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Ob Pils, Bock, Ale oder Stout "Man kann das Reinheitsgebot schmecken"

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Bierkönigin Marlene Speck auf dem Oktoberfest in Fukuoka (Japan): Eine "Halbe" Augustiner oder Tegernseer kostet dort rund 20 Euro.

(Foto: Marlene Speck)

Am 23. April 2016 jährt sich zum 500. Mal der Tag, an dem während des Ständetags in Ingolstadt die beiden damals Bayern gemeinsam regierenden Herzöge, Wilhelm IV. und Ludwig X., die später als "Reinheitsgebot" bekannt gewordene Verordnung erlassen haben. Was beinhaltet sie? Wie hat sie sich im Lauf der Zeit verändert? Ist sie noch up to date oder aus der Mode gekommen? Und welchen Stellenwert hat es für das deutsche Bier? Bayerns amtierende Bierkönigin Marlene Speck spricht darüber im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Frau Speck, Sie sind 26 Jahre alt und genau dann Bayerische Bierkönigin, wenn das Reinheitsgebot sein 500-jähriges Jubiläum feiert. Nur ein Zufall?

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Marlene Speck ist bis Mitte Mai amtierende "Bayerische Bierkönigin". Sie studiert interkulturelle Kommunikation an der Uni in Köln und schreibt derzeit ihre Masterarbeit im heimischen Starnberg.

(Foto: Bayerischer Brauerbund)

Marlene Speck: (lacht) Ja, als ich mich beworben habe, spielte das keine Rolle. Aber im Nachhinein ist es wie ein Sechser im Lotto.

Inwiefern?

Ich habe schon früh meinen Enthusiasmus für Bier entdeckt, braue auch selbst schon seit mehreren Jahren. Als Bierkönigin kann ich diese Leidenschaft perfekt einbringen, denn ich repräsentiere das bayerische Bier - auch im Ausland.

Wie ist den das Image des bayerischen und deutsches Biers im Ausland? Schließlich gingen aus den rund 3500 deutschen Braustätten im Jahr 2014 etwa 1,5 Milliarden Liter Bier in den Export.

Bayerisches und deutsches Bier wird im Ausland sehr oft gleichgesetzt. Nichtsdestotrotz genießt es einen hervorragenden Ruf. Es steht für eine hohe Qualität, für Geschmack, für Handwerkskunst.

Liegt das auch am Reinheitsgebot? Ist es eine mittlerweile deutsche Erfolgsgeschichte?

Ja, ganz klar. Definitiv.

Das "Reinheitsgebot" im Wortlaut

"Wie das Bier im Sommer und Winter auf dem Land ausgeschenkt und gebraut werden soll

Wir verordnen, setzen und wollen mit dem Rat unserer Landschaft, daß forthin überall im Fürstentum Bayern sowohl auf dem lande wie auch in unseren Städten und Märkten, die kein besondere Ordnung dafür haben, von Michaeli bis Georgi ein Maß (bayerische = 1,069 Liter) oder ein Kopf (halbkugelförmiges Geschirr für Flüssigkeiten = nicht ganz eine Maß) Bier für nicht mehr als einen Pfennig Münchener Währung und von Georgi bis Michaeli die Maß für nicht mehr als zwei Pfennig derselben Währung, der Kopf für nicht mehr als drei Heller (Heller = gewöhnlich ein halber Pfennig) bei Androhung unten angeführter Strafe gegeben und ausgeschenkt werden soll. Wo aber einer nicht Märzen-, sondern anderes Bier brauen oder sonstwie haben würde, soll er es keineswegs höher als um einen Pfennig die Maß ausschenken und verkaufen. Ganz besonders wollen wir, daß forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen. Wer diese unsere Anordnung wissentlich übertritt und nicht einhält, dem soll von seiner Gerichtsobrigkeit zur Strafe dieses Faß Bier, so oft es vorkommt, unnachsichtlich weggenommen werden. Wo jedoch ein Gauwirt von einem Bierbräu in unseren Städten, Märkten oder auf dem Lande einen, zwei oder drei Eimer (= enthält 60 Maß) Bier kauft und wieder ausschenkt an das gemeine Bauernvolk, soll ihm allein und sonst niemandem erlaubt und unverboten sein, die Maß oder den Kopf Bier um einen Heller teurer als oben vorgeschrieben ist, zu geben und auszuschenken."

Was steckt denn eigentlich hinter dem Begriff Reinheitsgebot?

Den Begriff Reinheitsgebot selbst gibt es erst seit rund 100 Jahren. Aber er steht ganz einfach für extrem hohe Qualität. Es steht aber auch für die Kunst, aus den nur vier Grundzutaten Gerste, Hopfen, Wasser und Hefe eine möglichst große Biervielfalt herzustellen. Und gerade in Bayern und Deutschland bekommen wir das sehr gut hin.

Warum wurde es erlassen?

Weil es damals, um 1500 herum, ein Qualitätsproblem gab. Stechapfel oder Ruß waren keine Seltenheit darin. Die Herzöge wollten damit einen Qualitätsstandard für das damalige Grundnahrungsmittel Bier sicherstellen.

Ursprünglich war nur die Rede von Gerste, Hopfen und Wasser. Später kam auch noch Hefe hinzu. Warum?

Hefe wurde erst Mitte des 19. Jahrhundert von Louis Pasteur entdeckt. Davor wussten die Brauer zwar, dass es etwas gibt, das für den Gärprozess wichtig war, konnten es allerdings nicht benennen. Hefe ist für ein Bier einfach unverzichtbar.  

Nach 500 Jahren: Ist es noch up to date?

