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Pfannenstiels Fazit zum Afrika Cup "Spaßfußball? Fehlanzeige!"

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Fans des afrikanischen Zauberfußballs kamen bei diesem Afrika Cup nicht auf ihre Kosten.

(Foto: AP)

Beim Afrika Cup in Gabun steht das Endspiel an. Mit Ägypten und Kamerun treffen zwei große Teams des Kontinents aufeinander, vor zehn Jahren wäre dies ein "absolutes Megafinale" gewesen. Spielfreude und Kabinettstückchen werde es aber diesmal nicht geben, sagt Welttorhüter Lutz Pfannenstiel im Interview mit n-tv.de. Er nennt auch die Gründe und erklärt, wieso BVB-Star Pierre-Emerick Aubameyang trotz Vorrundenaus mit dem Gastgeber Gabun zufrieden sein kann.

n-tv.de: Herr Pfannenstiel, beim Afrika Cup steht das Finale an. Es heißt Ägypten gegen Kamerun. Das klingt nach einem Traumfinale ...

Der Welttorhüter

Lutz Pfannenstiel ist der erste Fußballer, der in seiner aktiven Karrieren auf allen sechs Kontinenten gespielt hat: 25 Vereine in 13 Ländern - nachzulesen in "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter". Seit seinem Karriereende ist Pfannenstiel als TV-Experte für verschiedene nationale und internationale Sender wie ZDF, SRF, BBC und DAZN tätig gewesen. Er war Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der Fifa. Für Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim verantwortete er mehrere Jahre den Bereich International Relations. Seit Dezember 2018 ist er Sportvorstand beim Traditionsverein und Fußball-Bundesligisten Fortuna Düsseldorf. Pfannenstiel ist Gründer von Global United FC. Er ist bei Twitter, Facebook und Instagram aktiv.

 

Lutz Pfannenstiel: Wenn man 10 bis 15 Jahre zurückblickt, wäre das ein absolutes Megafinale gewesen. Mittlerweile ist der Lack aber ab, die Erfolge beider Teams bei den vergangenen Turnieren waren nicht berauschend. Aber dennoch ist es eine sehr schöne Geschichte, dass zwei der ganz großen afrikanischen Mannschaften nun wieder einmal das Finale des Afrika Cups bestreiten. Ägypten bremsten lange die politischen Umstände im Land ein. Die Talente waren indes immer da. Das zahlt sich jetzt aus. Ägypten ist für mich eine nachvollziehbare Überraschung.

Und Kamerun?

Hatten viele Experten auch nicht auf der Liste der Topfavoriten. Aber sie sind in einer schwierigen Gruppe gut durchgekommen, haben guten Fußball gespielt und sich von Spiel zu Spiel verbessert. Und wenn man die "Black Stars" aus Ghana verdient schlägt, steht man auch zu Recht im Endspiel.

Wer wird die Afrikameisterschaft 2017 gewinnen und damit Nachfolger der Elfenbeinküste werden?

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Lutz Pfannenstiel spielte selbst auf dem afrikanischen Kontinent.

(Lacht) Wenn ich das wüsste, wäre ich am Sonntag ein reicher Mann. Ich denke, es wird ein komplett offenes Finale, in dem - wie auch schon im gesamten Turnierverlauf - nicht viele Tore fallen werden. Beide Mannschaften sind defensiv sehr gut organisiert. Dazu kommen zwei taktisch absolut fitte Trainer, die einen klaren Matchplan verfolgen.

Wer sollte Ihrer Meinung nach den Titel holen oder welchem Team gönnen Sie ihn mehr?

Ich persönlich würde es Ägypten gönnen - aufgrund der zurückliegenden schweren Jahre, geschuldet der politischen Situation. Aber Kamerun hat sich bei diesem Turnier eben auch prima verkauft. Von daher: Wir werden auf alle Fälle einen verdienten Afrikameister bekommen. So oder so.

Wo liegen die Stärken Ägyptens, im Team oder den Stars wie Mohamed Salah vom AS Rom und Mohamed Elneny von Arsenal?

