Wirtschaft

"Lässt sich nicht durchhalten" Diese Exit-Strategien empfehlen Ökonomen

Die Stillegung der Wirtschaft muss enden, aber wie? Auch Ökonomen sind sich uneinig.

Die Stilllegung der Wirtschaft muss enden, aber wie? Auch Ökonomen sind sich uneinig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nicht nur die Politik, auch die führenden deutschen Wirtschaftsforscher streiten, wie der Ausstieg aus der Corona-Quarantäne gelingen soll. Vorschläge, welche Geschäfte und Betriebe nach den Osterferien wieder öffnen sollen, gibt es viele. Klar ist nur: Der Shutdown verursacht gewaltige Kosten.

Nach den Osterfeiertagen hoffen viele Menschen in Deutschland auf eine Lockerung der strengen Quarantäne-Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Epidemie. Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer wollen am Mittwoch darüber beraten. Die Professoren der Leopoldina-Nationalakademie haben bereits Vorschläge für den Neustart vorgelegt: Sie empfehlen etwa, Einzelhandel, Hotels, Behörden und Schulen schrittweise wieder zu öffnen.

Begonnen werden sollte laut den Forschern mit Grundschulen und Sekundarstufe I, da jüngere Kinder intensivere persönliche Betreuung beim Lernen brauchen. Das Robert-Koch-Institut hat sich hinter die meisten der Vorschläge gestellt, empfiehlt dagegen allerdings, erst ältere Schüler wieder zu unterrichten, da sie sich besser an Abstandsregeln halten können.

Öffnen oder nicht - und wenn ja, wo?

Auch die führenden deutschen Ökonomen sind sich uneinig über die Exit-Strategie aus den Corona-Maßnahmen. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) warnt vor einem überhasteten Ausstieg. Denn wenn die Quarantäne-Maßnahmen zu früh gelockert werden, drohen eine neue Infektionswelle, eine Rücknahme der Erleichterungen und schließlich eine insgesamt längere und damit teurere Schließzeit.

"Es ist wichtiger, dass die Kontaktbeschränkungen nachhaltig gelockert werden, als dass sie schnell gelockert werden", sagt IMK-Chef Sebastian Dullien. Jeder Monat, den die Kontakteinschränkungen unverändert fortgesetzt werden müssen, kostet laut IMK etwa einen Prozentpunkt Wachstum. Die Forscher empfehlen, Schulen und Kitas zunächst nur teilweise wieder zu öffnen und Klassen versetzt an unterschiedlichen Tagen zu unterrichten. In Geschäften und Betrieben sollte es aus ihrer Sicht Einlassbeschränkungen und Trennwände geben.

Auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) plädiert für eine "möglichst dauerhafte Perspektive" bei etwaigen Lockerungen. "Ein Vor und Zurück wäre schlimmer als noch zu warten. Aber klar ist auch: Je länger wir warten, desto immenser werden die Schäden und desto mehr wächst der Widerstand gegen Auflagen", sagt IfW-Präsident Gabriel Felbermayr auf Anfrage von ntv.de. Gelockert werden solle in Bereichen, die die Versorgung sicherstellen und "wo Gesundheitsschutzauflagen gut einzuhalten und keine Menschen aus Risikogruppen betroffen sind". Auch regionale Unterschiede in den Vorgaben könnten angesichts der unterschiedlichen Ausbreitung des Virus sinnvoll sein.

Für wichtiger als die Öffnung von Geschäften hält Felbermayr das Hochfahren der Industrie. Wenn Deutschland einen Monat lang auf die halbe Leistung herunterreguliert werde, gingen aufs Jahr gerechnet vier Prozent Wachstum verloren - 1600 Euro pro Bürger: "Das lässt sich nicht lange durchhalten". Zudem dämpft Felbermayr die Erwartungen: Eine erste Lockerung der Auflagen "bringt nicht gleich die volle Wirtschaftsleistung zurück". Die werde erst zurückkommen, "wenn internationale Lieferketten wieder funktionieren und sich auch andere Länder wieder erholen".

