Fußball

Lehren des dritten Spieltags Hoeneß wittert Intrige, Schalke geht's "kacke"

imago36515435h.jpg

Hoeneß schäumt nach dem Verlust zweier Bayern-Spieler.

(Foto: imago/ActionPictures)

Der FC Bayern München siegt sich durch die Fußball-Bundesliga - ernsthafte Konkurrenz ist nicht in Sicht. Uli Hoeneß glaubt an eine Verschwörungstheorie, Mario Götze ist weiter nur Zuschauer und der FC Schalke punkt- und ideenlos.

1. Der FC Bayern ist unterfordert

Als einziges Team der Fußball-Bundesliga bleibt der FC Bayern auch nach dem dritten Spieltag ohne Punktverlust. Und neben der Frage, wer den Münchnern die Meisterpolonaise auf dem Rathausbalkon überhaupt noch verderben soll, stellt sich die nach der sportlichen Einordnung. Während das 3:1 gegen die TSG Hoffenheim zum Auftakt den Spielverlauf souveräner darstellt als es der Fall war, geben das 3:0 in Stuttgart und das 3:1 gegen Bayer Leverkusen die tatsächliche Dominanz in Zahlen wieder. Doch liegt es daran, dass die Elf von Niko Kovac am Leistungsoptimum operiert? Oder doch an der Konkurrenz, die auch dann eklatante Schwächen aufweist, wenn sie nicht gegen den teuersten Kader der Liga antritt?

549aeecd119e6464cc06c310039a284b.jpg

Robben trifft per Traumtor zur Führung.

(Foto: imago/MIS)

Fakt ist: Der deutsche Rekordmeister ist national maximal unterfordert. Und hätte wohl nichts dagegen, wenn einer der 17 Konkurrenten ihn zumindest mal ein bisschen kitzeln würde. Man kann das arrogant nennen, wenn Uli Hoeneß sagt, er hätte sich gewünscht, "dass die anderen zwischendurch auch mal versuchen, hier ein Tor zu schießen, weil die Zuschauer ja auch für zwei Mannschaften kommen." Doch was der Präsident des FC Bayern kundtat, dürfte den Nerv des interessierten Bundesliga-Publikums treffen. Es gab mal Zeiten, da fieberte man dem Duell mit dem Branchenprimus entgegen, statt wie jetzt die Punkte schon im Voraus abzuschenken. Es kommt nicht von ungefähr, dass der FC Bayern in dieser noch jungen Saison die meisten Probleme mit einem Regionalligisten aus der niedersächsischen Provinz hatte: Gegen eine Topmannschaft zu spielen, hat mitunter den Effekt, dass der Schwächere sich selbst beflügelt. Wenn aber Teams wie die Leverkusener anreisen und "Geschenke, die wir auch noch schön verpacken" (Sven Bender) verteilen, muss sich niemand wundern, wenn die Bundesliga schon jetzt so spannend ist wie eine Regierungserklärung von Angela Merkel.

2. Gefoult werden nicht nur die Münchner

Nach dem brutalen Einsteigen von Leverkusens Karim Bellarabi gegen Rafinha, bei dem sich der Münchner einen Teilabriss des Innenbands im linken Sprunggelenk zuzog, sind die Verantwortlichen des FC Bayern im Wutmodus. Hoeneß attestierte Bellarabi "geisteskrankes" Verhalten und sprach von "vorsätzlicher Körperverletzung". Trainer Kovac monierte, seine Elf sei in dieser Saison "Freiwild". Nun ist die Verletzung von Rafinha tragisch und unnötig, genau wie das Aus von Corentin Tolisso, dem das Kreuzband riss, und der Syndesmosebandriss von Kingsley Coman im ersten Saisonspiel gegen Hoffenheim.

9d155f8596c392d40593225b30d4c6fc.jpg

Bellarabi sieht nach seinem rüden Foul Rot.

