Politik

Corona-Empfehlung der Leopoldina Nichts Genaues wissen sie nicht

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Festakt im Leopoldina-Sitz zur Amtseinführung von Präsident Haug.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit Spannung ist die dritte Stellungnahme der Leopoldina zur Corona-Politik erwartet worden. Der Text fällt ernüchternd und wenig konkret aus. Das hat vor allem mit den Menschen hinter dem Text zu tun: Deutschlands beste Wissenschaftler arbeiten nach einer der Politik fremden Logik.

Zur Amtseinführung von Gerald Haug am 20. Februar hatte die Kanzlerin ihre Teilnahme kurzfristig abgesagt. Es war der Tag des Hanau-Anschlags. Wenige Wochen später aber hat der neue Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina die volle Aufmerksamkeit von Angela Merkel sowie von diversen anderen Politikern in Regierung und Opposition. Schließlich ist die Leopoldina einer der Elitezirkel der deutschen Forschungslandschaft und als solcher einer der wichtigsten Berater der Politik in der Corona-Krise.

Seit dem Wochenende hat die trotz ihrer Bedeutung über die Wissenschaftswelt hinaus kaum bekannte Akademie die Aufmerksamkeit eines Millionenpublikums. Schließlich gilt ihre am Ostermontag veröffentlichte Ausführung als Grundlage für die Entscheidung über mögliche Lockerungen der geltenden Corona-Restriktionen. 15 engbedruckte Seiten umfasst die "Dritte Ad-hoc-Stellungnahme: Coronavirus-Pandemie - Die Krise nachhaltig überwinden". Das ist als Werk von 26 Wissenschaftlern, die es gewohnt sind, ihre Arbeits- und Denkleistungen in ausführlichen Aufsätzen darzulegen, bemerkenswert wenig Text.

Weltrang und Tradition

Die Autoren sind 24 Professoren und zwei Professorinnen, fast alle ohne Migrationshintergrund. Diese Zusammensetzung erzählt viel über die Elite des deutschen Wissenschaftsbetriebs, neben der jeder Dax-Vorstand bunter und progressiver wirkt. Die Leopoldina ist stolz auf ihre Tradition, ist sie doch nach eigenen Angaben "die älteste ununterbrochen existierende naturwissenschaftlich-medizinische Akademie der Welt".

1652 wurde sie in Schweinfurt gegründet. 2008 wurde die in Halle an der Saale beheimatete und vom Bund finanzierte Institution zur Nationalen Akademie der Wissenschaften ernannt. Mit ihren mehr als 1500 Mitgliedern ist sie die größte Akademie des Landes. Sie sind je nach Fachrichtung Mitglied in einer von 28 Sektionen. Dabei wählen die Sektionen sowie das Präsidium der Leopoldina neue Mitglieder selbst aus, wobei Kandidaten "sich durch bedeutende wissenschaftliche Leistungen auszeichnen" sollen.

Das ist bei den 26 Autoren der Ad-hoc-Stellungnahme zweifellos der Fall, wie ein Blick auf die Lebensläufe auch Fachfremden zeigt. Die Wissenschaftler sind dabei relativ bunt gemischt. Fast die Hälfte entstammt der Welt der Medizin, der Naturwissenschaften und der Technik. Drei Bildungsexperten sind dabei und zwei Psychologen. Ein Drittel befasst sich mit gesellschaftlichen Aspekten wie Ethik, Politik und Wirtschaft.

Abwägen sollen andere

Den Entscheidern in Politik und Behörden versucht die Leopoldina ein entsprechend umfassendes Angebot zu unterbreiten. Wiederholt ist von der "Mehrdimensionalität des Problems" die Rede, die die Politik zu beachten habe. Denn natürlich geht es um mehr als die so schlichte wie herausfordernde Aufgabe, möglichst jedes Menschenleben zu schützen.

Es gilt Kosten abzuwägen, weil der wirtschaftliche Schaden der Corona-Maßnahmen jetzt schon immens ist, politische Folgeschäden drohen und die psychologische und soziale Belastung in den vergangenen Jahrzehnten ohne Beispiel ist. Die Abwägung, welcher Schaden größer wiegt, bleibt am Ende der Politik überlassen. Sie bekommt in der Stellungnahme in erster Linie aufgezählt, was es alles zu bedenken gelte.

