Fußball

Abrechnung wie zu alten Zeiten Wenn Hoeneß löscht, brennt's bei Bayern lichterloh

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Ehrenpräsident Uli Hoeneß ist für seine markigen Worte bekannt.

(Foto: imago images/Michael Weber)

Der FC Bayern stampft mit der zehnten Meisterschale nacheinander aus der Saison, aber auch mit einem Berg an Problemen. Der Fall "Robert Lewandowski" ist da nur die Spitze. Der Verein wankt, deshalb übernimmt Uli Hoeneß nochmal das Ruder – und bricht damit sein eigenes Wort

Beim FC Bayern ist mitten im Titelglück ein unkontrollierter Flächenbrand ausgebrochen. Und diesen kann nur einer löschen: Uli Hoeneß, der ewige Patriarch, der erst vor wenigen Wochen angekündigt hatte, sich in Dinge des Rekordmeisters nicht mehr einmischen zu wollen. Aber die Kaderpolitik steht nun lichterloh in Flammen, vor allem wegen Robert Lewandowski. Und weil Hoeneß noch immer der beste und wehrhafteste Wächter des Klubs ist, bricht er sein eigenes Wort. Um den Stürmer, der schon eine Klublegende ist, und seinen dringenden Wunsch nach einem Abgang ist eine wilde Debatte losgebrochen. Hat er Pole ein Angebot zur Verlängerung bekommen, oder etwa nicht? Es gibt drei Sichtweisen auf die Dinge. Eine des Vereins. Eine des Spielers. Eine der Fans.

Und die Anhänger haben in diesem Spiel um die Zukunft des Stürmers und damit auch irgendwie um die des Klubs - denn mit seinen Treffern ist er ja die Lebensversicherung - den bösen Buben ausgemacht. Sportvorstand Hasan Salihamidžić wurde am Wochenende bei einer kleinen Feier am Nockherberg wüst ausgepfiffen. Es war nicht das erste Mal, dass der 45-Jährige verbale Attacken über sich ergehen lassen muss. Lewandowski ist indes nur eine Baustelle im Kader, andere gibt es in der Innenverteidigung und im defensiven Mittelfeld. Mindestens. Salihamidžić muss in diesem Sommer mächtig liefern, es geht um die Ambitionen des Klubs. National und noch mehr international. Noch einen Sommer, in dem das Aufgebot in der Summe zum Vorjahr schwächer wird, kann sich der Rekordmeister eigentlich kaum leisten.

Das Spannungsfeld ist nahezu unerträglich: die wirtschaftliche Kraft eingeschränkt, der Bedarf an Verstärkungen noch größer als in den vergangenen Jahren. Diese Unruhe lässt offenbar auch Ehrenpräsident Hoeneß beben und so holt der Patriarch, der sich in Zurückhaltung üben wollte, zum ganz großen Schlag aus. Ein Déjà-vu mit der Vergangenheit. Eine Attacke wie zu glorreichen Zeiten. So streitbar dieses Fußball-Alphatier als Typ gewesen sein mag, so unbestreitbar ist: In den vergangenen 30 Jahren war niemand unüberwindbarer Wächter des FC Bayern als Hoeneß. Er parierte alle Angriffe. In der Art nicht immer souverän (Stichwort: Sponsorendeal mit Unrechtsstaat Katar), nicht immer galant, nicht immer höflich (Stichwort: Pressevernichtungskonferenz), aber stets erfolgreich. Niemand beherrscht das Spiel mit der Attacke mit Gegenattacke so perfekt wie er. Mögen muss man das freilich nicht.

"Das ist eine Hetzjagd!"

An diesem Wochenende, als die Meisterschaft gefeiert wird und die Stimmung kippt, schleppt die Vereinsikone nochmal alles an Löschwasser heran, was rund um den Tegernsee zu finden war. Er stellt sich an die Seite seines Schützlings Salihamidžić, bellt gegen Abwehrspieler Niklas Süle, der zum BVB wechselt und nicht mehr spielen wollte, und glaubt an ein gutes nächstes Jahr mit Lewandowski. In die verzweifelte Stille der Führung, die am Wochenende zur lauten Verzweiflung geworden war, setzt Hoeneß sein Wort. "Das ist eine Hetzjagd! Er (Anmerk. d. Red.: Salihamidžić) ist nicht allein dafür verantwortlich, auch nicht für die Transferpolitik. Da wird immer nur einer herausgepickt. Als wir sechs Titel gewonnen haben, habe ich keinen gehört, der 'Hasan, Hasan' gerufen hat. Jetzt, wo wir die Champions League nicht gewinnen, jetzt ist er allein schuld. Das kann nicht sein."

