Kösters Direktabnahme

Köster über Rauswurf-Aktionismus Der Trainer fliegt, die Krise bleibt

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Markus Kauczinski ist bereits der vierte entlassene Coach in dieser Bundesliga-Saison.

(Foto: imago/Stefan Bösl)

Läuft es sportlich schlecht, wird der Coach entlassen. Diesmal erwischt es Markus Kauczinski vom FC Ingolstadt. Dumm nur: Das bringt leider gar nichts. Das Beispiel Ingolstadt wird zeigen, wie sinnlos solche Rausschmisse sein können.

Und wieder einer entlassen. Seit Sonntag Mittag ist Markus Kauczinski nicht mehr Coach des FC Ingolstadt, was der Geschäftsführer des Klubs mit dem immer schön passenden Elektrotechniker-Satz begründete: "Wir wollten einen neuen Impuls setzen!" Kauczinski ist bereits der vierte entlassene Coach dieser Saison, nach dem Hamburger Bruno Labbadia, Dieter Hecking in Wolfsburg und Viktor Skripnik in Bremen.

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Nach gerade einmal zehn Spieltagen ist das eine erstaunliche Bilanz für eine Liga, in der von Vereinsfunktionären nichts so eindrücklich beschworen wird wie der Wunsch nach Nachhaltigkeit und Seriosität. Um dann bei nächster Gelegenheit und ausbleibenden sportlichen Erfolgen eben doch wieder den Übungsleiter rauszuschmeißen.

FC Ingolstadt hat mehrere Baustellen

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Chefredakteur und Herausgeber des Fußballmagazins "11 Freunde". In seiner Kolumne "Kösters Direktabnahme" greift er jeden Dienstag für n-tv.de ein aktuelles Thema aus der Welt des Fußballs auf. Zudem ist er seit der Saison 2016/17 Bundesligaexperte von n-tv.

Nur warum ist das so? Warum pfeifen Vereinsvorstände seit vielen Jahren auf die Erkenntnis, dass der Rausschmiss der Übungsleiter nur in seltenen Fällen einen nachhaltigen Umschwung bedeutet. Warum ist der Trainerwechsel noch heute die erste Reaktion auf sportliche Krisen? Schon 2011 ergab eine Studie aller Trainerwechsel in der Bundesliga von 1963 bis 2009, dass ein Wechsel auf dem Trainerposten in der Breite so gut wie keinen Effekt hat. Natürlich gibt es wenige Ausnahmen, in denen die Mannschaft dann plötzlich eine sensationelle Kehrtwende hinlegt und statt abzusteigen noch in die Europa League einzieht. Auf diese Fußball-Märchen hoffen die Verantwortlichen offenbar, wenn sie mal wieder einen Coach entlassen haben.

Am Beispiel Ingolstadt lässt sich jedoch auch schön demonstrieren, wie sinnlos bisweilen solche Rausschmisse sein können. Denn der FC Ingolstadt ist nicht erst unter Kauczinski sportlich auf die schiefe Bahn geraten. Schon in den letzten fünf Spielen der letzten Saison unter Vorgänger Ralph Hasenhüttl hatte Ingolstadt nur einen Punkt geholt. Und was nun in dieser Saison passiert, ist bei Licht besehen auch nur die stinknormale Entwicklung für einen Klub mit derart niedrigem Etat wie Ingolstadt.

Mit akribischer Arbeit ans Ziel

Die Euphorie des Aufstiegsjahres ist verflogen, die Gegner haben sich auf die kompakte Ingolstädter Spielstruktur eingestellt, der Kader ist zwangsläufig nicht so stark besetzt wie bei der Konkurrenz. Hinzu kommen ganz normale Formschwächen, dazu gesellt sich noch etwas Pech im Abschluss. Und all das hat der Trainer verbockt?

Kauczinski hatte der Krise zudem nicht tatenlos zugesehen, sondern immer wieder versucht, den Schwächen seines Teams mit spieltaktischen Veränderungen zu begegnen. Hatte er sein Team zunächst hoch und aggressiv verteidigen lassen, ließ er später seine Abwehr nach hinten einrücken, um sie zu stabilisieren. Auch ließ er mal mit zwei, mal mit drei und mal auch nur mit einem Stürmer attackieren.

Keine der Maßnahmen brachte kurzfristige Erfolge. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass in der Arbeit mit Profimannschaften Geduld und akribische Arbeit in der Regel Erfolg mit sich bringen. Es entstehen Automatismen, die der Mannschaft Sicherheit geben. Fehlendes Glück kehrt zurück. Ein Trainerwechsel setzt all die Anstrengungen wieder auf Null zurück. Geduld wollen sie in Ingolstadt jedoch nicht mehr aufbringen. Den Abstieg wird jedoch auch ein neuer Coach nicht verhindern.

Quelle: ntv.de