Fußball

Wo hakt es? Wo nicht? Wie konkurrenzfähig ist der Bayern-Kader?

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Mahnender Finger für den Bayern-Kader?

(Foto: imago images / Laci Perenyi)

Manuel Neuer hat noch große Ziele. Unter anderem die Champions League will er gewinnen. Aber gelingt das mit dem FC Bayern? Nun, der Berater des Torwarts sorgt sich zumindest aktuell um die Konkurrenzfähigkeit des Münchner Kaders. Zu Recht?

Am Ende einer kuriosen Fußball-Saison feiert der FC Bayern München Ende Mai tatsächlich das Double aus Bundesliga-Meisterschaft und DFB-Pokalsieg. Und das gerne ausdauernd und bitte ohne jegliche Nebengeräusche. So empfiehlt es Klub-Präsident Uli Hoeneß. Vergessen möge man doch für ein paar Momente diese ewige Diskussion um "Investitionsprogramme", "Klotzen-Ansagen" und "Wenn-Sie-wüssten-Prahlereien" für die Fußball-Saison 2019/2020. Und es ist ja ohnehin so: Mit Lucas Hernández und Benjamin Pavard wurden zwei Weltmeister verpflichtet, mit Jann-Fiete Arp kommt außerdem noch ein Sturmtalent. Gesamtkosten des Pakets: 118 Millionen Euro!

Allerdings reißen die Abgänge von Arjen Robben, Franck Ribéry, James Rodríguez, Mats Hummels und Rafinha auch eine anständige Qualitäts- und Quantitätslücke. Eine zu große Lücke? Nun, so analysiert's Thomas Kroth, der Berater von Manuel Neuer. In der "Süddeutschen Zeitung" sieht er das Ziel seines sehr ambitionierten Klienten, einen erneuten Triumph in der Champions League, aktuell gefährdet. Der Kader sei, so sagt er, "nicht entsprechend - also konkurrenzfähig - aufgestellt". Einen Tag später legte die "Bild"-Zeitung nach, nennt den FC Bayern "ein Pulverfass". Nicht nur Trainer Niko Kovac und der Kapitän seien durch den Transferstau alarmiert, auch bei anderen Spielern steige die Unruhe.

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Philipp Lahm weckte den Bayern mit einem unabgesprochenen Interview auf.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein neuer Weckruf wie weiland 2009? Als mit Philipp Lahm, ebenfalls ein Schlüsselspieler, er war bereits Co-Kapitän, auch über die "Süddeutsche Zeitung" die Politik des sportlich vor sich hindümpelnden Vereins kritisierte. Der Unterschied: Neuer ließ über seinen Berater sprechen, Lahm sprach direkt. Der damals 25-Jährige beklagte zu viele Trainerwechsel und eine fehlende Spielphilosphie, eine wilde Transfer-Politik, eine fehlende Identität und eine mangelnde Qualität (!) im Aufgebot. Lahm erschütterte den FC Bayern mit seinen Aussagen in den Grundfesten. Allerdings mit Erfolg. Bis 2013 folgten zwei Meisterschaften, zwei Pokalsiege und der mittlerweile sehnsüchtig erwartete Triumph in der Champions League. Und eine neue, eine flügellastige und dominante Spielidee.

Wie reagieren die Bayern auf Neuer?

Lahm wurde intern angezählt. Und zu einer üppigen Geldstrafe verdonnert. Eine Reaktion auf die Aussagen aus dem Neuer-Lager gibt's dagegen bislang nicht. Auch sonst ist derzeit von Vereinsseite kaum etwas zu hören. In dieser Woche sind indes Pressekonferenzen angekündigt - unter anderem mit Kovac und Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Karl-Heinz Rummenigge hatte immerhin in einem Gespräch mit dem Klubmagazin "51" gerade gesagt, dass er nach wie vor gute Chancen sehe, Stars nach München zu locken. Die Wahrheit der vergangenen Wochen liest sich anders. Mit Leroy Sané und Callum Hudson-Odoi haben sich zwei Wunschspieler offenbar gegen den FC Bayern entschieden. Wie konkret das Interesse an Problemfußballer Ousmane Dembélé tatsächlich war, scheint mittlerweile egal, denn der FC Barcelona will den Franzosen offenbar trotz diverser Eskapaden halten. Und über das zwischenzeitlich laut getuschelte Techtelmechtel mit Leipzigs Nationalstürmer Timo Werner redet auch keiner mehr.

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17 Profis für das Feld und vier Torhüter hat Kovac zur Verfügung, wenn er an diesem Montag als letzter Bundesligist mit der Vorbereitung auf die kommende Saison beginnt. Vier weitere Fußballer würde er gerne noch begrüßen, das hat er dem "Kicker" kürzlich verraten - ob in dieser Personalrechnung bereits die vermuteten Noch-Abgänge von Jérôme Boateng und Renato Sanches einkalkuliert sind? Unklar. So oder so steht der lauernde Salihamidzic, dessen Transferarbeit bereits unter dem Twitter-Hashtag "KoanNeuer" verspottet wird, in der dringenden Pflicht, den Kader mit neuer Qualität zu bestücken, am besten sogar noch mit vernünftigen Preis-Leistungsspielern. Denn das Ziel in dieser Saison, das hat der erfolgsbesessene Rummenigge noch mal offensiv angesagt, ist eine starke Rolle in der Champions League. Noch einmal raus im Achtelfinale, das wäre deutlich zu wenig. Aber die Königsklasse wird nach diesem Sommer mit gepimpten Teams aus Manchester, Barcelona und Madrid, sowohl Real als auch Atlético, eher noch mal stärker.