(Foto: dpa)

Allerdings handelt es sich kaum um eine ligaweite Verschwörung. Das Foul von Bellarabi war hart und dumm, in der Hinsicht hat Hoeneß Recht. War es aber beabsichtigt? Eher nicht. Und bei Tolisso und Coman handelte es sich um Situationen, wie sie in jedem Ligaspiel zu Dutzenden vorkommen. Auch statistisch lässt sich die Theorie nicht aufrechterhalten. In drei Spielen wurde der Tabellenführer 34 Mal gefoult, der Liga-Durchschnitt liegt bei 33,17. Spitzenreiter ist Fortuna Düsseldorf (42), am seltensten trifft es Werder Bremen (20). Auffällig ist, dass die Differenz zwischen den begangenen und den kassierten Fouls beim FC Bayern besonders hoch ist: Den 34 Fouls stehen 15 eigene gegenüber. Was sich damit erklären lässt, dass gegen die Münchner kein Team besonderen Offensivdrang entwickelt hat und die Bayern somit seltener in Zweikämpfe in der eigenen Hälfte verwickelt waren. Der Meister bleibt den Beleg für die Foulstrategie der Gegner also schuldig.

3. Götze ist Opfer des Systems - aber nicht nur

An den Baustellen der Dortmunder Borussia wird gearbeitet. Die Resultate stimmen, der Fußball noch nicht - an der Klasse des Kaders liegt es kaum. Trainer Lucien Favre befindet sich inmitten des Großprojekts BVB-Umbau und es wirkt, als tüftele der Schweizer akribisch an den Details, die irgendwann das große Ganze bilden sollen. Was taktisch bislang zu erkennen ist: Stabilität ist der wichtigste Faktor. Danach erst kommt das Feintuning. Neu ist seit diesem Spieltag die Variation im System, Favre scheint auszutesten was funktioniert und was nicht. beim 3:1 gegen Eintracht Frankfurt stellte er vom 4-3-3 um und ließ mit einer 4-2-3-1-Ausrichtung spielen. Also ein System, bei dem eine klassische Nummer zehn vorgesehen ist. Und der man nachsagt, dass Mario Götze sie besonders gut ausfüllen kann.

c8ff812a462e0a55f7b460f80a50a254.jpg

Mario Götze spielte auch im neuen System von Trainer Lucien Favre keine Rolle.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Die Chance, das zu zeigen, bekam er nicht: Marco Reus rückte auf die Position des Spielmachers. Eine Antwort auf das Warum wollte Favre nicht geben, es blieb bei der Aussage: "Es liegt am System. An dem der anderen und vor allem an unserem. Wir haben im Mittelfeld sehr, sehr viele Spieler." Fakt ist, dass sich spätestens jetzt die Frage aufdrängt, welches System der Schweizer eigentlich meint. Das Grimm'sche Wörterbuch bietet folgende Deutung an: "Eine einheitliche, nach einem bestimmten Prinzip, einer Grundidee, einer methodischen Einsicht durchgeführte Anordnung einer Vielfalt von Erkenntnissen zu einer logisch begründeten Gesamtanschauung, einem Lehrgebäude, in welchem jeder Teil seinen vernunftmäßig bestimmten Platz einnimmt." Das Favre'sche Lehrgebäude kommt jedenfalls (noch) ohne Götze aus.

4. Ausgeglichene Liga: Späte Tore erhöhen den Puls

Bei der Bundesliga-Schlusskonferenz am Samstag ging es hoch her. Dauernd brüllte irgendwer "Tooooor", die Regie wechselte hin und her. Von Mainz nach Wolfsburg nach Düsseldorf. Am gesamten Spieltag fielen ab der 80. Minute noch 13 Treffer. Beim Spiel FSV Mainz gegen FC Augsburg fingen sie da erst überhaupt mit dem Toreschießen an - bis das Spiel 2:1 für den Gastgeber endete. Auch in Wolfsburg bei der Partie gegen Hertha BSC klingelte es noch dreimal im Kasten - Endstand 2:2 mit Herzinfarktgefahr. Was das bedeutet? Es ist eine Saison für die Joker. Die Kader der Teams sind offenbar so ausgeglichen besetzt, dass die Trainer immer noch ambitioniert sind, so zu wechseln, dass der Sieg dabei rausspringt.

In den meisten Spielen gab es maximal eine Ein-Tor-Führung - jedes Team erhoffte sich also noch Chancen auf den Sieg. So wird eher mal offensiv gewechselt, als defensiv eine hohe Führung abzusichern. Beispielsweise in Mainz: Augsburgs Trainer Manuel Baum wechselte Dong-Won Ji in der 73. Minute ein, sein Tor schoss er in der 82. Minute. Der Mainzer Sandro Schwarz schickte Alexandru Maxim in der 86. Minute aufs Feld, er bedankte sich in der 93. Minute mit dem Siegtreffer. Späte Einwechslungen haben in dieser noch jungen Saison große Wirkung. Und spannend ist es auch. Nur die Bayern, die haben zwar ebenfalls noch ein Tor in der 89. Minute geschossen, einzig sie hatten es aber nicht mehr nötig.

