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Übernahmepläne mit Risiken Wie Chinas Investoren Kuka locken

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Das chinesische Unternehmen Midea wirbt mit "schier grenzenlosen Möglichkeiten" auf dem Boommarkt China.

(Foto: picture alliance / dpa)

Investoren aus Fernost sammeln deutsches Tafelsilber ein. Der jüngste Fall: Das chinesische Unternehmen Midea, das nach dem deutschen Roboterhersteller Kuka greift. Für die Deutschen ist der Deal gefährlich.

Die chinesische Einkaufstour ist in Europa in vollem Gange: der dänische Hifi-Hersteller Bang&Olufsen, die italienische Reifen-Ikone Pirelli, die Schweizer Konzerne Syngenta und Sigg oder die Deutschen EEW und der Maschinenbauer Krauss-Maffei. Chinesen lieben es hochkarätig, aber auch das deutsche Mittelfeld ist gut nachgefragt. Jetzt steht der deutsche Roboterhersteller Kuka, sozusagen deutsches "Tafelsilber", auf der Einkaufsliste. Bis zu vier Milliarden Euro ist dem chinesischen Hausgerätehersteller Midea die Übernahme des Augsburger Unternehmens wert.

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Die Chancen für den Deal stehen gut. Midea hält bereits 13,5 Prozent der Anteile. Die ersten Signale aus dem MDax-Konzern sind positiv. "Wir prüfen es ergebnisoffen, grundsätzlich passt der Vorschlag aber zu unserer Strategie", sagte eine Kuka-Sprecherin. Auch der Preis scheint zu stimmen. Die Chinesen boten mit 115 Euro je Aktie deutlich mehr, als das Papier zum Zeitpunkt des Übernahmeangebots an der Börse kostete. Seitdem steigt der Kurs.

Die Unternehmensberatung Berners Consulting sieht das Preis-Thema etwas differenzierter. Midea hat seinen Anteil an der deutschen Firma über die Jahre sukzessiv aufgestockt. "Durch die schrittweise Erhöhung der Beteiligung auf 5, dann 10 und nun 30 Prozent mit Übernahmeangebot schraubt Midea den Aktienpreis in die Höhe. Midea bietet also de facto gegen sich selbst", sagt Geschäftsführer Lutz Berners. Das Beispiel zeige, dass nicht alle chinesischen Investoren jederzeit strategisch klug und taktisch geschickt vorgingen. Es zeige aber auch, dass sie schnell dazulernten. Sie wagten sich jetzt zum Beispiel an Transaktionen im offenen Markt heran.

Türöffner nach China

Die Strategie hinter dem freundlichen Übernahmeangebot scheint vielversprechend. In der Präsentation zu ihrem Angebot preisen die Chinesen eine klare Win-Win-Situation: Kuka und Midea seien "zwei hochgradig komplementäre Unternehmen". Midea will mit dem deutschen Knowhow seine steckengebliebene Automatisierung vorantreiben und Arbeiter mit Robotern ersetzen – was jede Menge Sparpotenzial verspricht.

Kuka - einer der global führenden Roboterhersteller und einmalig in der deutschen Industrie – erhalte im Gegenzug im wenig automatisierten China fast grenzenlose Expansionsmöglichkeiten: Chinas Bevölkerung wird älter, die Lohnkosten steigen, es zeichnet sich eine riesige Nachfrage nach Robotern ab. Midea wäre der perfekte Türöffner. Der klare Vorteil einer deutsch-chinesischen Firmenhochzeit liege im einfachen Zugang zum Boommarkt, sagt der Experte für deutsch-chinesische Transaktionen. Vor allem für kleinere Unternehmen als Kuka mit rund 3500 Mitarbeitern, spielt das eine große Rolle. "Viele klassische Mittelständler mit 200 oder 300 Mitarbeitern kriegen das nicht so schnell hin, in China oder USA ein Werk aufzubauen." Komme ein chinesischer Gleichgesinnter, der den Zugang hat und gleichzeitig noch Kapital mitbringt, sei das sehr attraktiv.

