Fußball

Daum im Interview über Löws Aus "Rangnick würde Schlüssel zum DFB haben wollen"

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Wer wird's? Ein Trainerposten, viele Kandidaten.

(Foto: imago images/Sven Simon)

So überraschend die Ankündigung von Joachim Löw kommt, als Bundestrainer aufzuhören, so schnell kursieren Namen möglicher Nachfolger beim DFB. Christoph Daum kennt die Diskussion nur zu gut, er wäre schließlich selbst fast Deutschlands oberster Fußballlehrer gewesen. Im Interview spricht er über Kandidaten und darüber, was er von Löws Aus hält.

Herr Daum, Joachim Löw hört im Sommer nach der EM als Bundestrainer auf. Warum dieser plötzlich angekündigte Rückzug?

Christoph Daum: Der Zeitpunkt hat uns alle überrascht. Sicherlich gab es einige Auftritte und Ergebnisse der Nationalmannschaft, die Anlass zur Kritik gegeben haben. Diese ging aber weit über die Kritik des Fußballspiels hinaus, sie war sehr persönlich. Das hat Löw sicher getroffen und auch dazu bewegt, zu sagen: Ich bin bereit, Verantwortung für das zu übernehmen, wofür ich verantwortlich bin, aber darüber hinaus nicht. Aber da hat keiner Halt gemacht. Viele Probleme beim DFB, etwa die Kommunikationsprobleme, wurden immer mit Joachim Löw gleichgesetzt. Da hat er bestimmt gesagt: Wenn ich hier in irgendeiner Form der Entwicklung des deutschen Fußballs nicht mehr gerecht werden kann, mache ich den Weg frei für einen Neuanfang mit einem anderen Trainer.

Wobei ich mich schon frage: Was für einen Neuanfang soll es eigentlich geben? Auch der Nachfolger wird feststellen, dass wir einige personelle Probleme in der Nationalmannschaft haben, was die Auswahl und Nominierung von Spielern angeht. Ich glaube nicht, dass die Ergebnisse der Nationalelf damit zusammenhängen, dass Thomas Müller, Mats Hummels oder Jérôme Boateng nicht mehr nominiert wurden. Dass Löw jetzt die Größe hat, diesen drei vor der EM die Tür aufzumachen, dass nur das Leistungsprinzip gilt, zeigt, welche Probleme wir im deutschen Fußball haben. Der Umbruch der 2014er Weltmeister-Mannschaft ist nicht so gelungen, wie sich das Joachim Löw und viele Fans gewünscht haben.

Ist es die richtige Entscheidung?

Es ist erstmal positiv für die handelnden Personen beim DFB, dass Joachim Löw die Entscheidung jetzt getroffen hat, denn so können die Gespräche nun offensiv angegangen werden, ohne einen Zungenschlag, dass einer hinter dem Rücken von Jogi Löw verhandelt und seine Chancen auslotet. Jetzt sind klare Fakten geschaffen. Fritz Keller und Oliver Bierhoff können die Gespräche mit möglichen Nachfolgern nun eben ohne diesen Zungenschlag, den keiner braucht, führen. Das ist sehr gut.

Kommen wir zu den potenziellen Nachfolgern: Jürgen Klopp ist für viele der Wunschtrainer, auch Hansi Flick wird heiß gehandelt, dazu fallen die Namen Ralf Rangnick und Stefan Kuntz. Wer könnte es machen?

Die genannten Kandidaten werden nicht zuletzt wegen ihrer Bekanntheit und Popularität gehandelt. An erster Stelle Jürgen Klopp, den ich mir natürlich sehr gut vorstellen könnte. Er wird es nach meiner Einschätzung aber auf keinen Fall machen, er hat noch bis 2024 einen Vertrag beim FC Liverpool und wird Liverpool jetzt auch nach dieser Saison mit unglaublich viel Verletzungspech und einer Platzierung, die sicher nicht geplant war, einfach verlassen. So verabschiedet sich ein Jürgen Klopp nicht, von daher wird er nicht zur Verfügung stehen.