Vergangene Woche hatte ein Bericht der "Abendzeitung" für Aufsehen gesorgt. Darin hieß es, dass Rückhalt für den Sportvorstand schwinde und sogar ein "vorzeitige Trennung" möglich sei. Wie die "Bild" berichtet, geht der FC Bayern nun juristisch gegen diesen Bericht vor und spricht von einer Falschmeldung. Im Klub herrscht Unruhe, Nervosität. Die ständigen Gerüchte auf allen Ebenen zerren am Klub und zehren ihn aus. "Es gibt ja scheinbar einige Journalisten, die stehen jeden Morgen auf und sagen: Welche Vertragssau kann ich denn heute durchs Dorf treiben?", polterte Hoeneß gegenüber "Münchner Merkur/tz". "Überall laufen Verträge aus, aber bei uns wird jeden Tag darüber geschrieben. Aber den Vorwurf mache ich dem Verein, dass er sich das von euch allen gefallen lässt." Sein Rat für die Bosse in München: "Sich nicht alles gefallen lassen. Der FC Bayern ist im Moment Spielball einiger Medien und das darf nicht sein."

Was auch nicht sein darf? Das Verhalten einiger Stars beim Rekordmeister. Deren, nun ja, Nachlässigkeiten (um mal ein sanftes Wort zu wählen) haben die eine oder andere sportliche Enttäuschung beschert. Klartext von Hoeneß: "Bei uns wird ja immer der Trainer oder der Sportdirektor in die Pflicht genommen. Tatsache ist, dass wir seit Weihnachten einige Spieler dabei hatten, die im Großen und Ganzen nicht mehr gut gespielt haben. Das muss analysiert werden. Und die Spieler, die man meint, muss man mehr unter Druck setzen - und da ist man vielleicht zu smart gewesen." Namen der Stars nannte er nicht, aber es gehört nicht viel Fantasie dazu, um die Angezählten zu identifizieren. Sie dürften in der Innenverteidigiung und auf den offensiven Flügeln spielen.

Plan B, C und D für Lewandowski

Bei den Meisterfeierlichkeiten in München hatte sich auch Klubboss Oliver Kahn mal aus der Deckung gewagt. Als Nachfolger von Karl-Heinz Rummenigge, auch so einem strategischen Poltergeist, hatte er sich in dieser Saison bei brisanten Themen zu oft versteckt. Kahn machte zum Zirkus um Lewandowski eine "Basta"-Ansage. "Es ist immer viel Lärm, aber es ist auch wahnsinnig viel Lärm um Nichts. Ich weiß nichts vom FC Barcelona. Ich weiß nur, dass wir den besten Stürmer der Welt unter Vertrag haben und das soll auch so bleiben." Für den Fall des anderen Falls wäre der Rekordmeister offenbar vorbereitet: "Bei uns gibt es nicht nur Plan B, sondern auch Plan C und D." Wie diese aussehen, ist unbekannt. Aktuell schwirren wilde Gerüchte um den Stuttgarter Riesen Sasa Kalajdzic umher - als B-, C-, oder D-Lösung? Noch ist Lewandowski nicht weg und die Latte für einen Wechsel zum katalanischen Pleite-Giganten hochgesetzt.

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Ob das Machtwort von Kahn wirklich einen Anker in diese Debatte setzt? Die Bosse des FC Bayern sind gefordert, sich wieder stärker mit öffentlichen Debatten auseinanderzusetzen. Das Vakuum nach Rummenigge und Hoeneß zu füllen. Mit Stärke und Dominanz. Das gilt auch Präsident Herbert Hainer. Er ist seiner Funktion bislang eher blass geblieben. Hatte zwar durchaus charmante Interviews gegeben, aber etwas gesagt, das Wucht hat, das auf Durchsetzungsstärke hindeutet, auf Meinungshoheit? Eher nicht. Die haben in Münchner in der vergangenen Saison verloren. An die Medien.

Hoeneß setzt deswegen ein letztes Mal den Verbalhammer an. Wie man gegen die Meinungen vorgehen kann? "Indem man dem Journalisten sagt: Wenn du noch einmal darüber schreibst, dann siehst du eine Woche die Säbener Straße nicht mehr." Eine reichlich absurde Drohung. Ein Flächenbrand in München, der ist eben noch immer Chefsache.

Quelle: ntv.de

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