Die Großbaustelle des Münchener Kaders liegt derweil auf den offensiven Flügeln, weswegen Kovac bereits einen taktischen "Notfall-Plan" entworfen hat. Im Groben sieht dieser vor, dass die Münchner über flexible Systeme mit einer defensiven Dreierkette und zwei sehr offensiven Außenverteidigern den personellen Flügelnotstand kaschieren können. Sowohl bei einem 3-4-2-1 - oder 3-5-2 besteht kein zwingender Bedarf an klassischen Außenspezialisten. Von denen gibt's aktuell nur zwei Etablierte im Kader: Kingsley Coman und Serge Gnabry. Beides Spieler für die internationale Klasse, beides Spieler, deren größte Schwäche in der Vergangenheit die körperliche Anfälligkeit war. Stabile Alternativen gibt es nicht. Thomas Müller fühlt sich als Freigeistlicher eher im offensiven Zentrum wohl, Leon Goretzka hat seine Stärken ebenfalls in der Mitte, wenn auch etwas tieferstehend als Müller. Und Alphonso Davies, das zehn Millionen Euro teure kanadische Talent, ist keine planbare Konstante.

Der Mangel wird nur verschoben

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Wie fit ist Lucas Hernandéz?

(Foto: imago/ZUMA Press)

Eine kreative Mangelverwaltung ist das, mit einem gewaltigen Makel: Weniger gelerntes Offensivpersonal auf dem Platz, schafft die Notwendigkeit für mehr gelerntes Defenisvpersonal. Statt des Puzzle "drei (Spieler) für zwei (Plätze)" in der Abwehrzentrale müssten bei einer Dreierkette alle Spezialisten ran, also Chef Niklas Süle und seine neuen, teuren, weltmeisterlichen Adjutanten - beide kommen aber mit Problemen. Hernández war sehr lange verletzt und Pavard hat mit dem VfB Stuttgart eine katastrophale Saison in den Bundesliga-Abstieg münden lassen. Dass beide eigentlich auch noch als Ersatz für die gesetzten Außenverteidiger David Alaba (links: Hernández) und Joshua Kimmich (rechts: Pavard) gelten, offenbart das ganze Dilemma: Wo Mangel kaschiert wird, entsteht neuer. Und dass mit Boateng lediglich eine verprellte Alternative mit ungewisser Zukunft im Kader gelistet ist - eine Krux.

Klar, der spanische Wadlbeißer Javi Martinez kann auch als Innenverteidiger aushelfen, fühlt sich aber auf der "Sechs" wohler. Immerhin: Würde Kovac den 30-Jährigen zurückziehen, würde im Zentrum kein akuter Mangel entstehen. Mit Thiago, Corentin Tolisso und Goretzka ist die Mitte gut aufgestellt - Renato Sanches ist auch noch da. Bleibt der Sturm. Und die Frage: Wer gönnt Robert Lewandowski, der sich übrigens vor zwei Jahren über den "Spiegel" ebenfalls bereits unabgesprochen und kritisch mit der Transferpolitik des FC Bayern auseinandergesetzt hatte, mal 'ne Pause, wenn der eine nötig hat. Eingefordert hat er das in der vergangenen Saison bereits. Jann-Fiete Arp? Eher (noch) nicht. In der vergangenen Saison wurde er selbst im Zweitliga-Team des Hamburger SV kaum berücksichtigt - trotz teilweise größter Sturmprobleme. Und auch das medial berichtete Wechselverbot für Reserve-Torjäger Kwasi Okyere Wriedt (24 Tore in der Regionalliga, dazu acht Vorlagen) taugt weder als Coup noch als Bepanthen für wunde Spielerseelen.

Viele schlechte Nachrichten - und vor allem ein bedauernswerter Adressat: der in der Vergangenheit von den Kluboberen sehr oft alleingelassene, und von seinen Spielern phasenweise heftig kritisierte Niko Kovac. Neue Dominanz, eine klare Spielidee und Titel, das ist der Auftrag für seine zweite Saison. Die Mittel: überraschend eingeschränkt. Es droht eine erneut verdammt kuriose Bayern-Saison. Vor allem für Kovac. Immerhin einer glaubt weiter fest an die Bayern, Ex-Stürmer Sandro Wagner: "Bayern wird mit diesem Kader weiter über Jahre hinweg Meister werden - selbst wenn kein weiterer Neuzugang kommen sollte." Aber das, das kann er sich eigentlich nicht vorstellen.

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Ist der Kader des FC Bayern auf Top-Level konkurrenzfähig?

 

Quelle: n-tv.de

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