Fußball

Die Lehren des achten Spieltags Kovac redet sich um Kopf und Kragen

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Auch der Notnagel konnte Niko Kovac nicht helfen, die Führung des FC Bayern in Augsburg über die Zeit zu bringen.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Der achte Spieltag der Fußball-Bundesliga bringt dem FC Bayern den nächsten Nackenschlag - und sein Trainer macht alles nur noch schlimmer. In Dortmund wiederum atmen sie auf, auch weil Millimeter nicht über Mentalität siegen. Und der erste Absteiger steht auch schon fest.

1. Niko Kovac macht den FC Bayern schlechter - mindestens verbal

"Wenn es zum Ende hin 2:1 steht, dann muss man eben auch als Bayern München sich hinstellen, gut verteidigen, da brauchen wir nicht noch ein drittes Tor, sondern kein zweites vom Gegner." Das sagte Niko Kovac nach dem 2:2 in Augsburg. Der Trainer verriet damit an diesem achten Spieltag mehr über die Situation der Münchner, als ihm lieb war. Schließlich ist es der Anspruch des Rekordmeisters, jedes Spiel nicht nur zu gewinnen, sondern zu bestimmen. Gerade in der Fußball-Bundesliga, in der die Bayern immer Favorit sind.

Nun aber erklärte Kovac, dass sich die Mannschaft, die die Champions League gewinnen möchte, beim Abstiegskandidaten hinten reinstellen soll. Ist das die Entwicklung, die Kovac meint, wenn er sagt: "Vom Fußball, da sind wir schon besser"? Also besser als in der vergangenen Saison. Im März geriet der FC Bayern in Augsburg nach 13 Sekunden in Rückstand, diesmal waren es 27 Sekunden. Fast nichts mehr ist von der Selbstverständlichkeit zu erkennen, mit der die Münchner ihre Gegner auseinander spielten, bis sich die Räume öffneten, die zu Toren, Siegen und sieben Meisterschaften in Serie führten.

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Stattdessen ist der Saisonstart so schlecht geraten wie zuletzt im Herbst 2010. Seinerzeit standen nach acht Spieltagen sogar nur elf Punkte in der Statistik, Trainer Louis van Gaal musste im April gehen. Akut gefährdet ist Kovacs Posten derzeit zwar nicht. Aber nach dem Kommunikationsdebakel mit anschließender Klarstellung um Vereinslegende Thomas "Notnagel" Müller jetzt auch das "Mia san mia" infrage zu stellen, macht einen langfristigen Verbleib auf der Trainerbank nicht wahrscheinlicher.

2. Mentalität lässt sich nicht in Millimetern messen

In Dortmund darf Kovacs Kollege Lucien Favre durchatmen: Der Trainer des BVB, dem in der Länderspielpause mal wieder vor Augen geführt wurde, dass alle Nachfolger des verehrten Jürgen Klopp rund um den Borsigplatz eher geduldet als geliebt werden, feierte nach drei 2:2 hintereinander - davon zwei durch Eigentore in den Schlussminuten - endlich einen Sieg. Und dann auch noch einen, der mehr wert sein könnte, als die drei Punkte, die es für das 1:0 gegen Tabellenführer Borussia Mönchengladbach gab. "Wir müssen gewinnen", hatte Favre vor dem Topspiel gefordert und die Mannschaft lieferte in einem nicht hochklassigen, aber denkwürdigen Spiel: "So einen Sieg brauchst du mal, um wieder in die Spur zu kommen", jubilierte Matchwinner Marco Reus.

Was er gemeint haben dürfte: Erkämpft, nicht über die Maßen verdient, begleitet von viel Trubel - und gegen manche Widerstände. So ging die schwarz-gelbe Borussia zur Überzeugung aller und weitgehend unwidersprochen mit 1:0 in Führung. Erst als beide Mannschaften sich mit dem Treffer von Thorgan Hazard schon abgefunden hatten, kündigte Schiedsrichter Sascha Stegemann zur Überraschung aller erst eine Überprüfung des Tores an, dann nahm er es zurück - weil Reus' Ferse während der Entstehung um Millimeter ins Abseits ragte. Der BVB in der "Mentalitätskrise" schluckte die Entscheidung, blieb im Spiel und gewann. Krise überwunden? Dass die Dortmunder nach der Führung diesmal wesentlich mehr Torszenen zuließen, als in den vergangenen Wochen, kommt in vielen Betrachtungen zu kurz. Sechsmal schoss Borussia Mönchengladbach noch aussichtsreich aufs Tor, dazu kommt mindestens eine für das Team von Marco Rose unglückliche Nicht-Elfmeterentscheidung in der Schlussphase. So liegen zwischen "Mentalitätskrise" und einem Sieg, der "zurück in die Spur" führt, manchmal nur Millimeter. Oder wie Favre es nüchtern sagte: Die öffentliche Beurteilung seines Schaffens sei "zu euphorisch, wenn wir gewinnen, und zu negativ, wenn wir nicht gewinnen". Am Ende geht es halt einfach nur um Punkte.

