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Science Fiction, Sex und Video Fünf Thesen zu Google Glass

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Ist die Google-Brille bald Alltag?

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Informationen über die Umwelt abrufen, direkt vor dem Auge, ohne ein Smartphone aus der Tasche zu holen. Menschenmengen scannen und Personen erkennen. Den Gesprächspartner überprüfen, ohne dass dieser es bemerkt. Glass verändert seine Träger - und deren Mitmenschen.

Ein Brillengestell, die Gläser nicht vorhanden oder randlos, an einer Seite versehen mit einem dicklichen Zusatzteil. Wäre Google Glass Accessoire eines "Star Trek"-Films, würde sich niemand wundern. Die Brille, die dem Träger per integriertem Bildschirm Informationen über seine Umwelt gibt, soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Neben Entwicklern dürfen nun bereits auserwählte Presseleute und Normalsterbliche das Gestell aufsetzen.

Glass ist ausgerüstet mit einer Kamera, einem Mikrofon, funktioniert in Kombination mit Android- und iOS-Apps, über WLAN und auch übers Mobilfunknetz. Es hat zudem einen Kopfhörerausgang, GPS und einen Bewegungssensor. Das Gestell reagiert auf Sprache. Android-Smartphones erkennen Gesprochenes, doch Glass erkennt darin auch weitergehende Befehle. Optimisten hoffen auf einen Verkaufspreis von rund 400 US-Dollar, Pessimisten rechnen mit 1500 US-Dollar. Die Kombination mit Sonnenbrillen und Gläsern mit Stärke soll möglich sein. Derzeit zeigt die Google-Seite Modelle in fünf unterschiedlichen Farben.

Doch neben dieser reinen technischen Beschreibung wirft Google Glass andere Fragen auf; über die Träger und ihre Umwelt, und wie die Zukunft aussieht, wenn diese dem Gegenüber plötzlich auf der Nase sitzt. Fünf Thesen zur Datenbrille.

Glass verändert seine Träger

Wenn Informationen überall abrufbar sind, ohne ein Gerät haptisch zu bedienen, macht das den Träger flexibler. "Ok Glass, google die Höhe des Berliner Fernsehturms" sollte relativ zuverlässig eine Angabe von 368,03 Metern auf der Anzeige hervorrufen. Wie es bei Wikipedia zu lesen ist. "Ok Glass, schieße ein Foto" macht das Herausholen des Smartphones überflüssig. Wetterbericht aufrufen, Musikhören, E-Mails lesen, das nächstgelegene asiatische Restaurant suchen, wie lange der Fußweg dorthin dauert – wohl alles kein Problem und per Sprachsteuerung möglich.

Die Anzeige kann auch als permanenter Teleprompter genutzt werden. Manche sehen darin einen potenziellen Verlust der Glaubwürdigkeit. Auf der anderen Seite: US-Präsident Barack Obama, der wie kein amerikanischer Staatschef vor ihm Teleprompter während seiner Reden, gar während der Wahlkampf-Fernsehduelle gegen Mitt Romney nutzte, schadete es nicht. Er sitzt noch immer im Weißen Haus.

Glass verändert seine Umwelt

Sind es die eigenen Worte, die die Verkäuferin da benutzt, oder ein Skript? Sagt ihr eine App: "Bitte lächeln Sie den Kunden jetzt an", oder galt das mir als Person? Eine weitere, von Google mitfinanzierte App heißt "Insight". Sie erkennt Menschen. Dazu scannt die Kamera die Umgebung des Trägers. Statt Gesichtserkennung konzentriert sich die Software auf andere Elemente wie Kleidung oder Accessoires. Bei Tests hatte die App eine Erfolgsquote von 93 Prozent, sie identifizierte dabei 14 von 15 Personen.

Der Vorteil der Kleidermethode ist, dass Menschen auch von hinten erkannt werden können. Das System soll auch in Menschenmengen funktionieren. Die Zweifel, die aufkommen, sind vor allem die von Datenschützern. So könnten etwa bei einem Konzert Besucher von Insight erkannt und aufgenommen werden und im Netz landen. Ist das legal?

Glass lässt Datenschutzgrenzen verschwimmen

*Datenschutz

Im vergangenen Sommer bereits machte ein aufwändig produziertes Video über ein Date die Runde. Alles läuft wie am Schnürchen - vor allem, weil der Mann eine helfende App benutzt. Die Software empfiehlt ihm, wann er was sagen oder lächeln, welche Kommentare, welche Komplimente er machen soll. Die Frau fühlt sich geschmeichelt und wird immer offener, sie gehen zu ihm nach Hause. Alles scheint auf Sex hinauszulaufen. Doch dann entdeckt sie den Schwindel. Sie wird sauer und geht. Andere Videos geben solchen Dating-Situationen einen humoristischen Anstrich.

Wenn der Gesprächspartner ein Brillenträger ist und sich Google Glass zulegt, ist das für ihn komfortabel. Für den Gegenüber und den Rest der sozialen Umwelt ist es eine mögliche Belastung. Es reicht schon, wenn der Träger ein Video aufnimmt, ohne schlechte Absichten. Es könnte online bei Google Plus oder Facebook landen, automatisch mit den Profilen von Anwesenden verknüpft. Das wirft Fragen auf.

Was ist privat, was darf öffentlich sein? Wo kollidiert die Entscheidung des Trägers, etwas zu veröffentlichen, mit den Vorstellungen seiner Mitmenschen von Privatsphäre? Was passiert etwa, wenn Lehrer sich im Klassenraum provozieren lassen und Schüler ihn später mit einer Aufnahme davon im Netz bloßstellen? Die Fragen sind nicht neu; aber sie müssen neu gestellt werden, um Antworten zu finden.

Glass macht Menschen menschlicher

Es gibt immer eine Gegenströmung. Das gilt auch für technischen Fortschritt, so skeptisch ihn manche sehen mögen. Vertrauen bei Vertraulichkeit und privaten Gesprächen; die Fähigkeit, ständig verfügbares Wissen selbst in Sinnzusammenhänge zu bringen; Menschenkenntnis und Feingefühl bei der Bewertung, ob jemand gerade er selbst ist oder Hilfsmittel nutzt. Individualität sticht so noch mehr heraus. Kurzum: Menschlichkeit wird wichtiger, weil das Bewusstsein dafür geschärft wird.

Glass ist nur der Anfang

Google spielt nicht, Google macht Ernst. Augmentierungen, also die technische Verbesserungen des menschlichen Körpers, sind real. So, wie sich Science Fiction Autoren vor Jahrzehnten die Zukunft vorgestellt haben, wird sie tatsächlich aussehen. Der Nationale Geheimdienstrat der USA hält Cyborgs in "15 bis 20 Jahren" für möglich. "Menschen können sich entscheiden, ihren Körper zu verbessern - so wie sie es heute mit Schönheitschirurgie tun", heißt es im aktuellen Bericht des Gremiums.

Auf Glass folgen Gliedmaßen und Implantate, die die Leistungsfähigkeit von Geist und Körper verbessern. Doch wo technische Schnittstellen sind, gibt es auch Möglichkeiten, sie zu missbrauchen. Ganz abgesehen von moralischen und ethischen Fragen zur Integrität des menschlichen Körpers. Sie werden die Zukunft jedoch nicht aufhalten. Und die beginnt mit einem Brillengestell.

Quelle: n-tv.de

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