Midea ist vor allem selbst ein Schwergewicht: Nach eigenen Angaben ist es mit knappem Vorsprung vor Panasonic und Whirlpool der Weltmarktführer für Haushaltsgeräte. Gemeinsam könnten die Unternehmen Industrie-, aber auch Serviceroboter für Haushalte entwickeln. Wie beim Preis warnt Berners allerdings auch hier vor zu viel Euphorie: Der langfristige Erfolg dieses Projektes hänge davon ab, "ob Midea diese klare Vision mit Kuka entwickeln kann - und sie dann auch umsetzt." Bei diesem Punkt gebe es noch Fragezeichen. Midea sei gerade erst zwei Joint Ventures mit der japanischen Yaskawa eingegangen und versuche jetzt, Yaskawas wichtigsten Konkurrenten zu übernehmen. Aus Sicht der chinesischen Branche sei das befremdlich. Außerdem sei der Sprung von Industrie 2.0 auf 4.0 ambitioniert. "Dafür haben die fortschrittlichsten deutschen Unternehmen einige Jahrzehnte gebraucht."

Deutsche Firmen "an der langen Leine"

Dass die Marke sowie Forschung und Entwicklung bei Kuka verbleiben sollen und auch am Firmensitz in Augsburg nicht gerüttelt werden soll - ein Punkt, der von vielen Beobachtern positiv herausgestrichen wird - passt ins Bild deutsch-chinesischer Zusammenarbeit. "Ein Grundsatz bei chinesischen Unternehmen lautet, es an der langen Leine zu steuern", sagt der China-Kenner Berners. Erst werde gekauft, danach vielleicht neu kapitalisiert, am Ende müsse sich das Unternehmen dann aber weitgehend selbst führen.

Skeptiker vermuten hinter der chinesischen Geschmeidigkeit allerdings noch etwas anderes. Die Käufer aus Fernost dürften mit ihren Zugeständnissen auch Abwehrreaktionen im Keim ersticken wollen, ist zu hören. Das Reich der Mitte hat sich über die Jahre vor allem einen Namen als größter Plagiatsmeister der Welt gemacht. Kuka und Siemens sind Schlüsselunternehmen in einer von Robotern dominierten künftigen Industrieproduktion "Made in Germany". Seit Jahren gibt es ein enges Bündnis zur Einführung der "Fabrik der Zukunft" mit digital gesteuerter Produktion und Logistik.

Sollte Mideas Offerte Erfolg haben, würde das Unternehmen indirekt Einblick in die Produktionsplanung nicht nur der deutschen Automobilbranche erhalten. Die Chinesen wissen, dass sie in empfindliche Bereiche vorstoßen - auch wenn es in der Präsentation heißt, dass der "Zugang zu Kundendaten ausschließlich bei Kuka liegt".

Hohe Abbrecherquote

Laut Berners sollten sich deutsche Unternehmen jeden Investor, insbesondere aus China, sehr genau anschauen. Es gebe durchaus Beispiele in der jüngeren Vergangenheit, "in denen deutsche Unternehmen ausgesaugt wurden". Insgesamt gebe es aber nicht viele chinesische Übernahmen. Seit der Öffnung Chinas in den 80er Jahren würden chinesische Unternehmen erstmals sogar das Geld zusammenhalten. Viele Kaufprojekte seien "auf Hold".

Auch die "Abbrecherquote" sei hoch. Die Erwartungen von Deutschen und Chinesen an das Kaufprozedere gingen weit auseinander, sagt Berners. Die Käufer aus Fernost seien sehr pragmatisch und flexibel. Die Hürden der Bürokratie dürften für sie gerne niedriger sein. In vielen Fällen schrecke diese Haltung die deutsche Seite jedoch ab. Trotz kultureller Unterschiede rechnet Berners jedoch mit Wachstum - vor allem im Midcap-Bereich. Der Mittelstand sei von Chinesen immer gerne gekauft worden, das Interesse konzentriere sich vor allem auf Autozulieferer und Maschinen- und Anlagenbauer.

Bei Kuka und Midea hängt nun vieles vom Großaktionär Voith ab. Siemens, das einmal Interesse an Kuka hatte, dürfte Midea keine Steine mehr in den Weg legen. Vielleicht wären die Deutschen der sicherere Partner. Bessere Wachstumsaussichten können sie wohl aber nicht bieten.

Quelle: n-tv.de

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