Fußball

Chaos-Klub vs. Konsequenz-Verein Hertha übt Katastrophe, Union den Realismus

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Im Berliner Derby treffen Union und Hertha als Tabellennachbarn aufeinander - ansonsten trennen sie aber Welten.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Hertha und Union sind Nachbarn. In Berlin und im Tableau der Fußball-Bundesliga. Aber während "Big City Club" Hertha auf eine Katastrophen-Saison blickt, haben sich die Köpenicker erfolgreich im Oberhaus etabliert. Über ein Derby ohne gewaltbereite Fans freuen sich aber beide.

Ein Punkt trennt die Berliner Klubs Hertha BSC und 1. FC Union Berlin in der Tabelle der Fußball-Bundesliga. Die Eisernen haben neunmal gewonnen und die Alte Dame einmal weniger. Auch das Torverhältnis ist fast identisch. Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Vor dem Berliner Derby (20.30 Uhr/Dazn und im Liveticker auf ntv.de) ist klar, dass Union mit der bisherigen Saison sehr zufrieden sein kann - während die Hertha eine chaotische Spielzeit erlebt, sowohl sportlich als auch abseits des Platzes.

Hertha BSC hat ein Ziel: Ein "Big City Club" will der bisweilen biedere Hauptstadtverein werden und öffnet Investor Lars Windhorst und seinen Millionen die Tür. Dann wird Jürgen Klinsmann - vor allem wegen seines Namens von Welt - zunächst in den Aufsichtsrat geholt und anschließend zum Trainer gemacht. Schlagzeilen sind im November 2019 vorprogrammiert, nur sportlich will es wie unter Vorgänger Ante Covic so gar nicht laufen. Im Winter kauft der ehemalige Nationaltrainer noch mal kräftig ein, gibt mit 80 Millionen Euro so viel Geld aus wie kein anderes europäisches Team in dieser Transferperiode. Die Titelseiten der Presse füllt die Alte Dame dann aber vor allem wegen Klinsmanns Facebook-Abschied und seinen Tagebüchern, die den Spielern zermürbende Zeugnisse ausstellen.

Saison zum Vergessen

Chaos-Klub statt "Big City Club". Auch unter Klinsmann-Nachfolger Alexander Nouri kommt der Hertha-Dampfer nicht in Fahrt, ein wirklicher Spielstil ist weiterhin nicht erkennbar und die Startelf immer wieder eine andere. Noch schlimmer: Die Profis machen längst ihr eigenes Ding und verändern schon mal auf eigene Faust die Taktik in der Halbzeit. Als Tiefpunkt setzt es im heimischen Olympiastadion eine 0:5-Klatsche gegen den FC Köln. Nouri, ohnehin nur bis Ende der Saison engagiert, wird in der Corona-Pause vorzeitig durch Bruno Labbadia ersetzt. Sinnbildlich für eine völlig aus den Fugen geratene Saison stehen allein schon vier Cheftrainer in einer Spielzeit - das schafft normalerweise nur der HSV (obwohl Hertha in der Saison 2011/12 sogar schon mal fünfmal den Coach wechselte: Markus Babbel, Michael Skibbe, René Tretschok und Otto Rehhagel, zusätzlich dazu saß Rainer Widmayer bei einem Pokalspiel auf der Bank).

Mit dem Verlauf der Saison und Tabellenplatz elf kann die Hertha nicht zufrieden sein. Die Facebook-Live-Posse von Salomon Kalou und die Einstellung Jens Lehmanns samt äußerst fragwürdiger Corona-Aussagen passen - und so denken mittlerweile selbst viele eigene Fans - mal wieder perfekt zum neuen Chaos-Klub der Liga. Von den Winterneuzugängen schlägt bisher nur Matheus Cunha richtig ein, der Franzose Lucas Tousart stößt erst zur nächsten Saison dazu. Aber die Frage, ob Labbadia auch mit Klinsmanns Wunscheinkäufen plant, muss noch beantwortet werden. In seiner ersten Partie kamen Krzysztof Piatek nur elf Minuten und Santiago Ascacíbar ganze drei zum Einsatz. Und auch wenn der Neu-Trainer nichts mehr mit dem Abstieg zu tun haben wird und der Hertha, wie im ersten Spiel erkennbar, neues Selbstbewusstsein einhauchen mag, die Spielzeit 2019/20 werden sie im Westen Berlins gerne so schnell wie möglich abhaken.

