Wirtschaft

Globalisierung und Populismus Wirtschaftselite muss harte Nüsse knacken

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Zu kaum einem anderen Ereignis weltweit kommen gleichzeitig mehr Spitzenpolitiker und Manager als zum World Economic Forum. Das Treffen begann am 17. Januar, diesmal unter dem Motto "Verantwortungsvolles und zuhörendes Führen".

(Foto: REUTERS)

Aus Ökonomensicht könnte das Jahr 2017 eine Zeitenwende werden. Viele Menschen fühlen sich abgehängt. Trump oder Brexit stehen für die große Politikverdrossenheit. Völlig neu ist die Situation nicht. Sie ähnelt der vor hundert Jahren.

Trump, Brexit, Populismus, und Protektionismus - "Das Jahr 2017 ist ein entscheidender Zeitpunkt für die Weltgemeinschaft", warnt der Gründer des World Economic Forums (WEF), Klaus Schwab, anlässlich des diesjährigen Treffens in der Schweiz. Die internationale Wirtschaftselite will diese Woche in Davos Antworten darauf finden, wie verantwortungvolles Handeln in diesen Zeiten aussehen sollte. Eine Diskussionsrunde mit den Top-Ökonomen der großen deutschen Wirtschaftsinstitute in Berlin hat die Diskussion auf kleiner Bühne vorweggenommen.

Schwab zeichnet für die Diskussion in Davos ein düsteres Bild: Die Welt sei umgeben von einem "Meer aus Pessimismus, Negativität und Zynismus". Er wünscht sich mehr Zusammenarbeit. Aber die Welt driftet auseinander. Wo ist der Funken Hoffnung für die heute zerrissene Welt, dass sie in Zukunft besser und fairer sein wird?

Abschottung statt Zusammenhalt

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Dennis Snower (Institut für Weltwirtschaft), Achim Wambach (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung), Christoph M. Schmidt (RWI -Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung), Ursula Weidenfeld, Marcel Fratzscher (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), Reint E. Gropp (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle) (v.l.)

(Foto: Leibniz-Gemeinschaft/Peter Himsel)

Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Dennis Snower, sieht ähnlich wie Schwab das größte Manko darin, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl zu kurz gekommen ist. "Warum haben wir etwas dagegen, griechische Arbeitslose zu unterstützen? Der soziale Zusammenhalt fehlt!" Seiner Ansicht nach müssen die Menschen physisch und mental beweglicher werden, anstatt sich immer mehr abzuschotten.

Entgegen der simplen Wahrheiten der Populisten, dass Abschottung automatisch zu einer besseren Welt mit größerer sozialer Sicherheit führen wird, birgt das Auseinanderdriften eher neue und noch gar nicht absehbare Risiken. "Menschen realisieren: Unsere Kinder werden es nicht besser haben", erklärt DIW-Chef Marcel Fratzscher das Phänomen. Dies sei der "große Treiber" für Populismus. Mit ungewissem Ausgang.

Fratzscher unterscheidet dabei drei elitäre Gruppen, die mit ihrem Versagen dem Populismus Vorschub geleistet haben: "Es gibt eine Zerrissenheit durch die technologische Elite, siehe Dieselgate oder BER. Eine Zerrissenheit verschuldet durch die volkswirtschaftliche Elite, siehe Banken und Schuldenkrise. Und ein Scheitern der Verantwortungselite, siehe Hillary Clinton."

Viele Menschen, die die ökonomische Ungleichheit wahrnehmen, sehnen sich deshalb nach einer Veränderung des Systems. Hinzu kommt: Länder haben unterschiedlich von der Globalisierung profitiert, fügt Christoph Schmidt vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hinzu. Deutschland habe mehr profitiert als die USA. "Es gibt Verlierer", räumt auch DIW-Chef Fratzscher ein. Wichtig sei, die Teilhabe der Menschen am System zu gewährleisten. Für ihn wären eine Vermögenssteuer und mehr Steuergerechtigkeit ein Schritte in die richtige Richtung.

Wer hat Schuld?

Ist es so einfach? Kommen Lösungen so daher, sieht mancher Ähnlichkeiten zu populistischen Slogans. So auch Achim Wambach, der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung: "Man kann Populismus nicht kritisieren und zu leichte Antworten geben. Globalisierung ist nicht mit sozialer Ungleichheit gleichzusetzen." Sie sei vielschichtiger, einfache Rezepturen gebe es nicht. Für Wambach haben nicht die Eliten, sondern vor allem der technologische Fortschritt Schuld an der sozialen Ungleichheit.

Der technologische Fortschritt dürfte die Probleme mit Trump oder dem Brexit in der Zukunft in der Tat noch um ein Vielfaches übertreffen. Eine Studie der Universität von Oxford besagt, dass in den nächsten 15 Jahren 50 Prozent der Arbeitsplätze von Maschinen übernommen werden. Nicht nur einfache Arbeiten werden in Zukunft von der Maschinisierung wegrationalisiert. Es wird auch immer mehr klassische Mittelklasse-Jobs wie Rechtsanwälte und Steuerberater und sogar Ärzte treffen.

"Auch Ökonomen sind hilflos"

Doch kann man die Uhr zurückzudrehen? Unmöglich, meint Wambach vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung: "Auch wenn es immer Aufstände und Modernisierungskritik gab, die Schlussfolgerung war nie: Wir verzichten auf Fortschritt." Auch Reint Gropp, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IW) glaubt nicht, dass Globalisierung zurückzudrehen ist. Auch nicht mehr Bildung oder eine gerechtere Vermögenssteuer werde etwas am Populismus ändern.

"Ökonomen sind hilflos", räumt er ein. Können Ökonomen denn gar nichts zur Chancengleichheit beitragen? IW-Chef Gropp sieht zumindest eine Geschichte, die sich lohnen würde, sie zu erzählen: die Parallele zur Industriellen Revolution. "Wir haben die gleiche Ausgangssituation wie vor hundert Jahren. Wir stehen vor den gleichen Herausforderungen. Die Frage ist, wie die Menschen mit den Maschinen konkurrieren können." Hat der Mensch etwas aus der Geschichte gelernt?

"Wir müssen unserer Verantwortung gerechter werden", sagt Fratzscher bei. "Wir haben zu Recht viel Kritik bekommen. Wir müssen als Wissenschaftler besser werden. Wir haben eine Bringschuld‚ konstruktiv mitzuwirken." "Aber erwarten Sie keine Wunder", bremst Schmidt hochfliegende Erwartungen. Die Diskussion auf kleiner Bühne zeigt, es gibt harte Nüsse zu knacken.

Quelle: ntv.de