Wirtschaft

Interview zur Digitalisierung Hubertus Heil: "Wir müssen uns beeilen"

Wie sieht die Arbeit der Zukunft aus? Einer Studie zufolge bedroht die Digitalisierung jeden fünften Job in Deutschland. n-tv widmet sich dem Thema in einer Wochenserie. Zum Auftakt spricht SPD-Arbeitsminister Heil über die nachhaltige Veränderung des Arbeitsmarkts und sagt: Es muss noch viel getan werden.

n-tv: Viele haben bei der Digitalisierung Angst vor einem Jobverlust. Wie können Sie als Arbeitsminister diese Angst nehmen?

Hubertus Heil: Wir haben eine gute und anstrengende Nachricht. Die gute Nachricht ist: Nach allem, was wir wissen, wird uns auch in Zukunft in Deutschland die Arbeit nicht ausgehen, aber es wird in vielerlei Hinsicht eine andere Arbeit sein. Was wir tun und tun müssen, ist vor allem auf Qualifizierung, auf Weiterbildung zu setzen, dafür zu sorgen, dass Menschen im digitalen Wandel nicht den Anschluss verlieren.

Sie fordern eine nationale Weiterbildungsstrategie. Inwiefern ist das realistisch, wie soll sich zum Beispiel ein Taxifahrer umschulen lassen, wenn sein Job wegfällt?

Wir haben eine nationale Weiterbildungsstrategie zwischen Wirtschaft, Gewerkschaften und Staat in Deutschland vereinbart. Wir fördern beispielsweise mit Mitteln der Bundesagentur für Arbeit Investitionen in Weiterbildung. Manchmal geht es da um Umschulungen in andere Jobs, wenn der Job verschwindet. Manchmal aber auch um neue Qualifizierungsanforderungen. Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, wir werden im Handel-, Banken- und Versicherungsbereich erleben, dass da auch menschliche Arbeit durch technischen Fortschritt ersetzt wird. In der Industrie geht es eher um andere Anforderungen und es gibt einen Bereich, da wird die Nachfrage nach menschlicher Arbeit zunehmen. Das ist in den sozialen Berufen, Gesundheit, Pflege beispielsweise. Und wir müssen jetzt das Richtige tun, damit die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen von heute auch die Arbeit von morgen machen können.

Vielleicht empfinden sich trotzdem einige als Verlierer. Wie muss man die mitnehmen?

Wir brauchen in diesem Wandel Chancen und Schutz für die Beschäftigten. Das heißt, dass wir frühzeitig investieren müssen. In Qualifizierung, in Weiterbildung und Umschulung. Wir werden erleben, dass es in vielen Bereichen neue Anforderungen gibt. Wandel hat es schon immer in der Arbeitswelt gegeben, der Unterschied ist nur, dass das jetzt beschleunigt stattfindet durch digitalen Wandel und deshalb müssen wir uns jetzt beeilen und das Ganze beschleunigen.

Wer könnten denn die Gewinner sein dieses Prozesses?

Ich glaube, wenn wir das Richtige tun, dass wir auch Riesenchancen zur Humanisierung der Arbeitswelt haben, wenn Tätigkeiten wegfallen, die oftmals wiederholende Tätigkeiten waren. Aber es gibt neue spannende Aufgaben und wir müssen dafür sorgen, dass nicht nur Geringqualifizierte, sondern auch Menschen mit einer mittleren Qualifikation die Arbeit von morgen machen können. Das nutzt allen. Am Ende geht es auch um Fachkräftesicherung in der Wirtschaft. Aber es geht vor allem darum, dass die Menschen in diesem Wandel auch eine Chance bekommen. Wir haben keine ganz schlechte Ausgangslage. Deutschland steht im Moment beschäftigungspolitisch gut da, wir haben eine niedrige Arbeitslosenquote. Aber wir müssen jetzt Arbeitslosigkeit verhindern, bevor sie entsteht, durch gezielte Investitionen in Weiterbildung.

Welche Weichenstellungen müssen denn jetzt geschaffen werden, damit das so funktionieren kann?

Wir haben seit Januar ein Gesetz, das sogenannte Qualifizierungschancengesetz, das für die Unternehmen, die im Strukturwandel sind, Investitionen unterstützt in Weiterbildung. Wir müssen allerdings eine ganze Menge mehr tun. Wir brauchen in den Betrieben eine Weiterbildungskultur. Wir brauchen Mitbestimmungsrechte für Betriebsräte, die mit beteiligt sein müssen. Es muss eine gemeinsame Kraftanstrengung sein.

Wie kann man soziale Spaltung durch Digitalisierung verhindern?

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Arbeitsminister Heil setzt in Zeiten der Digitalisierung auf gezielte Investitionen in Weiterbildung.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es geht darum, aus technischem Fortschritt sozialen Fortschritt zu machen. Also nicht nur Fortschritt für wenige. Das muss ausgehandelt werden zwischen Wirtschaft und Gewerkschaften. Aber ich bin mir sicher, dass wir die Voraussetzungen dafür haben und dass wir keine Angst haben dürfen vor diesem Wandel.

Wie sicher ist denn in dieser Digitalisierung dann Ihr Job als Politiker und Arbeitsminister?

In einer Demokratie werden auch immer Menschen gebraucht. Aber auch wir müssen uns umstellen, wir müssen begreifen, wie der digitale Wandel die Gesellschaft, die Arbeitswelt verändert. Wir müssen auch unsere Ministerien auf diese Arbeit einrichten und das auch bei uns selbst ansetzen, um das begreifen zu können. Auf den Weg können wir uns machen. Aber in einer Demokratie wird ein Algorithmus die Menschen nicht ersetzen. Und Politiker sind eh immer befristet eingestellt bis zur nächsten Wahl und dann müssen die Menschen entscheiden.

Mit Hubertus Heil sprach Susanne Ungrad

Quelle: n-tv.de

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