Für mich ist der Star der Truppe der Trainer: Hector Cuper. Ihm ist es gelungen, aus einem Scherbenhaufen ein salonfähiges Team zu formen, das wiederum in der Lage ist, einen europäisch angehauchten Fußball zu spielen. Daran, dass Ägypten ganz schwer zu schlagen ist, weil sie hinten kaum Chancen zulassen und in der Lage sind zu null spielen, erkennt man die Handschrift des Trainers Cuper. Mit Salah und Elneny hat man noch zwei herausragende Einzelspieler, die alleine ein Spiel entscheiden können.

Nicht zu vergessen der 44 Jahre alte Essam El-Hadary im Tor, der Held des Halbfinal-Elfmeterschießens gegen Burkina Faso. Ist er nicht der heimliche Star?

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Je ollder, je doller: El-Hadary könnte mit 44 Jahren seine fünfte Afrikameisterschaft mit Ägypten gewinnen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mein Jahrgang. Ich kenne ihn noch von früher (lacht). Eigentlich war er ja auch nur die Nummer zwei und kam nur aufgrund der Verletzung des talentierten jungen Stammkeepers Ahmed El Shenawy ins Team. Danach kein Tor kassiert bis zum Halbfinale, dort der Elfmeterheld. Er ist ein absoluter Führungsspieler, an dem sich das Team hochzieht und orientiert. Der alte Mann im Tor sozusagen. Ganz großen Respekt, er ist für mich das Gesicht dieses Afrika Cups. Seine Geschichte ragt aus einer sonst eher durchschnittlichen Afrikameisterschaft heraus.

Weg von Ägypten: Was zeichnet den Finalgegner Kamerun aus, die "unbezähmbaren Löwen". Wo liegen deren Stärken?

Wie der Beiname schon sagt: Die Mannschaft ist eine kämpferische Truppe, die nie aufgibt. Das Kollektiv macht diese Mannschaft stark. Die ganz großen Stars fehlen, aber der relativ unbekannte belgische Trainer Hugo Broos hat die richtige Mischung gefunden. Die Europa-Legionäre spielen nicht in den ganz großen Klubs, bringen aber die notwendige Erfahrung mit. Dazu ein paar junge Talente und auf einmal geht es wieder. Die ganz großen Stars wie Samuel Eto‘o waren der Hauptgrund dafür, dass die Mannschaft früher nicht funktioniert hat, weil das Spiel zu stark auf ihn zugeschnitten war. Kamerun ist eine Mentalitätsmannschaft, ein Charakterteam. Diese Tugenden haben die Westafrikaner schon immer ausgezeichnet.

Apropos große Mannschaften: Im Halbfinale standen mit Kamerun, Ägypten und Ghana nicht nur drei "große" Mannschaften des Kontinents. Das Semifinale bestritten auch nur Teams aus zwei Gruppen. Was sagt das über den Afrika Cup aus?

Tolle Auslosung! Überraschend war da eher, dass Burkina-Faso bis ins Halbfinale gekommen ist. Eine erfahrene Mannschaft gespickt mit jungen Talenten. Burkina-Faso ist eine typische Turniermannschaft. Niemand hat sie auf dem Zettel, aber wenn es drauf ankommt, marschiert man durch, als wäre es das Normalste auf der Welt. Beeindruckend!

Ihr Favorit vor dem Turnier hieß Ghana ...

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Kameruns Torwart Joseph Ondoa Ebogo jubelt über den Sieg seines Teams im Halbfinal-Spiel gegen Ghana.

(Foto: picture alliance / Sunday Alamba)

Das stimmt. Ich habe auch bis zuletzt gehofft, dass sie ins Finale kommen. Die "Black Stars" haben einfach einen zu biederen Fußball gespielt. Wieder einmal. Die Mannschaft hat technisch hochbegabte Einzelspieler, aber sie werden in ein zu enges taktisches Korsett gezwängt - auf Kosten der Spielfreude. Die Stärke des Teams kommt dadurch nicht zum Tragen. Deshalb reicht es auch 2017 nicht zum Titel.

Den kann sich auch der Titelverteidiger Elfenbeinküste dieses Jahr nicht holen - Aus in der Vorrunde. War das die größte Enttäuschung des Turniers?

