Wirtschaft

Diesel-Affäre gefährdet Jobs VW erwägt Kurzarbeit

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Düstere Aussichten am Stammwerk in Wolfsburg: Deutschlands größter Arbeitgeber hat ein massives Problem.

(Foto: REUTERS)

Der Abgasskandal bedroht Arbeitsplätze in Deutschland. Leiharbeiter müssen sich Sorgen um ihre Perspektive bei Volkswagen machen - der Vorstand denkt über eine Reduzierung nach. Der Betriebsrat lässt die Muskeln spielen.

Der Automobilkonzern Volkswagen schließt im Strudel der Abgas-Affäre einen Einbruch bei den Verkäufen und damit einhergehende Folgen für Produktion und Arbeitsplätze nicht aus. "Sollte sich ein vorübergehender Beschäftigungsrückgang ergeben, wird Kurzarbeit wie in der Vergangenheit eine sinnvolle Möglichkeit sein", sagte ein Konzernsprecher - nur um gleich darauf einzuschränken: "Zurzeit ist die Entwicklung der Absatz- und Beschäftigungssituation nicht absehbar." Der Vorstand unternehme jedoch "auch in dieser Krise alles, die Beschäftigung der Volkswagen-Mitarbeiter zu sichern."

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Zuvor hatte der Betriebsrat erklärt, die Konzernleitung um den neuen Volkswagen-Chef Matthias Müller erwäge eine Reduzierung bei der Zahl der Leiharbeiter, um so etwaige Einbrüche bei den Absatzzahlen unternehmerisch aufzufangen.

Wie reagieren, falls ...?

Die Überlegungen scheinen die mächtige Arbeitnehmervertretung des insgesamt rund 600.000 Mitarbeiter zählenden Weltkonzerns zu alarmieren. "Als Betriebsrat werden wir alle Möglichkeiten unterstützen, um die Arbeitsplätze unserer Kolleginnen und Kollegen mit Leiharbeitsverträgen zu sichern", betonte ein Sprecher des VW-Betriebsrats. "Wir wissen, dass der Vorstand andere Szenarien diskutiert." Bei VW sitzen Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat.

Bei Volkswagen arbeiten Tausende Leiharbeiter. Bereits Anfang Oktober hatte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel bei einem Besuch im Wolfsburger Stammwerk angekündigt, dass im Zuge des Abgas-Skandals eine Ausweitung der Kurzarbeiterregel auch auf Leiharbeiter geprüft werde. Die Union lehnte den Vorstoß ab.

"Diese Krise nicht verursacht"

Zu den jüngsten Medienberichten zu einer Ausdehnung der Kurzarbeit auf Leiharbeiter sagte ein Betriebsratssprecher: "Generell halten wir es für eine gute Initiative, wenn auch Kolleginnen und Kollegen mit Leiharbeitsverträgen zur Überbrückung schwieriger Situationen einbezogen werden. Wir sind der Bundesregierung dankbar, dass sie die Arbeitnehmer bei Volkswagen im Auge behält, die diese Krise nicht verursacht haben. Wir hoffen, der VW-Vorstand ist sich dessen auch bewusst."

Der Automobilkonzern Volkswagen ist der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Bisher hatte das Unternehmen auch angesichts seiner jahrelangen Erfolgsfahrt in steter Regelmäßigkeit alle paar Monate Hunderte Leiharbeiter wegen der guten Auftragslage in die Stammbelegschaft übernommen. Angaben zum genauen Umfang der aktuellen Leiharbeiterbelegschaft waren zunächst nicht zu erhalten. Ein Konzernsprecher kündigte am Wochenende auf Anfrage Details dazu an, nannte aber keinen Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Kurzarbeit für Leiharbeiter?

Mit dem Einsatz von Leiharbeiter versucht die Industrie in der Regel, flexibel auf Rückgänge oder Spitzen bei den Aufträgen zu reagieren. Welche Folgen die Abgas-Affäre auf die Produktion bei VW hat, ist bisher ungewiss. In den Verkaufszahlen für September lassen sich noch keine Auswirkungen ablesen - allerdings hatte der Skandal auch erst zum Ende des Monats seinen Lauf genommen.

Die VW-Tochter Audi, deren Diesel zum Teil auch von der Affäre betroffen sind, hatte vor dem Wochenende erklärt, dass keine nachlassende Nachfrage zu erkennen sei: "Wir spüren bislang keine Auswirkungen bei Auslieferungen und Bestellungen", hieß es aus Ingolstadt.

In einer konzerneigenen Mitarbeiterzeitung veröffentlichte die Volkwagen AG zuletzt ein schonungsloses Schuldeingeständnis. Die Unternehmensführung räumte dabei auch einen enormen Vertrauensverlust ein. Gleichzeitig versprach der Autohersteller, mit aller Kraft um die Gunst der Kunden kämpfen zu wollen.

"Das wichtigste Teil kaputt gemacht"

Auf einer ganzen Zeitungsseite stehen über dem blau-weißen VW-Logo folgende Worte: "Wir haben das wichtigste Teil unserer Autos kaputt gemacht: Ihr Vertrauen. Wir haben gerade einen großen Fehler gemacht. Wir haben Ihr Vertrauen beschädigt. Vertrauen, das wir über 60 Jahre aufgebaut haben. Jedes Mal, wenn Sie eines unserer Fahrzeuge gekauft haben, haben Sie an uns geglaubt. Und trotzdem haben wir Sie nun enttäuscht. Darum werden wir jetzt vor allem eins tun: auf unsere Worte Taten folgen lassen. Denn wir werden eine Lösung für jeden betroffenen Kunden finden. Und wir werden nicht aufhören zu arbeiten, bis wir Ihr Vertrauen wiedererlangt haben."

Nach Auskunft eines Konzernsprechers ist der Text Teil einer auf die internationalen Märkte ausgerichteten Kampagne, die im Internet bereits Verbreitung fand. National in Deutschland sei der Text mit Ausnahme der Mitarbeiterzeitung "autogramm" noch nicht abgedruckt. Ob und falls ja wann die Anzeige auch hierzulande veröffentlicht werden soll, sei noch nicht entschieden, hieß es.

Volkswagen hatte Abgaswerte seiner älteren Dieselfahrzeuge mit einer Software manipuliert. Der Skandal führte Europas größten Automobilkonzern in die bislang schwerste unternehmerische Krise der VW-Geschichte. Allein in Europa rufen die Wolfsburger ab nächstem Jahr 8,5 Millionen Diesel zu Nachbesserungen zurück in die Werkstätten.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

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