Wirtschaft

VW-Chef Winterkorn angezählt "Piëch sucht die finale Entscheidung"

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VW-Großaktionär und Chef des Aufsichtsrats: Ferdinand Piëch.

(Foto: REUTERS)

Wie lange kann sich VW-Chef Martin Winterkorn noch halten? Seine Tage an der Konzernspitze sind gezählt, sagt Auto-Experte Helmut Becker. Winterkorns großer Fehler: Er sei nicht rechtzeitig zurückgetreten. Mit n-tv.de sprach Becker über die Gründe für die Demontage, den Ausgang des Machtkampfes  - und den möglicher Nachfolger Winterkorns.

n-tv.de: Piëch demontiert Winterkorn im Alleingang. Warum?

Helmut Becker: Das ist für einen Außenstehenden auf den ersten Blick nicht einfach zu begreifen. Schließlich hat Winterkorn als VW-Chef eine exzellente Performance hingelegt. Doch es gibt Baustellen im Konzern, über die sich Piëch offensichtlich sehr ärgert.

Welche sind das?

Das interne Kostenproblem ist nicht gelöst. Gewerkschaften und Betriebsrat sind bei Volkswagen weiterhin sehr stark – und sie verweigern sich nachhaltigen Kostensenkungen. Das von Winterkorn aufgelegte Programm ist - salopp ausgedrückt - Pillepalle. Dazu kommen die Probleme auf dem amerikanischen Markt. VW ist es nicht gelungen, dort nachhaltig als Volumenhersteller Fuß zu fassen. Die waren Anfang der 70er-Jahre sehr stark mit dem Beetle. Danach ging es kontinuierlich bergab.

Piëch traut Winterkorn nicht zu, diese Probleme zu lösen?

Winterkorn ist mittlerweile 67 Jahre alt. Die Intensität, mit der man das Geschäft bei VW mit seinen zwölf Marken betreiben muss, ist unglaublich hoch. Winterkorn hat viel geleistet. Aber er hat es versäumt, rechtzeitig zurückzutreten.

Und nun bekommt er öffentlich den Zorn des Patriarchen zu spüren?

Ich gehe davon aus, dass es intern schon seit längerer Zeit Gespräche gab. Doch statt rechtzeitig zurückzutreten, verkündet Winterkorn öffentlich, dass er Piëch als Aufsichtsratschef beerben wolle. Bereits im Jahr 2013 hieß es in der Presse, dass Piëch erkrankt sei und sich zurückziehen wolle. Das Gegenteil war richtig. Piëch hat die Quelle für dieses Gerücht VW-intern verortet. Ich vermute, dass diese Episode bis heute nachwirkt.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker leitet das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation. Er schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Winterkorn gilt als Ziehsohn von Piëch. Wie passt das mit der öffentlichen Demontage zusammen?

Das mag im zwischenmenschlichen Bereich überraschend sein. Winterkorn ist zwar ein exzellenter Ingenieur und ein Workaholic, doch ihm fehlen die Visionen für die Zukunft. Bestehendes auszubauen und zu "vervielfältigen", kurz Vorhandenes zu optimieren, zu expandieren und die Volumen zu steigern, das ist Winterkorn. Doch ohne Visionen für die Weiterentwicklung des Konzerns als Ganzes, das heißt ohne Neuentwicklungen, stößt diese Strategie irgendwann an ihre Grenzen.

Wie wird dieser Machtkampf ausgehen?

Piëch gewinnt.

Was macht Sie da so sicher?

Ich habe mich in meinen Publikationen wiederholt mit ihm beschäftigt. Er ist zu klug, um diesen Vorstoß ohne jegliche Absicherung zu unternehmen, da dürfte es schon noch den einen oder anderen Trumpf in der Hinterhand geben – würde mich sehr wundern, wenn nicht. Ohne Piëch läuft bei Volkswagen nichts.

Nicht nur das Land Niedersachsen als Ankeraktionär und der Betriebsrat unterstützen Winterkorn. Auch Piëchs Cousin und VW-Großaktionär Wolfgang Porsche zählt dazu.

Das gab es schon bei der Ablösung von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Da schwankte die Familie Porsche hin und her, da vergoss Wolfgang Porsche sogar Tränen, wollte Betriebsratsvorsitzender Uwe Hück sogar Porsche stilllegen. Und - hat das was genutzt? Piëch weiß, was er tut und wird davon ausgehen, dass er im Aufsichtsrat diese Entscheidung durchsetzen kann.

Wer könnte Winterkorn beerben?

Es gab kürzlich eine Personalie, die in der Öffentlichkeit nur am Rande wahrgenommen wurde. Ende Dezember holte VW den BMW-Entwicklungschef Herbert Diess, er wird in Kürze - und sogar mit Billigung von BMW - Markenvorstand von Volkswagen. Diess hat zwei Eigenschaften, die seine Verpflichtung nun in neuem Licht erscheinen lassen: Diess ist Ingenieur und versteht was von Fertigung, kommt von außen und ist also niemandem verpflichtet. Und er steht im Ruf, ein "harter Hund" zu sein. Ihm könnte es gelingen, die inneren Kostenstrukturen aufzubrechen. Er scheut keine Konflikte und würde in den Infight mit dem Betriebsrat gehen. Jetzt sucht Piëch nach 77 Jahren Gewerkschaftsdominanz bei VW die finale Entscheidung.

Mit Helmut Becker sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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