Zusammen mit Algerien, weil sie ganz einfach nicht die Leistung abgerufen haben, zu der sie in der Lage sind. Bei beiden fehlte mir das Herzblut. Aber die beiden Teams waren nicht die größte Enttäuschung. Das war in meinen Augen eher die Tatsache, dass viele Trainer den Spaß am Fußball, der afrikanische Mannschaften von Grund auf auszeichnet, immer mehr eindämmen. Technische Kabinettstückchen, Budenzauber, das was der Zuschauer eigentlich sehen will, bleibt außen vor und auf der Strecke.

Woran liegt das?

Wir haben bei den afrikanischen Mannschaften eine Gruppe von zehn bis zwölf Trainern, die zwischen den Teams über die Jahre durchrotieren. Sie sind zudem meist älter und haben damit auch klare Vorstellungen von dem Fußball, den sie für erfolgversprechend halten. Leider ist das nicht der Spaßfußball, der afrikanische Teams bekannt gemacht hat. Ich hoffe, dass sich das künftig ändert und auch einmal junge, hungrige, afrikanische Trainer eine Chance erhalten.

Das spricht nicht wirklich für die Stimmung vor Ort in den Gabuner Stadien ...

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2 Treffer in 3 Spielen: Aubameyangs Gabun scheitert dennoch in der Vorrunde.

(Foto: picture alliance / Sunday Alamba)

Nein, nicht wirklich. Ich war kurz vor Ort. Der größte Stimmungskiller war das frühe Aus des Gastgebers. Drei Remis und zwei Aubameyang-Tore reichten in der Vorrunde nicht aus. Burkina-Faso und Kamerun setzten sich am Ende knapp durch. Die Bevölkerung des Landes war aber auch vorher schon in zwei Lager gespalten: Die einen verwiesen auf die politische Lage und lehnten den Afrika Cup ab. Die anderen sagten sich, wenn er nun schon einmal hier stattfindet, sind wir auch mit Spaß und Freude dabei. Partystimmung, auch weil mit Aubameyang der Fußball-Nationalheld dem Land die Ehre gab.

Apropos Aubameyang: Der Dortmunder Stürmer war ja nicht der einzige Bundesligaprofi beim Turnier in Gabun. Aber sind Ihnen neue Spieler für die Bundesliga aufgefallen?

Naja, die Zeiten, wo man beim Afrika Cup Rohdiamanten für die europäischen Topligen entdeckt hat, sind schon lange vorbei. Das ist eine Folge der Digitalisierung des Fußballs. Man weiß einfach sehr früh sehr viel über jede Menge Spieler. Vielversprechende Neuentdeckungen gibt es noch beim so genannten CHAN-Cup, wo ausschließlich Mannschaften mit jungen Spielern aus den afrikanischen Ligen teilnehmen dürfen.

Wird Aubameyang seine Teilnahme beim Afrika Cup in der Bundesligarückrunde bereuen?

Nein! Er ist unverletzt zurückgekehrt. In seiner Heimat ist er ja der Nationalheld, das Vorbild schlechthin. Dass er für Gabun beim Heim-Afrika-Cup teilgenommen hat, lässt seinen Stellenwert zu Hause noch weiter steigen. Das kann ihm keiner nehmen und dürfte ihn stattdessen noch beflügeln. Beinahe hätte er den Gastgeber in die nächste Runde geschossen.

Inwiefern?

Im letzten Gruppenspiel gegen Kamerun, das 0:0 endete, hatte er den Siegtreffer auf dem Fuß. Die Torentfernung war gering, der Ball kam überraschend. Es fehlen drei, vier Millimeter, eine Schuhspitze - und der Ball wäre reingegangen, Gabun hätte 1:0 gewonnen, wäre weitergekommen und Kamerun dafür ausgeschieden. Gabun wäre Afrikameister geworden, Auba Torschützenkönig, Borussia Dortmund Deutscher Meister und Auba gleichzeitig Gabuns Staatspräsident (lacht). Alles hätte, wäre, wenn und aber …

Eben - und wie endet das Finale nun?

1:0 für wen auch immer.

Mit Lutz Pfannenstiel sprach Thomas Badtke

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

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