Wirtschaft

Abgasskandal, E-Auto, Image "VW stellt sich zu tollpatschig an"

Die Autoindustrie startet überraschend gut ins Jahr. Nur Volkswagen sorgt immer wieder für Negativschlagzeilen: Es wird wild spekuliert über Milliardenstrafen, Jobabbau, Absatzprobleme. Kommt VW mit einem blauen Auge davon? Autoexperte Helmut Becker liefert n-tv.de die Antwort und blickt auch auf andere bestimmende Themen des ersten Quartals 2016 zurück. 

n-tv.de: Herr Becker, die Neuzulassungen in Deutschland sind zu Jahresbeginn gestiegen - der Start ins Autojahr scheint also gelungen. Täuscht der erste Eindruck?

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Helmut Becker: Nein, der täuscht nicht. Die Zahlen sind überraschend gut ausgefallen. Das war in der Form nicht zu erwarten. Kurzum: Die Konjunktur in Deutschland läuft gut und das spiegelt sich auch in den Neuzulassungen wider.

Einmal abgesehen vom deutschen, welcher Markt glänzt derzeit besonders?

Innerhalb Europas sind es ganz klar die südlichen Märkte. Die arbeiten derzeit ihren Nachholbedarf ab, der sich seit den Jahren 2013/2014 aufgestaut hat. Damals gab es Einbrüche bei den Neuzulassungen von 30 bis 40 Prozent. Der Markt ist nahezu kollabiert damals. Nun erholt er sich deutlich und entsprechend stark sind die Zuwachsraten.

Wer hinkt Ihren Erwartungen hinterher?

Weltweit gesehen laufen Brasilien und Russland dem Trend hinterher. Brasilien wegen der allgemeinen wirtschaftlichen Gegebenheiten, Russland wegen der politischen Rahmenbedingungen. Unterm Strich stehen dann deutliche Einbrüche bei den Zulassungszahlen.

Was macht die Lokomotive China?

Die dampft schwächer! Der chinesische Markt leidet unter der allgemeinen Umbruchsituation in der Wirtschaft. Kurz gesagt: Stagnation auf hohem Niveau. Ein ähnliches Bild gibt auch der US-Markt ab.

Apropos USA: Ein Dauerthema war und ist der Abgasskandal bei VW. An 28. April wird es nun ernst. Dann will VW die finanziellem Folgen beziffern. Wagen Sie einen Blick voraus?

Es ist bereits viel spekuliert worden. Zum Teil auch in die richtige Richtung. Dass der VW-Konzern hohe Strafen zu vergegenwärtigen hat, war von Anfang an klar. Wie hoch die sein werden, hängt vom Verhandlungsgeschick und dem Fingerspitzengefühl der Wolfsburger ab. Allerdings: Nach all dem, was in den vergangenen Monaten passiert ist, sollte man nicht allzu optimistisch sein. VW hat die ganze Sache ziemlich tollpatschig angepackt - und so würde es mich nicht wundern, wenn die Strafen besonders hoch ausfallen.

VW will auch deshalb sparen. Wird es Arbeitsplätze kosten?

Ja, ganz klar. Der Markt, die Nachfrage entscheidet über die Arbeitsplätze und die Nachfrage hat sich abgeschwächt. Das hat zwar nicht nur mit "Diesel-Gate" zu tun, aber Fakt ist: An einem Arbeitsplatzabbau wird der Konzern nicht vorbeikommen, schon aus strukturellen Kostengründen.

Derzeit versucht der Konzern, mit Rabattaktionen Kunden zu binden und die Nachfrage anzukurbeln. Ist das der richtige Weg?

Im Grunde genommen nicht. Rabatte sind ein altes, fast schon ausgelutschtes Marketing-Instrument. Alle anderen Autobauer haben es auch genutzt, fahren ihre Maßnahmen aber mehr und mehr zurück. Allerdings: Wenn Sie Vertriebschef sind und mehr Autos verkaufen müssen, bleibt Ihnen fast nichts anderes übrig: Zugucken alleine reicht nicht, andererseits können Sie die Kunden auch nicht in die Autohäuser prügeln. (lacht)

VW Vorzüge
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Wird VW die Kurve 2016 noch bekommen oder ist "Diesel-Gate" auch Ende des Jahres noch aktuell?

