Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 30. Juni 2002 Alle in einen Sack außer Kahn

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Und dann bist du plötzlich der größte Depp.

Was Oliver Kahn bei der WM 2002 in Japan und Südkorea hielt, sucht seinesgleichen. Und doch blieb ihm der ganz große Triumph versagt. Eine Zeitung schrieb damals: "Deutschland biss ins Gras, weil Kahn der Schreckliche auch nur ein Mensch ist."

Der Grat zwischen Held für die Ewigkeit und Verlierer für den Moment ist verteufelt schmal – und sehr, sehr unfair noch dazu. Fast einen Monat lang hielt Oliver Kahn bei der WM 2002 in Japan und Südkorea jeden möglichen und ganz viele unmögliche Bälle, sicherte seinem Team so Sieg um Sieg - und fühlte sich doch am 30. Juni 2002 als der größtmögliche Depp unten auf dem Rasen des International Stadium in Yokohama.

Als der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft in der 67. Spielminute einen Ball des Brasilianers Rivaldo nach vorne abprallen ließ und Ronaldo diese Steilvorlage geistesgegenwärtig zum 1:0 verwertete, war die Arbeit von Wochen, Monaten, gar Jahren zerstört. Die sensationellen Leistungen in all den Partien zuvor zählten von einer Sekunde auf die andere plötzlich nichts mehr. All die Hoffnungen und Träume waren zerstört – wegen eines einzigen Moments.

Auch wenn die deutsche Elf es an diesem Tag bis ins Endspiel geschafft hatte, es war nicht unbedingt ihre WM gewesen. Kommentator Marcel Reif meinte einmal während des Turniers: "Das Spielerische bei der deutschen Mannschaft fällt unter das Armenrecht." Es war einzig und allein die WM des Oliver Kahn. Nach dem mühsamen Viertelfinalsieg gegen die USA sagte Franz Beckenbauer gewohnt offenherzig: "Wenn man alle außer Kahn in einen Sack steckt und draufhaut, findet man immer die Richtigen." Auch der Gegner konnte sich angesichts des Spielverlaufs nur schwer mit der Niederlage arrangieren. US-Nationalspieler Tony Sanneh: "Das war ein typisch deutsches Spiel. Die können noch so schlecht spielen, sie gewinnen immer."

Früher hat man Bier getrunken

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Schneider (r.) passten die japanischen Steckdosen nicht.

Vielleicht lag es auch daran, dass nicht alle in der Mannschaft so verrückt auf den WM-Triumph waren wie Oliver Kahn. Immerhin meinte der Leverkusener Bernd Schneider nach seinen ersten Eindrücke über das WM-Quartier in Miyazaki befragt: "Es bereitet mir am meisten Kopfzerbrechen, dass es für meine Playstation keinen Anschluss gibt." Eine Äußerung, die vermutlich halb im Scherz geäußert wurde, doch auch den Keeper des FC Bayern nervte die häufig doch etwas nachlässige Einstellung seiner Mitspieler. Es stellte sich jedoch die Frage: Was und vor allem wie konnte man daran etwas ändern? Oliver Kahn: "Früher hat man 25 Kisten Bier getrunken, wenn man nicht mehr wusste, was zu tun ist. Diese Zeiten sind vorbei." Und so schoss man sich gemeinsam auf die nörgelnde und nervende Presse ein. Als die deutschen Medien immer mehr die anderen, attraktiver spielenden Mannschaften in den Fokus rückten, platzte Kahn der Kragen: "Ja, die sind aber auch schon wieder zwei Wochen am Strand."

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Ein legendäres Interview mit fachkundigem Politiker: Edmund Stoiber (r.) und Kahn.

Nachdem man mit Ach und Krach durch einen Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Kamerun - "das Einzige, was sich bewegt hat, war der Wind", Franz Beckenbauer zur Leistung der deutschen Elf in den ersten 45 Minuten - die Vorrunde überstanden hatte, kam es im Achtelfinale zum Duell gegen Paraguay. Wieder überzeugte die deutsche Elf nicht. Hinterher war auch Teamchef Rudi Völler außer Rand und Band – allerdings nicht wegen des mäßigen Spiels des DFB-Teams sondern wegen des schlechten Geredes über die Partie: "Wir dürfen uns nicht davon beeinflussen lassen, wenn irgendein bekloppter englischer Journalist sagt, es wäre ein Scheißspiel gewesen oder der bekloppte Bum-Kun Cha sagt, es wäre das schlechteste Spiel gewesen, das er je von der deutschen Mannschaft gesehen hat. Dann muss ich sagen, Cha Bum hat zu viel Aspirin gegessen, als er damals bei Bayer Leverkusen gespielt hat." Nur einer war zufrieden: Oliver Kahn. Immerhin hatte Paraguays Nationaltorwart kein Tor erzielt: "Wenn Chilavert mir einen rein geschossen hätte, hätte ich sofort aufgehört mit Fußballspielen."

"Ronaldinho und ....äh"

Nach dem Sieg über Südkorea im Halbfinale lobte Deutschlands Torhüter bei der WM 1962 in Chile, Wolfgang Fahrian, seinen Nachfolger: "Oliver Kahn hat es geschafft, mit seiner Präsenz das Tor zu verkleinern." Für das Finale gab Torsten Frings anschließend eine knallige Devise aus: "Am besten grätschen wir die Brasilianer schon bei der Hymne weg." Das wäre vermutlich in der Tat ein guter Plan gewesen, denn die Seleção verfügte bei der WM 2002 über einen beeindruckenden Kader. Das fand auch der damalige Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. In einem legendären Interview nach der Finalniederlage sagte er: "Die Brasilianer hatten ein phantastisches Trio da vorne mit Ronaldo, Ronaldinho und … äh … den anderen Brasilianern."

Am Ende war es genau so, wie es die spanische Zeitung "AS" nach der Finalniederlage schrieb: "Deutschland biss ins Gras, weil Kahn der Schreckliche auch nur ein Mensch ist." Und Menschen machen nun einmal Fehler. Dass ihm dieser ausgerechnet im Endspiel unterlief, wird Oliver Kahn selbst am meisten geärgert haben.

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Quelle: n-tv.de

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