Absolut! Es ist auch heute einfach noch eine Herausforderung, aus den vier Grundzutaten etwas Neues herauszukitzeln. Das ist einfach echte Braukunst.

Also braucht deutsches Bier ein Reinheitsgebot?

Es sollte auf jeden Fall erhalten bleiben! Das Reinheitsgebot steht für Qualität, Verbraucherschutz und sichert auch international den guten Ruf des deutschen Biers.

Der Absatz von klassischen Bieren wie Pils etwa geht in Deutschland seit Jahren zurück. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei 107 Liter im Jahr. Dagegen steigt die Zahl der Brauereien und Sorten. Rund 5500 Biermarken gibt es hierzulande derzeit. Woran liegt dieser Gegensatz?

Ein großer Teil des Bierabsatzes stammt nach wie vor von nur wenigen Braukonzernen. Zudem haben sich die sogenannten Fernsehbiere immer mehr angeglichen. Das hat kleine Brauereien ins Leben gerufen, die dem Bier und seinem Geschmack wieder mehr Ecken und Kanten verleihen wollen. Das muss nicht jedem schmecken, dennoch boomen diese sogenannten Micro- oder Kreativbrauer derzeit. Der Wunsch nach Bier mit Charakter wird gerade von den kleineren Brauereien hierzulande bedient.

Stichwort Micro-Brauerei: Was brauche ich zum Bierbrauen?

Nicht viel. (lacht) Eine Maischepfanne, also einen ausreichend großen Topf. Man muss eine Vorrichtung zum Läutern haben, also zum Abfiltern der Maische. Aber sonst kann man mit wunderbar einfachen Mitteln selbst gutes Bier brauen. Das Wichtigste dabei ist: sauber arbeiten. Man muss sehr viel putzen.

Sie brauen ja selbst. Welche Sorten denn?

Eigentlich alles. Weißbier, Helles, Bock, Pale Ale. Wo ich gerade Lust drauf habe.

Pale Ale, obergärig, schön gehopft. Also doch eher klassisch als kreativ?

Beides. (lacht) Ich spiele beispielsweise auch sehr gern mit den neuen Aromahopfensorten herum, weil da wirklich sehr tolle Sachen möglich sind. Auch vom Trinken gefällt mir beides: Ich kann mich über ein schönes klassisches Helles genauso freuen wie über ein krachertes Stout. Für jede Situation gibt es das richtige Bier.

Was halten Sie vom Beimischen exotischer Aromen wie Kürbis, Ingwer, Palmfrucht  - oder auch dem Einsatz von Enzymen?

Ehrlich gesagt: Nicht viel. Aromen oder den Einsatz von Enzymen beispielsweise empfinde ich als Bierbrauer als eine vereinfachende Abkürzung. Wenn man gescheit arbeitet, sind die Enzyme auch da, auf natürliche Weise. Man braucht also keine Zusatzstoffe.

Ist das für sie dann noch ein Bier?

Wenn ich ehrlich bin: Nein, nicht im klassischen Sinn.

Kann ich als Bier-Laie herausschmecken, ob ein Bier nach dem Reinheitsgebot gebraut wurde?

(lacht) Das kommt darauf an, wie gut man schmecken kann. Aber meiner Meinung nach ist das definitiv möglich.

Das Reinheitsgebot ist das älteste Lebensmittelgesetz der Welt. Für wen gilt es denn überhaupt?

Für Heim- und Hobbybrauer gilt es nicht. Solange ich nicht mehr als 200 Liter im Jahr braue, bin ich auch nicht steuerpflichtig. Dann gilt das klassische Reinheitsgebot für mich nicht.

Wird es das Reinheitsgebot auch in 500 Jahren noch geben? Einige Nachwuchsbrauer machen ja bereits mobil dagegen ...

Das stimmt. Aber ich glaube dennoch, dass es das Reinheitsgebot auch in 500 Jahren noch geben wird. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Der derzeitige Trend zur Ursprünglichkeit, zur Regionalität, dazu, zu wissen, woher die Nahrungsmittel kommen - da passt das Reinheitsgebot hervorragend ins Bild.

Als Frau vom Fach: Gibt es typische Frauen- und Männer-Biere?

(lacht) Das ist schwer zu sagen. Bei Verkostungen habe ich aber festgestellt, dass Frauen vor allem Biere aus fruchtigem Hopfen, Pale Ales beispielsweise, mögen. Ansonsten kommt es natürlich auf die persönlichen Geschmäcker an.

Haben Sie ein Lieblingsbier, eine Lieblingssorte?

Oh, das ist ebenfalls schwer zu sagen. Ich liebe Bier. Bevor ich eines doppelt trinke, probiere ich lieber etwas Neues aus. Sortentechnisch trinke ich sehr gern saisonal und nach Stimmung. Wenn ich beispielsweise bei schönem Wetter im Biergarten sitze, trinke ich gern Helles, Weißbier oder Pils. Im Winter darf es dann auch schon mal ein Bock oder Rauchbier sein.

Sie kommen ja aus Bayern. Dort gilt Bier auch heute noch als Grundnahrungsmittel. Macht Biertrinken eigentlich dick oder hilft Bier gar beim Abnehmen?

Ob Bier beim Abnehmen hilft, weiß ich nicht. Aber Biertrinken an sich macht definitiv nicht dick. Milch und Fruchtsaft haben bei vergleichbarer Menge mehr Kalorien als Bier. Aber: Bier ist appetitanregend. Man muss also aufpassen, was man dazu isst. Vielleicht dann lieber den Schweinsbraten oder die Weißwürste weglassen. (lacht)

Mit Marlene Speck sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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