayern/30/75), Hummels (FC Bayern/29/67), Hector (1. FC Köln/28/40) - Kimmich (FC Bayern/23/34) - Müller (FC Bayern/29/96), Kroos (Real/28/88) - Brandt (Leverkusen/22/20), Werner (RB Leipzig/22/19), Sané (Manchester City/22/13). - Trainer: Löw
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)

Mittelfeldspieler Toni Kroos sagte: "Wir sind ja jetzt auch keine Gurkentruppe." Das Team sei vor den Partien am Samstag in der Johan-Cruijff-Arena und drei Tage später in Saint-Denis gegen Frankreich sehr motiviert und zuversichtlich. "Von daher streben wir sechs Punkte an." Das käme auch dem Bundestrainer zupass. Joachim Löw muss sich bewähren und steht, wie er mehrmals erwähnte, unter Beobachtung. Sollte seine Mannschaft die beiden kommenden Spiele verlieren, könnte es ungemütlich werden. Der Verband, allen voran Präsident Reinhardt Grindel, hatte zwar den Vertag mit seinem obersten Trainer vor der WM ohne Not vorzeitig bis 2022 verlängert, aber wie die "Süddeutsche Zeitung" nun berichtet, beinhaltet dieser Vertrag eine Klausel, nach der sich beide schon nach der Europameisterschaft 2020 voneinander verabschieden könnten. Und? "Wir äußern uns nicht zu Vertragsinhalten", ließ Pressesprecher Ralf Köttker auf Anfrage des Sportinformationsdienstes wissen.

Wie ist die Ausgangslage?

Die Deutschen haben im ersten Spiel in der Nationen Liga dem Weltmeister aus Frankreich in München ein torloses Unentschieden abgetrotzt, die Niederländer verloren im Stade de France. Da sich nur die beste Mannschaft dieser Dreiergruppe in der Liga A für ein Final-Four-Turnier im Juni 2019 qualifiziert und die schlechteste Mannschaft in die Liga B absteigt, wäre für die DFB-Elf ein Remis erst einmal kein schlechtes Ergebnis. Aber Kroos hat ja was anderes vor und überhaupt geht es für die die DFB-Elf und ihren Trainer darum, nach dem Desaster bei der WM wieder gut Wetter zu machen. Die Tatsache, dass der Trainer dabei überwiegend auf die Spieler vertraut, die es in Russland verbockt haben, erhöht den Druck. Ein Umbruch jedenfalls ist nicht zu erkennen, zumindest nicht beim Personal. Und so sagte Thomas Müller: "Natürlich haben wir nach dieser Weltmeisterschaft den Druck, wieder in die Erfolgsspur zurückzukehren." Aber: "Wir gehen mit einer gewissen Frische in die Partie und wollen auf jeden Fall zeigen, was wir können. Den Spielwitz, den man in den öffentlichen Einheiten erkennen konnte, den wollen wir mit ins Spiel rüber nehmen." Der Plan ist klar: "Wir wollen drei Punkte holen, um uns zu positionieren in der Gruppe." Und drei dann am Dienstag im Stade de France.

Wie ist das deutsche Team drauf?

Mit dem von Müller extra erwähnten öffentlichen Training am Montag in Berlin hatte der DFB eine kleine Charme-Offensive gestartet, die Ko-Trainer Marcus Sorg fast die Tränen in die Augen trieb. Wenn er die strahlenden Gesichter der vielen Kinder sehe, dann gehe ihm das Herz auf. Als ob jemand dem DFB in den vier Jahren zuvor verboten hätte, vor Publikum zu üben. Aber der Verband hat versprochen, auch vor dem Test am 5. November in Leipzig gegen Russland und vier Tage später in Gelsenkirchen vor dem Rückspiel gegen die Niederlande öffentlich trainieren zu lassen. Bleibt die Frage: Wer spielt in Amsterdam? Und wie stabil ist die Achse mit den insgesamt sieben Spielern des FC Bayern, die mit ihrem Klub in einer kleinen Krise stecken? Der Bundestrainer versicherte, dass die Münchner keineswegs einen geknickten Eindruck gemacht und ganz prima trainiert hätten. "All diese Spieler sind schon so lange dabei, haben schon so viele Dinge durchgemacht, sie können den Schalter schnell umlegen. Ich habe überhaupt nicht gemerkt, dass sie down waren."