Tabellenführer-Besieger

Anders im Ostteil der Hauptstadt. Ganz Deutschland sieht in Union Berlin, zum ersten Mal überhaupt in der ersten Bundesliga dabei, vor der Saison den Abstiegskandidaten Nummer eins. Aber mit zwölf Punkten Vorsprung auf den 17. Tabellenplatz hat sich der Verein im Mittelfeld eingenistet. Das liegt auch an der Heimstärke, in der Alten Försterei holt Union 19 der 30 Punkte - und damit sieben mehr als Hertha im Olympiastadion. Gleich am ersten Spieltag setzt es zwar eine 0:4-Klatsche gegen RB Leipzig, aber schon im nächsten Heimspiel wird Borussia Dortmund (damals Tabellenführer) mit 3:1 abgefertigt. Auch das Derby gegen Hertha und gegen Borussia Mönchengladbach (damals ebenfalls Tabellenführer) gewinnen die Eisernen zu Hause. Bayern München und Bayer Leverkusen können dort nur knappe Siege erringen.

Denn die Unioner spielen konsequent - und anders als der Nachbar aus dem Westen mit einem klar erkennbaren Spielstil. Es ist zwar nicht immer attraktiv, wenn sie mit hohen und weiten Bällen auf die nach außen ausweichenden Stürmer (Sebastian Andersson schießt nicht nur viele Tore, sondern gewinnt so ziemlich jedes Kopfballduell) Spitzenmannschaften zur Verzweiflung bringen oder im Mittelfeld die gegnerischen Anspielstationen energisch zustellen, aber erfolgreich. Spielerischer, fein-technischer Aufbau geht mit dem zur Verfügung stehenden Personal nicht. Und so setzt Trainer Urs Fischer auf Realismus - und Konstanz. Er zieht diese Spielart konsequent durch, sodass die Mannschaft sie einverleiben und zweckvoll ausüben kann.

Keine Fans, keine Derby-Gewalt?

An Transfers in die 80-Millionen-Richtung kann und will der Klub nicht mal denken. Auch hier beweist Union Konsequenz: Vor der Saison wird ein ausbalancierter Kader, eine gesunde Mischung aus Bundesliga-Veteranen und Neulingen, zusammengestellt, der zu Fischers Hoch-und-Weit passt. Und Union zeigt auch im ersten Jahr im Oberhaus, dass die Dinge in Köpenick ohnehin ein wenig anders laufen als in den restlichen Bundesliga-Städten. Als Abwehrchef Neven Subotic sich kritisch zum Liga-Restart äußert, erhält er nicht nur Rückenwind von seinen Mitspielern, sondern auch von Trainer Fischer. Der Schweizer will den mündigen Profi, der in der Bundesliga mehr und mehr zur Rarität wird. Skandale und Chaos haben in Köpenick keinen Platz.

Im Derby zwischen Hertha BSC und Union Berlin treffen also auch zwei Konzepte aufeinander: Alles neu und gewollter Glitzer misst sich mit geerdeter Konstanz. Auch wenn die Stadt- und Tabellennachbarn noch so unterschiedlich sind: Gemeinsam froh dürften beide Klubs darüber sein, dass die unnötigen Gewalt- und Pyroszenen aus dem vergangenen Derby sich diesmal ohne Fans nicht wiederholen können.

Quelle: ntv.de