3. Ante Covic ist ein Musterschüler

Nach dem vierten Spieltag stand Hertha BSC sieglos und mit nur einem einzigen Punkt auf Platz 18. Drei Siege und ein Unentschieden später sind die Hauptstädter elfter. Dank der absurd ausgeglichenen oberen Tabellenhälfte - von den Top 8 siegte am Wochenende nur Borussia Dortmund - liegen die Berliner nur fünf Zähler hinter dem Tabellenführer Borussia Mönchengladbach. Der desaströs anmutende Saisonstart ist repariert, was Trainer Ante Covic selbstverständlich erfreute. Der 44-Jährige wartete nach dem 1:1 beim SV Werder Bremen mit einer interessanten Erkenntnis auf.

Covic, der 1994 beim VfB Stuttgart seinen ersten Profivertrag unterschrieb und seine Karriere 2010 bei Herthas zweiter Mannschaft beendete, erklärte: "Die ersten Wochen haben mir gezeigt, dass Sport nicht planbar ist und man sich auch in schlechten Phasen selber treu bleiben muss." Vor allem der Mittelteil ist interessant - und zeigt zugleich auch, wie so mancher Fußballtrainer einfach gerne mit Phrasen um sich wirft. Covic dient in diesem Fall nur als Anschauungsbeispiel, ohne dass es um ihn direkt geht. Aber dass der Ex-Profi, in dessen Vita immerhin 62 Erst-, 72 Zweitliga- und sogar zwei Champions-League-Spiele (ein 1:3 beim FC Barcelona und ein 0:1 gegen den FC Porto im März 2000) stehen, diese Erkenntnis erst im Oktober 2019 erlangte, ist doch reichlich unwahrscheinlich.

4. Eintracht Frankfurt braucht keine Büffelherde

Groß war die Sorge um Eintracht Frankfurt. Wer denn jetzt die Tore schießen soll, die in der vergangenen Saison noch Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastién Haller erzielten. Immerhin 41 Bundesliga-Tore erzielte die Büffelherde, die dann zu Real Madrid, zum AC Mailand und zu West Ham United weiterzog. Nach dem Trio fragt derzeit niemand mehr, die neue Sturm-Herrlichkeit trägt die Namen Goncalo Paciencia, Bas Dost und Andre Silva. Obwohl Silva, der im Tausch für Rebic an den Main kam, beim 3:0 gegen Leverkusen sogar fehlte. Dafür traf Paciencia doppelt, Dost immerhin einmal. Zu dritt kommt der neue Eintracht-Sturm nach dem achten Spieltag auf elf Bundesliga-Tore.

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Bas Dost trifft und droht.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Dabei fangen sie gerade erst, wie Dost nach Abpfiff bei DAZN erklärte. "Was er heute gezeigt hat, war super. Aber er kann noch viel mehr", lobte er Paciencia, der bereits in der vierten Minute den Grundstein für den vierten Erfolg im achten Ligaspiel gelegt hatte - und zugleich seine Marke aus dem Vorjahr übertraf. Damals hatte er als Büffelersatz dreimal getroffen. Die Abgänge der Büffel haben die Frankfurter Kasse gut gefüllt, besonders Jovic und Rebic konnten bislang aber längst nicht zeigen, warum ihre neuen Klubs sie unbedingt holen wollten. Jovic ist in Madrid noch ohne Treffer, beim 0:1 gegen RCD Mallorca wurde er nach 66 Minuten ausgewechselt. Rebic stand für Milan in bislang drei Spielen magere 64 Minuten auf dem Platz. Einzig Haller (West Ham/vier Tore in acht Spielen) hat für sein neues Team schon getroffen.