Fragen Sie mich einmal etwas Leichteres! Ganz objektiv betrachtet, ist VW bisher mit einem blauen Auge davongekommen, denn die Kunden sind nicht weggelaufen und es gab auch keine drastischen Markteinbrüche. Die Kunden kaufen weiterhin VW, kaufen auch weiterhin VW-Diesel. Zumindest in Deutschland und Europa. In China verliert VW zwar leicht Marktanteile, aber nicht wegen der Dieselaffäre; Diesel spielt in China keine Rolle. In den USA sieht das schon wieder anders aus. Dort wird VW die Kurve in diesem Jahr auf alle Fälle nicht mehr kriegen.

Gleichzeitig will der Konzern bis 2019 das Volks-E-Auto auf den Markt bringen. Ist das realistisch?

Nein, ich denke nicht. Allein der Wille von Volkswagen reicht nicht aus. Die heute vorherrschende Batterietechnologie mit Lithium-Ionen macht dem Plan einen Strich durch die Rechnung. Die Speicher-Kapazitäten sind zu gering, die Reichweite dadurch arg begrenzt. Neue Technologien sind in der Entwicklung, aber für die breite Masse wohl nicht vor 2030 einsetzbar. Das E-Auto hat noch eine gewaltige Durststrecke vor sich.

Dennoch: Das Thema E-Auto ist nicht totzukriegen, obwohl das die Zulassungen vermuten lassen könnten. Die Rufe nach politischer Hilfe werden immer lauter, nicht zuletzt durch den Branchenverband VDA. Wird die Bundesregierung ihnen folgen?

Zuallererst: Ein marktwirtschaftliches Vorgehen wäre das nicht! Sollte die Bundesregierung den Kauf von E-Autos subventionieren, hätte das vor allem Mitnahmeeffekte in der Einkommens-Oberklasse zur Folge, nicht beim kleinen Mann. Was der Kunde will, sollte der Kunde selbst entscheiden, nicht der Staat. Zum anderen würden die monetären Kaufanreize aber nicht ausreichen, um das E-Auto massenmarkttauglich zu machen - der Staat müsste Milliarden aufwenden, die er nicht hat. Subventionen sollte der Staat lassen. Sie sind ein Eingriff in die Souveränität der Kunden - und die sind bekanntlich König.

Wie könnte denn eine andere Art von "Anschubfinanzierung" aussehen?

Was noch halbwegs mit den ordnungspolitischen Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft vertretbar wäre, sind Investitionen in die Infrastruktur - also in ein Netz aus Ladestationen. Damit wäre ein Hemmschuh für den Kauf eines E-Autos zumindest beseitigt. Wenn der Staat diesbezüglich in Vorleistung geht, wäre das nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten noch halbwegs tolerabel - und auch nicht neu: siehe Straßenbau, Schifffahrtskanäle oder Schienennetz.

Was könnten denn die deutschen Hersteller besser machen?

Sie könnten sich zumindest diesbezüglich ein Beispiel am US-E-Autobauer Tesla nehmen. Der verbaut bereits Batteriekonstrukte mit einer Reichweite von um die 400 Kilometer. Mehr Batterien ins Auto, das Ganze technisch bewerkstelligen - das kann die Branche machen. Aber billiger wird das E-Auto dadurch nicht.

Droht den deutschen Herstellern Konkurrenz durch das neue Tesla Model 3, das jüngst präsentiert wurde. Müssen sie sich Sorgen machen?

Ja, müssen sie in der Tat - wenn sie sogenannte E-Autos verkaufen wollen, die elektrisch betrieben gerade mal 150 Kilometer oder gar nur 30 Kilometer wie beim BMW i8 weitkommen. Aber da wird sich in Zukunft sicher mehr tun.

Abseits des E-Autos: Auf dem Genfer Autosalon haben die Hersteller über die Zukunft des Diesels diskutiert. Opel etwa fürchtet einen Imageverlust. Gibt es den?

Nein. Das Problem beim Diesel ist das gesundheitsschädliche Stickoxid. Opel selbst hat diesbezüglich sogar eine Lösung proklamiert: Bis 2018 wollen die Rüsselsheimer in allen Dieselmodellen Harnstoff-Kats verbauen. Mit dieser Technik ist es möglich, Stickoxide durch den Zusatz einer Harnstoff-Lösung (Ad-Blue) in Stickstoff und Wasser umzuwandeln. Die Technik ist nicht neu: Die deutschen Premium-Diesel von Audi, BMW und Daimler haben sie heute schon. Sie kostet allerdings Geld. Opel will sie nun massentauglich machen.

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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