Wirtschaft

Rating-Schock rollt auf die Märkte zu Europa fürchtet den Sturm

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Die New Yorker Wall Street am Freitagabend.

(Foto: REUTERS)

Die verlustreichste Börsenwoche seit der Lehman-Krise ist eben erst überstanden, schon drohen den Märkten neue Turbulenzen: Während Europa über die Euro-Rettung streitet, löst die Ratingagentur S&P mit der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit weltweite Sturmwarnung aus. Unter Hochdruck versucht die EZB, die Währungsunion auf die kommenden Tage vorzubereiten. Ihre Baustelle: Italien.

In der Europäischen Zentralbank (EZB) herrscht offenbar Uneinigkeit, ob das Institut im Rahmen seiner Stützungskäufe am Bond-Markt auch italienische Staatsanleihen ankaufen sollte oder nicht.

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Überzeugungsarbeit am Telefon: Jean-Claude Trichet.

(Foto: REUTERS)

Einig seien sich dagegen die Ratsmitglieder in der Auffassung, dass Italien noch ehrgeiziger bei seinen Sparplänen sein sollte, hieß es aus EZB-Kreisen. Dem Vernehmen nach rechnen die Währungshüter damit, dass EZB-Präsident Jean-Claude Trichet mit den Ratsmitgliedern der Bank noch am Wochenende telefonieren werde. Dabei solle auch besprochen werden, wie die EZB auf die andauernden Turbulenzen an den Finanzmärkten und die jüngsten Sparankündigungen aus Italien reagieren wird.

Der Entzug der Top-Bonitätsbewertung für die USA durch die Ratingagentur Standard & Poor's könnte nach Ansicht von Beobachtern dazu beitragen, dass die Finanzmärkte nach dem Wochenende am Montag noch nervöser als in den letzten Tagen eröffneten. In der vergangenen Woche hatte die Unsicherheit angesichts der Schuldensituation in Italien, Spanien und den USA teils heftige Kursstürze ausgelöst. Insgesamt beendete der Aktienhandel nach Angaben von Börsianern die "schwärzeste Woche seit der Lehman-Krise".

Die Renditen für italienische und spanische Staatsanleihen waren in der vergangenen Woche mit deutlich über 6 Prozent auf ein 14-Jahreshoch gestiegen. Daran änderte auch die EZB-Entscheidung vom vergangenen Donnerstag nichts, nach einer längeren Pause wieder sein Bond-Ankaufprogramm für Krisenländer zu aktivieren. Der Grund dafür könnte nach Einschätzung von Experten darin liegen, dass diese Aufkäufe zunächst auf Bonds der Problemländer Irland und Portugal beschränkt blieben. Italien wurde Kreisen zufolge signalisiert, ohne eine Beschleunigung seines Spar- und Reformprogramms würden diese Käufe kaum auf italienische Bonds ausgedehnt.

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Von anderem Format als Griechenlands Papandreou: Silvio Berlusconi (rechts) an der Seite seines Finanzministers Giulio Tremonti.

(Foto: AP)

Am Freitagabend reagierte Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi. Er kündigte an, das Sparprogramm seiner Regierung zu beschleunigen und damit bereits 2013 - ein Jahr früher als bislang geplant - einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen zu wollen. Auf die Frage, ob dass der EZB nun genüge, um auch italienische Staatspapiere zu erwerben, hieß es aus EZB-Kreisen lediglich, man sei sich "nicht sicher, dass das genug ist, aber es geht in die richtige Richtung". Italien sollte noch etwas mehr tun, zumal die meisten der geplanten Maßnahmen erst nach den Wahlen 2013 greifen würden.

Berlusconi lehnt Neuwahlen ab

Forderungen nach Neuwahlen als Mittel zur Bekämpfung der massiven Marktspekulationen hatte Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi ausdrücklich ausgeschlossen. "Dies war nie eine Option", sagte der 74-Jährige. Darüber sei noch nie gesprochen worden.

In dem Mittelmeerland stehen die nächsten Wahlen turnusgemäß 2013 an. Zuletzt forderte die Opposition in Italien die Bildung einer Regierung von Technokraten, um das Vertrauen in die Staatsfinanzen wiederherzustellen. Der Ministerpräsident des ebenfalls von den Märkten ins Visier genommene Spanien, Jose Luis Rodriguez, hat hingegen vorgezogene Wahlen für November angekündigt, um die Märkte zu besänftigen.

Widerstand aus Deutschland?

Aus einer weiteren Quelle im Umfeld der EZB hieß es unterdessen, die vier Kritiker der erneuten Aktivierung des Ankauf-Programms, darunter die beiden deutschen Vertreter Jens Weidmann und Jürgen Stark, beharrten aus grundsätzlichen Erwägungen auf ihrem Nein. Sollte letztlich aber ein solches Gegengeschäft doch über die Bühne gehen - beschleunigte Spar- und Reformschritte Italiens gegen EZB-Aufkäufe italienscher Bonds - würde sich die Notenbank nach Einschätzung der Gegner endgültig aus dem engeren Feld der Geldpolitik verabschieden.