5. Mainz 05 war seiner Zeit neun Jahre voraus

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Die "Bruchweg Boys" hätten sich dieser Tage deutlich an die Spitze gerockt.

(Foto: imago sportfotodienst)

Erinnern Sie sich noch an die Saison 2010/2011? Da führte ein gewisser Thomas Tuchel den 1. FSV Mainz 05 zu sieben Siegen in Folge, erst am 8. Spieltag gab es für die Mainzer die erste Niederlage - gegen einen gewissen Hamburger SV. Dieser Blitzstart reichte seinerzeit trotzdem nur zu Tabellenplatz zwei, denn Borussia Dortmund - das später mit sieben Punkten Vorsprung Deutscher Meister wurde - überholte die "Bruchweg Boys" damals mit einem 3:1 gegen Eintracht Frankfurt. 21 Punkte nach acht Spieltagen und nur Zweiter? Hätten die kleinen Mainzer ihr Startfeuerwerk in dieser Saison abgefeuert, würde man mit einem soliden Abstand von fünf Punkten auf den Verfolger von ganz oben grüßen. Von Langeweile, von einem Mainzer Alleingang, von neuen Verhältnissen im deutschen Fußball wäre die Rede - vielleicht. Stattdessen kreppeln die Rheinhessen 2019/20 mit sechs Punkten auf den Abstiegsrängen herum und wundern sich über die Spannung an der Spitze.

Denn die Liga ist so spannend wie noch nie. Seit Einführung der Drei-Punkte-Regel zur Saison 1995/96 gab es nach acht Spieltagen noch keine so geringe Differenz zwischen dem Tabellenführer und dem Tabellenneunten. Borussia Mönchengladbach auf Platz eins (16 Zähler) und den neunten Bayer Leverkusen (14) trennen gerade einmal zwei Punkte. Im Vorjahr lag Borussia Dortmund (20) nach acht Spielen stolze elf Punkte vor dem FC Augsburg (9) auf Rang neun. 2015/16 startete Bayern München mit der Idealpunktzahl von 24 und hatte damit doppelt so viele Zähler wie der neunte Wolfsburg auf dem Konto. Während man in Mainz übrigens wohlig an bessere Tage zurückdenkt, gruselt es den aktuellen Tabellenführer bei der Erinnerung wohl eher: Gladbach sicherte den Klassenerhalt damals erst in der Relegation gegen den VfL Bochum.

6. Der SC Paderborn steigt ab

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Zugegeben, es ist keine besonders gewagte These, wenn man dem kleinstmöglichen Aufsteiger, dem Team mit dem geringsten Etat und der geringsten Bundesligaerfahrung prognostiziert: Ihr steigt ab. Seit dem Wochenende steht aber fest: Es wird tatsächlich so kommen. "Grundsätzlich haben wir eine gewisse Ausrichtung, spielen seit zweieinhalb Jahren sehr offensiv und versuchen das in die 1. Liga mit rüberzubringen, sehen aber, dass wir vor neue Aufgaben gestellt werden", sagte Paderborns Trainer Steffen Baumgart noch im September im Interview mit n-tv. Damals hatte der Aufsteiger zwar auch schon/erst einen Punkt auf dem Konto, aber viel Anerkennung für seine aus der 2. Liga herüber geretteten offensiven Spielweise geerntet. "Das, was in der dritten und 2. Liga geklappt hat, klappt noch nicht ganz so", musste Baumgart aber schon damals eingestehen.

Schon das 1:2 gegen Mainz 05 vom 7. Spieltag war ein Nackenschlag, in der Entstehung aber noch einigermaßen unglücklich. Das 0:3 gegen den 1. FC Köln lässt jetzt aber endgültig die Alarmglocken schrillen in Ostwestfalen. Defensiv fahrig, offensiv harmlos, individuell und im Kollektiv schlicht chancenlos, wie ein Absteiger eben. Immerhin ist sein Team einer Forderung des Trainers nachgekommen. Der hatte nach dem Mainz-Spiel noch gesagt: "Wir schaffen es im Moment nicht, alle in einem Spiel ein bisschen Mist zu bauen. Sondern jeder baut in einem anderen Spiel Mist." Jetzt fangen sie also endlich an, gemeinsam Mist zu bauen. Eine gute Nachricht ist das nicht.

Quelle: n-tv.de

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