Anders als Politik (und Medien) sind Wissenschaftler es auch nicht gewohnt, Bewertungen und Entscheidungen auf Grundlage weniger, nicht eindeutiger Fakten zu treffen. Stattdessen gehört es zur guten akademischen Praxis, Wissenslücken aufzuzeigen und damit weitere Forschungsvorhaben zu begründen. Entsprechend ernüchternd fällt die Stellungnahme aus für alle, die auf konkrete Empfehlungen und Antworten als Wegweiser aus der Krise gehofft hatten.

Viele Unklarheiten, viel zu forschen

Die Ausgangssperren und Einschränkungen des Wirtschaftslebens "basieren teilweise auf Annahmen ohne ausreichende Wissensbasis, denn viele wissenschaftliche Fragen zu den Risiken von Covid-19 sind angesichts der unzureichenden Datenlage noch ungeklärt", heißt es. Es fehle an Langzeitstudien und Erfassungsmethoden. Die Möglichkeiten, Daten aus der Bevölkerung zu sammeln, seien bislang zu wenig. Und selbst wenn mehr Daten vorlägen, müssten sie erst noch analysiert werden.

Ein Austausch zwischen den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen darüber, was eine verlängerte, weil epidemiologisch sinnvolle Beibehaltung geltender Beschränkungen politisch, wirtschaftlich und sozial bedeutet, findet nicht statt. Zumindest im Text der Stellungnahmen sucht man ein solches Abwägen vergebens.

Konkret wird es beim Thema Bildung: Schüler, die nicht selbst digital arbeiten können, sollen zuerst wieder in die Schulen. Vorrang haben dabei alle Schüler an der Schwelle zum Übergang in die nächste Bildungsstufe: Vorschüler vor der Einschulung, Grundschüler, die im Sommer in die Sekundarstufe wechseln sollen, und so weiter. Dabei haben die Bildungsexperten vor allem die sozial Benachteiligten im Blick, die zu Hause nicht die nötige Unterstützung genießen. Das Robert-Koch-Institut schlägt eher das Gegenteil vor, weil aus seuchenpolitischer Sicht die Kleinen ein besonders hohes Infektionsrisiko darstellen.

Wenig neue Einsichten

Die übrigen Experten raten vor allem Erwartbares. Beim Thema Politik: Die ganze Gesellschaft muss in die Entscheidungen einbezogen werden, um die Demokratie nicht zu schwächen. Beim Thema Wirtschaft: Der eingeschlagene Weg zur Umstellung auf ein nachhaltiges Wirtschaften darf nicht aufgegeben werden. Das Wirtschaftswachstum muss durch Entlastungen wieder angekurbelt werden. Beim Thema Volksgesundheit: Die Entscheidungen müssen gut kommuniziert werden, damit sie Akzeptanz finden.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass jeder rät, was er schon vor Corona auf der eigenen Forschungsagenda zu stehen hatte. Das gilt auch für die Bildungsforscher, die sich traditionell schwerpunktmäßig der Förderung der sozial Benachteiligten widmen.

Mit der Frage, was es für Familien bedeutet, wenn beispielsweise von 3,7 Millionen Kita-Kindern die meisten noch über Monate daheim und ohne Großeltern betreut werden müssen, haben sie sich zuvor nie befassen müssen. Dieser Aspekt wird daher auch nicht aufgegriffen, abgesehen von der lapidaren Feststellung: "Diese Belastungen treffen vor allem Frauen." Ob ein Expertengremium mit einem Frauenanteil größer als acht Prozent andere thematische Schwerpunkte gesetzt hätte?

Einschätzungen fußen auf praktischer Autorität

So richtig die Einschätzungen und wenigen Empfehlungen in der Stellungnahme im Einzelnen sein mögen: Sie entspringen nicht einer eigens angestellten Forschungsleistung in den vergangenen drei Wochen. Sie sind das Produkt einer jeweils Jahrzehnte umfassenden Lehr- und Forschungstätigkeit. Entsprechend sind in dem Text auch keine Quellenverweise zu finden, die sonst den Kern einer jeder wissenschaftlichen Publikation bilden. Die Substanz der Einschätzungen gründet auf der Autorität eines jeden beteiligten Wissenschaftlers in seinem Fachgebiet.

Die Physikerin Angela Merkel, deren Ehemann Joachim Sauer als international renommierter Chemiker seit 2007 Leopoldina-Mitglied ist, wird damit umzugehen wissen. Als Leopoldina-Präsident Haug am Montagabend mehr als sechs Millionen "Tagesthemen"-Zuschauern den Inhalt der Stellungnahme erklärt, spielt er selbst den Ball an die Politik zurück. Entscheiden, was jetzt zu tun ist, betont Haug, müsse allein die Regierung.

Quelle: ntv.de

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