Wirtschaft

Peking überflutet die Märkte Chinas Stahlkrieg bedroht tausende Jobs

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Der Lobbyverband der deutschen Stahlindustrie macht Front gegen die chinesische Billig-Konkurrenz.

Weil auf dem Heimatmarkt Flaute herrscht, fluten Chinas marode Stahlhersteller mit Dumping-Exporten den Weltmarkt. Der Handelskrieg mit den USA und Europa gefährdet tausende Arbeitsplätze.

Wer im April am Berliner Hauptbahnhof seinen Zug suchte, stieß zwischen Gleis 15 und 16 auf ein ungewöhnliches Plakat. Darauf liefen Arbeiter an riesigen Stahlrollen vorbei durch eine Lagerhalle. Einige waren allerdings nur noch schemenhaft in Umrissen zu erkennen. Sie verschwanden. Darüber stand in orangener Signalfarbe: "Arbeitsplätze in Gefahr".

Hinter der Plakataktion steckt die "Wirtschaftsvereinigung Stahl". Der Lobbyverband hat 2016 zum "Schicksalsjahr für die deutsche und europäische Stahlindustrie" erklärt. Auch US-Finanzminister Jack Lew schlägt Alarm: "Die Überkapazitäten der Stahlproduktion in China verfälschen und schädigen die Weltmärkte", sagte er in Peking.

Weil sich die Chinas Wirtschaft immer stärker abkühlt, suchen die Stahlkocher aus dem Reich der Mitte nach Abnehmern im Rest der Welt: Sie fluten den Weltmarkt mit immer mehr Billig-Stahl. Gewinne sind dabei zweitrangig, so der Vorwurf der westlichen Hersteller. Baosteel, Shagang und Co. sollen zu Preisen unterhalb der Produktionskosten verkaufen. Mit den Dumping-Exporten will China Arbeitsplätze in seiner maroden Stahlindustrie retten. Die Folge ist ein Handelskrieg, der zehntausende Jobs in Europa und den USA bedroht.

China will seine Jobs retten

Bei ThyssenKrupp herrscht unter anderem wegen der Billig-Konkurrenz schon seit Jahren Kurzarbeit. Bis mindestens 2018 wird sie noch dauern. In Großbritannien will Tata Steel, der größte britische Stahlkocher, sein defizitäres Geschäft aufgeben. 15.000 Jobs sind auf der Insel in Gefahr. Auch Planspiele für eine Verstaatlichung der britischen Tochter des indischen Konzerns gab es bereits.

Die Krise der europäischen Stahlindustrie ist allerdings auch hausgemacht. ThyssenKrupp laboriert noch immer an den Spätfolgen der katastrophalen Fehlinvestition in zwei Stahlwerke in Brasilien und den USA. Der Konzern versenkte dabei Milliarden in Übersee und brockte sich den größten Verlust seiner Geschichte ein.

Das macht es für China noch leichter, mit der EU und den USA Schwarzer Peter zu spielen. Wenn Peking lange genug durchhält, rettet es seine Jobs, während andere Länder Arbeitsplätze verlieren. Der Stahlkrieg ist vergleichbar mit dem Preiskampf auf dem Ölmarkt: China versucht ausländische Hersteller zu Tode zu produzieren. Die Welthandelsorganisation (WTO) verurteilt solche Dumping-Strategien.

Chinas Regierung hat deswegen längst versprochen, bis 2020 Überkapazitäten in der Stahlindustrie abzubauen. Vermutlich eine halbe Million Arbeitsplätze müssen gestrichen werden. Peking zögert damit aber, weil es Angst vor den sozialen Folgen der Jobverluste hat. China ist der weltgrößte Stahlexporteur.

Zombie-Fabriken siechen vor sich hin

EU und USA wehren sich nun aber gegen die chinesischen Billigkonkurrenten, die Stahl unter den eigenen Herstellungskosten verschleudern. Washington belegte chinesischen Stahl im Mai mit drakonischen Strafzöllen. Die sieben führenden Industrienationen berieten auf ihrem Gipfel in Japan darüber. Und auch die EU will die Hersteller in Europa nun besser vor den Billigimporten schützen. Sie droht unter anderem damit, Peking die Einstufung als Marktwirtschaft zu verweigern, die sie 2001 bei Chinas Aufnahme in die WTO eigentlich versprochen hatte.

Weltweit wurden laut dem Branchenverband World Steel Association im April rund 135 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt. Mehr als die Hälfte stammte aus China. In den letzten zehn Jahren hat das Reich der Mitte seinen Weltmarktanteil von knapp über 30 auf rund 50 Prozent gesteigert. Das Wachstum ging vor allem auf Kosten von Herstellern in Europa, USA und Japan.

Vielfach ist es aber auf Sand gebaut. Das Wachstum der Industrie wurde von einem Strohfeuer aus Krediten angefacht, die die Lokalregierungen aus politischen Gründen vergeben hatten. Die Folge ist, dass nun tausende Zombie-Fabriken in China vor sich hinvegetieren, auch in der Stahlindustrie. Von den 34 börsennotierten chinesischen Stahlherstellern seien im vergangenen Jahr nur 14 profitabel gewesen, schreibt die britische "Financial Times". Sie sind eigentlich nicht ausgelastet, müssen aber dennoch Millionen Arbeiter beschäftigen. Viele können sich nur noch mithilfe von großzügigen Krediten der Staatsbanken über Wasser halten.

Quelle: ntv.de