Auch Hansi Flick bringt alle Voraussetzungen für das Amt des Bundestrainers mit und um die Mannschaft in die Zukunft zu führen. Das hat er bei Bayern München eindeutig unter Beweis gestellt. Aber auch hier haben wir die Situation, dass Bayern wieder Meister werden will und am liebsten auch die Champions League gewinnen will. Von daher werden von Münchner Seite keine Gespräche stattfinden, bevor da eine Entscheidung gefallen ist, da wird Karl-Heinz Rummenigge schon dazwischen grätschen. Eine Entscheidung für Hansi Flick könnte also erst unmittelbar vor der EM gefällt werden, das wäre vom Timing her sehr schwierig.

Wie sieht es mit Ralf Rangnick aus, den auch viele auf dem Zettel haben?

Auch er bringt alle Voraussetzungen mit. Ralf ist ein Visionär, der viele Bereiche beackern würde. Aber da kommt es zum Schnittpunkt, an dem es mit den DFB-Verantwortlichen zu Problemen kommen kann, denn Rangnick will über den Trainerjob hinaus in vielen Bereichen ein weitgehendes Mitspracherecht haben. Das hat er sowohl in Hoffenheim als auch in Salzburg und Leipzig gezeigt. Diese Vereine tragen ganz klar seine Handschrift bis runter zum Platzwart und zum Busfahrer. Er würde nicht nur die Weichen hinsichtlich der Nominierung der Mannschaft stellen und wie das Spielsystem aussehen soll. Er würde darüber hinaus den Schlüssel zum DFB in der Tasche haben wollen. Inwieweit das mit den derzeit handelnden Personen beim DFB möglich wäre, wage ich zu bezweifeln.

Und U21-Trainer Stefan Kuntz?

Er ist sicher in diesem Bereich ein Späteinsteiger, hat aber einige tolle Leistungen und Ergebnisse mit der U21 vorzuweisen. Er ist einer, der beliebt ist, der sich beim DFB sehr gut auskennt, und von allen Lösungen her wahrscheinlich die naheliegendste und auch einfachste ist: Den U21-Trainer zum Chef der A-Mannschaft zu befördern. Nach meinem Dafürhalten bietet sich diese Lösung wahrscheinlich als erste an.

Wer wäre sonst noch ein guter Bundestrainer?

Mehmet Scholl hat ja Lothar Matthäus ins Spiel gebracht. Finde ich auch interessant. Lothar bringt eine unheimliche Fachkompetenz mit, er kann ein Spiel gut lesen, hat eine sehr gute Ansprache gegenüber den Spielern. Wenn man ihm zwei gute Trainer an die Seite stellt, könnte er als Führungsfigur - wie vielleicht früher Franz Beckenbauer - als Bundestrainer infrage kommen. Aber vielleicht kommt ja auch noch ein ganz anderer ins Spiel. Der DFB ist da natürlich jetzt auch gefordert, eine klare Stellenbeschreibung zum Profil des Bundestrainers herauszugeben. Er darf sich nicht nur auf Bekanntheit und Verfügbarkeit verlassen.

Es kursiert auch schon das Szenario einer Übergangslösung, in der ein Trainer - vielleicht Kuntz - ein, zwei Jahre übernimmt, bis die große Wunschlösung Klopp frei wäre. Sie kennen das, waren 2000 auch schon designierter Bundestrainer, als doch Rudi Völler als Teamchef zunächst interimsweise übernahm. Was halten Sie von so einer Lösung?

Wie gesagt: Die Verantwortlichen, in erster Linie Fritz Keller und Oliver Bierhoff, müssen eine klare Strategie erarbeiten. Gerade mit Blick auf die Europameisterschaft 2024 im eigenen Land halte ich eine Übergangslösung für nicht ratsam. Denn der Aufbau und die Ausrichtung auf die EM 2024 braucht einen Vorlauf von zwei Jahren. Und ich würde mir auch wünschen, dass der, der 2024 Nationaltrainer ist, diese zwei Jahre Vorlauf bekommt, um die Mannschaft eben in der Art und Weise zu formen, dass sie dann 2024 hier bei uns in Deutschland eine reelle Chance hat, um den Titel mitzuspielen.

Mit Christoph Daum sprach Martin Armbruster

Quelle: ntv.de

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