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt vor einem verfrühten Corona-Exit: "Für die Wirtschaft wäre es deutlich schädlicher, wenn es noch mal zu einem Shutdown kommen würde wegen einer zweiten oder dritten Infektionswelle", sagt DIW-Chef Marcel Fratzscher zu ntv. Deshalb sei es ungleich besser, "jetzt lieber ein wenig länger zu warten".

Starre Vorgaben oder flexible Regeln?

Das Münchner ifo-Institut hingegen plädiert dafür, die wirtschaftlichen Schäden des Lockdowns stärker zu berücksichtigen. Einen unlösbaren Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und Gesundheitsschutz gebe es nicht, schreibt ifo-Präsident Clemens Fuest in einer Stellungnahme. Beide Ziele müssten vereint werden. Fuest fordert einen "flexiblen, stufenweisen Öffnungsprozess" sowie regionale und branchenspezifische Unterschiede in der Exit-Strategie: Hochautomatisierte Fabriken und Betriebe mit geringer Ansteckungsgefahr sowie Einrichtungen mit weniger gefährdeten Personen wie Kitas und Schulen "sollten prioritär geöffnet werden". Einzelne gefährdete Schüler oder Lehrer müssten geschützt werden. "Andauernde Schulschließungen sind die schlechtere Alternative".

*Datenschutz

Branchen mit hoher Wertschöpfung und Regionen mit niedrigeren Infektionsraten, weniger Verbreitungspotenzial oder freien medizinischen Kapazitäten sollten ebenfalls Vorfahrt bekommen. Sektoren, in denen gut im Homeoffice gearbeitet werden kann, hätten dagegen weniger Priorität. Jede weitere Woche Shutdown kostet die Wirtschaft laut Fuest rund 42 Milliarden Euro.

Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung spricht sich gegen starre Öffnungen oder Schließungen einzelner Branchen aus. Entscheidend solle vielmehr sein, ob Geschäfte und Einrichtungen die Kriterien zum Infektionsschutz einhalten könnten oder nicht, schreiben die fünf Wirtschaftsweisen der Bundesregierung in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS).

"Schrittweise Rückkehr in die Normalität"

Statt bestimmte Geschäfte zuzusperren und andere nicht, könnte der Staat "Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, einen Mindestabstand zwischen Personen oder eine maximale Personenzahl pro Quadratmeter, notwendige Schutzbekleidung oder Hygienevorschriften" vorgeben, so die Wirtschaftsweisen. Diese Regeln könnten zudem flexibel gehandhabt werden: Wo sich Abstände nicht einhalten ließen, könnten im Gegenzug strengere Anforderungen an Schutzkleidung gestellt werden. Auch sie können sich regionale Abweichungen vorstellen, je "nach Kapazität und Betroffenheit des Gesundheitssystems."

Auch das RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hält eine "schrittweise Rückkehr in die Normalität" für möglich. An einem Tag werde das kaum gelingen, jedoch könnten "Ladengeschäfte und Schulen unter Beachtung von Sicherheitsauflagen möglicherweise schon bald öffnen", sagte RWI-Präsident Christoph Schmidt der "Rheinischen Post". Schmidt ist auch Mitglied im "Expertenrat Corona" und berät in dieser Funktion den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet.

Anders als Geschäfte würden Massenveranstaltungen hingegen wahrscheinlich noch länger verboten bleiben, glaubt Schmidt. "Sicher ist, dass eine solche Situation nicht unbegrenzt durchgehalten werden kann, ohne immense wirtschaftliche Schäden zu verursachen, die dann letztlich auch wieder die Menschen treffen." In dieser Frage waren sich alle Institute vergangene Woche in ihrer Gemeinschaftsdiagnose einig: Wegen der Corona-Epidemie steht Deutschland eine schwerwiegende Rezession bevor, in der das Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich um 4,2 Prozent schrumpfen dürfte.

Quelle: ntv.de