Torhüter und Kapitän Manuel Neuer im Tor ist gesetzt, das gilt auch für die Innenverteidiger Jérôme Boateng und Mats Hummels. Zudem steht Klubkollege Niklas Süle bereit. Joshua Kimmich wird wieder in seiner neuen Rolle im defensiven Mittelfeld zum Einsatz kommen, Müller ("Verlieren ist nicht die Option, die wir bevorzugen.") davor etwas offensiver neben Kroos von Real Madrid. Viele gehen davon aus, dass Leroy Sané von Manchester City auf dem linken Flügel von Beginn an eine Chance bekommt, der Welt und Löw zu zeigen, dass es ein Fehler war, ihn nicht mit zur WM zu nehmen. Der Leipziger Timo Werner soll Tore schießen, das ist ja zuletzt bei der DFB-Elf etwas zu kurz gekommen. Auch der Bundestrainer hat da "ein gewisses Problem" erkannt. Bisher sind es in diesem Jahr acht Treffer in neun Begegnungen.

Was machen die Niederländer?

Das Urteil kommt von einem Experten: "Die niederländische Nationalmannschaft ist zurzeit etwas desorientiert, sie weiß nicht genau, wo sie steht." Erik ten Hag ist der Trainer von Ajax Amsterdam und ein wenig skeptisch, wie wir der "Süddeutschen Zeitung" entnahmen. Zur EM 2016 nach Frankreich und zur WM jüngst in Russland hatten es die Elftal nicht geschafft. Ten Hag schlägt vor: "Sie muss im Mittelfeld Europas eingeordnet werden." Es spricht aber viel dafür, dass Bondscoach Ronald Koeman auf einem guten Weg ist. Das Team führt der 27 Jahre alte Virgil van Dijk vom FC Liverpool als Kapitän an, sein gleichaltriger Klubkollege Georginio Wijnaldum ackert unermüdlich im Mittelfeld. Memphis Depay, 24 Jahre alt, den sie schon als den neuen Cristiano Ronaldo gefeiert haben, spielt nach zwei Jahren bei Manchester United nun mit Olympique Lyon in der Champions League.

Der mit Abstand älteste Spieler im Kader ist mit seinen 31 Jahren Ryan Babel, der inzwischen bei Besiktas in Istanbul gelandet ist. Dort hat er in 84 Partien 29 Treffer erzielt und zwölf Vorlagen gegeben. Beim 1:2 zum Auftakt der Nations League in Frankreich schoss er das Tor. Er ist auch wegen seiner rot gefärbten Haare gut zu erkennen.

Der spannendste Spieler aber ist Frenkie de Jong, 21 Jahre alt. Er gab am 6. September in der Amsterdamer Johan-Cruijff-Arena sein Debüt. Beim 2:1 im Test gegen Peru wechselte ihn Koeman nach der Pause ein. De Jong ist Mittelfeldspieler bei Ajax, obwohl er auch Innenverteidiger kann, und einer, der gerne auch mal mit dem Ball am Fuß 60 Meter über den Rasen sprintet, um dann mit einem Pass die gegnerische Abwehr auseinanderzunehmen. Prompt haben sie ihn schon als "Retter des niederländischen Fußballs" bejubelt und wie einst Cruyff als "Erlöser" bezeichnet.

Und dann ist da noch Matthijs de Ligt, mit 19 Jahren der jüngste Kapitän der seit 118 Jahren währenden Geschichte des Amsterdamschen Football Clubs Ajax. Auch ihn wollen Barca und Manchester City angeblich verpflichten. Vielleicht weiß die Nationalelf der Niederlande sehr bald schon, wo sie steht. Die Zeitung "de Volkskrant" aus Amsterdam formulierte es vor der Partie so: "Lass sie mal kommen, die Deutschen."

Quelle: n-tv.de

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