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"In God we trust": Ein Dollar-Schein, der schon bessere Zeiten hatte.

(Foto: dpa)

Im Windschatten des US-Schuldendebakels ist in Europa unterdessen ein offener Streit über die Instrumente zum Kampf gegen die Euro-Schuldenkrise entbrannt. Dabei bläst vor allem EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso heftiger Gegenwind ins Gesicht. Der Portugiese hatte am Donnerstag - nur gut zwei Wochen nach dem Brüsseler Euro-Krisengipfel - eine Überprüfung aller Elemente des Rettungsschirms EFSF einschließlich dessen finanzieller Ausstattung verlangt.

"Den Mund nicht halten können"

Dieser Vorstoß provoziert nun anhaltende Kritik: Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok rügte am Samstag im Deutschlandfunk: "Brüssel, muss man sagen, hat in dieser Woche nicht geschickt reagiert, weil es die Nerven verloren hat." Es gebe "zu viele Politiker, die in dieser Frage den Mund nicht halten können". Die Bundesregierung wollte sich am Wochenende weder zur europäischen Schuldenkrise noch zur Abstufung der US-Bonität durch die Ratingagentur Standard & Poor's äußern. "Einfach mal die Klappe halten", wäre ein gutes Motto der Stunde, hieß aus deutschen Regierungskreisen lediglich.

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Die letzte verbleibende Supermacht: Der Status bröckelt.

(Foto: REUTERS)

Bereits am Freitagabend hatte der Vorsitzende der Euro-Gruppe, der luxemburgische Premier Jean-Claude Juncker, deutliche Worte gefunden, ohne Barroso direkt zu erwähnen. Nach Junckers Ansicht sollten die 17 Euro-Staaten nicht über mehr Geld für den Krisenfonds EFSF streiten. Stattdessen sollten sie dafür sorgen, dass "bis Anfang September, spätestens Mitte September" die bei dem Sondergipfel am 21. Juli beschlossenen neuen Befugnisse des Rettungsfonds in Kraft treten können. "Die Politik muss der Irrationalität der Finanzmärkte aktive Ruhe entgegensetzen", sagte er. Er halte nichts davon, durch "unüberlegte, zu divergierenden Interpretationen Anlass gebende öffentliche Äußerungen" zum Nachdenken über zusätzliche Maßnahmen einzuladen.

Welche Rolle bleibt dem Bundestag?

Nach Einschätzung des SPD-Bundestagsabgeordnetes Axel Schäfer muss bei der Umsetzung der Gipfelbeschlüsse jetzt aufs Tempo gedrückt werden. Er forderte eine vorzeitige Beendigung der parlamentarischen Sommerpause in Berlin. Der SPD-Finanzpolitiker Joachim Poß mahnte eine Führungsrolle der Politik an: "Die Finanzmärkte sind irrational. Die Politik muss eigentlich die Finanzmärkte führen. Die Politik muss klare Signale geben."

Ähnlich äußerten sich Ökonomen. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sagte, die gärende Euro-Schuldenkrise könne der Kurstalfahrt an den Aktienmärkten neuen Antrieb geben. Dass nun auch Italien und Spanien ins Visier der Finanzmärkte rücken, sorge bei Anlegern für Irritationen. Heise: "Wenn das eskaliert, kann es zu einem Konjunkturproblem in Europa werden - und das kann die Weltwirtschaft im Moment nicht gebrauchen." Darum müsse die Politik die Märkte nun beruhigen.

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Lichterloh lodern die Probleme auf beiden Seiten des Atlantiks.

(Foto: dpa)

Weitere Geldflüsse in kriselnde Euroländer lehnt Heise jedoch ab. Dadurch würde der Druck genommen, Wachstum zu erzeugen und den Staatshaushalt schnell zu konsolidieren. Gleiches gelte für die von EU-Kommissionspräsident Barroso ins Spiel gebrachte Aufstockung des Krisenfonds EFSF.

Vor allem von der Geldmacht China forderte Heise ein entschiedeneres Vorgehen auf dem internationalen Finanzparkett. Zwar wolle die Volksrepublik den Euro weiterhin unterstützen. So investierte sie in die mit Bestnoten versehenen Anleihen des EFSF. "Noch besser wäre es aber natürlich, wenn sich China auch auf den nationalen Anleihemärkten mal gegen die Finanzmärkte stellen würden", betonte Heise. "Da sind die Chinesen aber sehr, sehr vorsichtig."

Auch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, sieht angesichts der Kursstürze an den Börsen die Politik in der Pflicht. "Eine schnelle und effektive Umsetzung der jüngsten Beschlüsse zur Stabilisierung der Europäischen Währungsunion und Konjunkturdaten, die besser ausfallen als erwartet, könnten zu einer Aufwärtskorrektur an den Märkten führen", sagte Mayer.

Quelle: ntv.de, dpa/rts