5. Leverkusen sucht seinen Offensivglanz

Späte Tore? Nicht von Bayer 04 Leverkusen! Karim Bellarabi wurde zwar erst in der 73. Minute eingewechselt, disqualifizierte sich aber bereits sieben Minuten später mit einem rüden Foul an Bayerns Rafinha und flog mit Rot vom Platz. Zeit zum Tore schießen blieb da nicht. Auch seine Mitspieler legten darauf - mal wieder - keinen besonderen Wert. Das Team von Heiko Herrlich spielte in der vergangenen Saison noch groß auf: die viertbeste Offensive der Liga. 58 Tore in 34 Partien und oftmals sehenswerter Angriffsfußball.

1a2e20706c48d059651b3d2d94bd9e65.jpg

Herrlichs Elf agierte gegen die Münchner allzu harmlos.

(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)

Davon war in München nichts übrig. Eine Fünferkette mit den defensiven Sechsern Lars Bender und Dominik Kohr davor mauerte gegen Robert Lewandowski. Der Angreifer erzielte so zwar kein Tor, hatte aber Kollegen, die das beim 3:1 übernahmen. Auch das restliche Spiel der Leverkusener war eher auf Zerstörung der bayrischen Angriffswellen ausgelegt. Zwar gingen sie so nicht vollends in München baden, aber schön anzusehen war das nicht. Jajaja, es war das Spiel gegen den Angstgegner, einzig sah das in den beiden Spielen zuvor auch nicht besser aus. Leverkusen hat nach drei Spieltagen null Punkte auf dem Konto und ist mit erst zwei erzielten Treffern bei acht Gegentoren Tabellenletzter. So schlecht startete die Werkself zuletzt in die Saison 1982/1983. Die Position des angezählten Herrlich dürfte das nicht bessern. Bender kommentiert das so: "Bis jetzt sind wir noch im Urlaub."

6. Schalkes Lässigkeit - Schalkes fehlerhafte Raumdeckung

"Das ist gerade eine richtig spannende Zeit hier", hatte der Trainer des FC Schalke 04, Domenico Tedesco, vor dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach gesagt. "Ich finde das geil." Das hat seine Mannschaft offenbar ein bisschen zu ernst genommen. Und so endete die Partie mit einer weiteren Niederlage. Spannend, ja, das ist es, weil der Tabellenzweite der vergangenen Saison auch nach drei Spielen noch keinen Punkt hat.

Spannend auch, weil Tedesco nach wie vor so tut, als sei nichts geschehen: "Wir sind auf einem guten Weg. Wenn wir so spielen, dann wird der Knoten zügig platzen, dann werden wir bald Erfolgserlebnisse haben." Dabei hat er erstmals drei Bundesligaspiele in Folge verloren. Die Einstellung ist aufreizend lässig. Auf dem Feld übrigens ebenfalls - die Verteidigung, die eigentlich Schalkes Stärke war, patzte ein ums andere Mal. 2017/2018 spielten die Schalker 13 Mal zu Null - Ligabestwert -  bekamen in der gesamten Saison nur 37 Gegentore. Jetzt sind es schon sechs. In Gladbach fielen sie nach einem Eckball und einer Flanke mit anschließender Ablage - beide Male wirkte die Abwehr konfus. Daniel Caligiuri kommentierte das 1:0 von Matthias Ginter so: "Ich musste nach vorne verteidigen und kam nicht mehr dran."

Die beiden großen Innenverteidiger Naldo und Salif Sané - sie messen 1,98 Meter und 1,96 Meter - waren beim platzierten Kopfball auf den zentralen Raum angesetzt und so zur falschen Zeit am falschen Platz. Oder nicht? Denn das entsprach ganz den Wünschen Tedescos: "Das raumorientierte Verteidigen haben wir unter der Woche intensiv geübt", sagte er dem "Kicker", und "alles hat super funktioniert". Im Spiel dann allerdings nicht mehr. Und so bleibt die ernüchternde Erkenntnis des Torhüters Ralf Fährmann: "Richtig kacke!"

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema