Collinas Erben

"Collinas Erben" im Derbyfieber Erst fliegen die Fetzen, dann zwei vom Platz

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Kölner und Leverkusener versuchten sich in der Nachspielzeit neben Fußball auch in Rudelbildung und Schubssport.

(Foto: imago/Team 2)

Schalke und BVB beenden den Derby-Sonntag in der Bundesliga vollzählig, weil der Schiedsrichter alle Augen zudrückt. Bei Köln gegen Leverkusen tut er das nicht. Josep Guardiola sorgt mit einer Blitz-Schutz-Auswechslung für Aufsehen.

Manuel Gräfe ist ein Schiedsrichter, den so leicht nichts aus der Fassung bringt. Selbst in Momenten größter Hektik bleibt der 42 Jahre alte Sportwissenschaftler seelenruhig und besonnen. Nie neigt er zu übereilten Maßnahmen, nie lässt er sich von der Aufgeregtheit der Spieler anstecken. Mit seinen beachtlichen 1,94 Metern Körpergröße steht er buchstäblich über den Dingen, ohne dabei je auf die Kicker herabzuschauen. Seine Körpersprache vermittelt gleichermaßen Gelassenheit wie Entschlossenheit, seine sparsame, aber präzise Gestik, mit der er seine Entscheidungen zu untermauern pflegt, ist typisch für ihn. Der Berliner Referee ist der Fels in der Brandung, an ihm prallt noch die größte Woge der Erregung ab. Bei den Klubs hat ihm das eine Menge Respekt eingebracht, und der DFB beauftragt ihn regelmäßig mit der Leitung von Begegnungen, die eine besondere Brisanz bergen.

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So wie beispielsweise die Partie zwischen den rheinischen Lokalrivalen 1. FC Köln und Bayer 04 Leverkusen, die am Sonntagabend zum Abschluss des 29. Spieltags über die Bühne ging. Gräfe, der seit zwölf Jahren in der Bundesliga pfeift, feierte dabei ein Jubiläum: Für ihn war es das 200. Spiel im deutschen Fußball-Oberhaus. Lange Zeit blieb das Match sehr friedlich, was auch am Unparteiischen lag, der mit der Gelben Karte für den Leverkusener Wendell wegen eines rustikalen Fouls an Leonardo Bittencourt nach nur neun Minuten schon frühzeitig deutlich gemacht hatte, wo für ihn die Grenze eindeutig überschritten ist. Die Spieler verstanden dieses Zeichen und richteten sich danach. Gräfe ließ daraufhin bei der Zweikampfbeurteilung eine wohltuend großzügige Linie obwalten, ohne je Gefahr zu laufen, eine Treterei heraufzubeschwören.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Als die fünfminütige Nachspielzeit anbrach und die überlegenen Gäste einem verdienten 2:0-Sieg entgegensahen, hätte deshalb wohl auch kaum jemand gedacht, dass die Partie noch Eskalationspotenzial in sich birgt. Doch nach genau 94 Minuten fuhr Leonardo Bittencourt plötzlich mit Anlauf die Beinschere aus und grätschte den davoneilenden Admir Mehmedi von hinten rabiat um – eine vollkommen überflüssige Aktion der Marke "Frustfoul". Als Gräfe deshalb pfiff, entstand zudem augenblicklich das, was man im Fußball seit einigen Jahren mit dem Begriff "Rudelbildung" umschreibt: ein Spielerauflauf nämlich, in dem wild gestikuliert, gestritten und geschubst wird. Für den Schiedsrichter und seine Assistenten – die in einem solchen Fall zur Verstärkung des Unparteiischen aufs Feld laufen sollen – lautete die oberste Pflicht nun: Ruhe bewahren, Überblick verschaffen, Spieler beobachten, Schlimmeres möglichst verhindern. Und dabei niemals hektisch werden.

Zwei Platzverweise in der Nachspielzeit

Einem erfahrenen Referee wie Manuel Gräfe muss man so etwas nicht mehr sagen, er kennt solche heiklen Situationen zur Genüge und weiß, wie man sie befriedet. Als Erstes drängte er deshalb den Hauptdarsteller Bittencourt diskret aus dem Spielerpulk, um die Gefahr einer von Revanchegelüsten motivierten Unsportlichkeit an ihm zu minimieren. Seine Assistenten, die inzwischen ebenfalls zum Tatort geeilt waren, überwachten derweil so gut es ging den Rückraum, in dem es die eine oder andere hitzige Diskussion gab und hier und dort gerangelt wurde. Für das Schiedsrichterteam lautet die Direktive in solchen Momenten: Es muss nicht jeder kleine Schubser registriert und später mit einer Karte geahndet werden, eindeutig strafwürdige Unsportlichkeiten jedoch sollten nicht unbemerkt bleiben.

Das zweifellos auffälligste Scharmützel war dabei jenes zwischen dem Kölner Filip Mladenovic und dem bereits verwarnten Leverkusener Wendell. Erst griff der Serbe dem Brasilianer mit der Hand an den Hals, dann revanchierte sich dieser – noch einen Tick heftiger – auf die gleiche Weise. Trotzdem gelang es Manuel Gräfe, die Gemüter zu besänftigen. Mit seinen Assistenten beriet er sich schließlich in aller Ruhe auf dem Feld, dann sprach er die Urteile: Rot für Bittencourt wegen groben Foulspiels, Gelb-Rot gegen Wendell. Mladenovic hatte viel Glück und kam ungeschoren davon. Das Handgemenge von Wendell und Mladenovic hätte auch zu zwei weiteren glatt Roten Karten führen können, doch Gräfe sah hier – sicherlich auch vor dem Hintergrund des bis dahin sehr fairen Spielverlaufs – noch einen Spielraum, um die Begegnung nicht mit drei Platzverweisen beenden zu müssen. Und selbst wenn man diesen Entschluss nicht teilt, kommt man nicht umhin, dem Unparteiischen in seinem Jubiläumsspiel einen insgesamt ausgesprochen souveränen Auftritt zu bescheinigen.

Zwayer im Ruhrderby mit Licht und Schatten

Gräfes Kollege Felix Zwayer, auch er ein Berliner, hatte wenige Stunden zuvor ein Lokalduell von noch größerer Tragweite zu leiten, nämlich jenes zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund. Dabei verfolgte er bei seiner Zweikampfbeurteilung eine konsequente und trotz der Intensität des Spiels nicht zu kleinliche Linie. Der Strafstoß für die Gastgeber nach einem Zweikampf zwischen Sokratis und Klaas-Jan Huntelaar beispielsweise war vollauf berechtigt. Ebenso vertretbar war es, kurz darauf keinen Elfmeter zu geben, als der Niederländer im erneuten Duell mit dem Griechen theatralisch zu Boden ging. Auch ansonsten verstand es Zwayer gut, zwischen fußballtypischen Härten und verbotenem Spiel zu unterscheiden, und er drückte der Partie mit seiner Persönlichkeit den Stempel auf.

Bei den Personalstrafen dagegen fehlte der einheitliche Maßstab etwas: Die beiden Gelben Karten vor der Pause gegen den Dortmunder Nuri Sahin und den Schalker Sead Kolasinac, jeweils nach einem Foulspiel, waren Ausdruck einer eher strengen Regelauslegung. Dass Huntelaar für seinen absichtlichen Bodycheck gegen Matthias Ginter ohne Karte davonkam, war dagegen ausgesprochen großzügig. Entgegenkommend zeigte sich Zwayer zudem bei Sokratis' Foul an Huntelaar im Strafraum – das auch als "Notbremse" hätte gewertet werden können, was die Rote statt der Gelben Karte erforderlich gemacht hätte. Auch bei der rüden Grätsche von Pierre-Emile Höjbjerg gegen Henrikh Mkhitaryan, für die der dänische Nationalspieler ebenfalls lediglich verwarnt wurde, ließ er Milde walten, obwohl auch hier ein Platzverweis in Betracht gekommen wäre. Für sich genommen waren diese Entscheidungen zwar zu rechtfertigen, doch wenn man sie zueinander ins Verhältnis setzt, muss man die fehlende Linie des Schiedsrichters kritisieren.

Insgesamt aber wurde an diesem Spieltag eher wenig über die Unparteiischen diskutiert. Die versahen ihren Job zumeist geräuschlos und gut, auch in den schwierigen Kellerduellen zwischen Werder Bremen und dem FC Augsburg sowie zwischen Eintracht Frankfurt und der TSG 1899 Hoffenheim. Bei der Begegnung zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Bayern München stand derweil Arturo Vidal vorübergehend im Mittelpunkt der Debatte: Der Chilene hatte nach 22 Minuten für ein Foul die Gelbe Karte kassiert und hätte nur zwei Minuten später bei strenger Regelauslegung für ein weiteres hartes Einsteigen mit Gelb-Rot vom Platz fliegen können. Der vorzügliche Schiedsrichter Bastian Dankert nutzte jedoch seinen Spielraum und beließ es – was allemal vertretbar war – bei einer letzten, deutlichen Ermahnung. Bayerns Trainer Pep Guardiola reagierte sofort und wechselte Vidal aus, sehr zu dessen Unwillen. Der Referee dagegen wird diese Maßnahme vermutlich begrüßt haben, denn seine Maßnahme zur Deeskalation hatte erkennbar gefruchtet. Und daran ist einem guten Schiedsrichter immer gelegen.

Quelle: n-tv.de

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