Kommentare

Neue Strategie Die EZB macht sich locker - und grün

2021-07-08T171322Z_976665190_RC2HGO9FJJUS_RTRMADP_3_CENBANKS-INFLATION.JPG

Die EZB ändert ihre Strategie.

(Foto: REUTERS)

Die neue Strategie der Europäischen Zentralbank hat es in sich: Die Notenbanker erlauben mehr Inflation und mehr Klimaschutz. Der Krisenbewältigung hilft das. Aber die politische Neutralität ist dahin.

Keiner beherrschte die geldpolitische Vernebelungsrhetorik besser als Alan Greenspan. "Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar gewesen sein, dann müssen Sie mich falsch verstanden haben", pflegte der langjährige Präsident der amerikanischen Notenbank Federal Reserve zu murmeln. Notenbanker sind traditionell so. Sie scheuen kommunikative Klarheit. Das gilt auch für die Europäische Zentralbank, die als Hüterin eines stabilen Euros vor 23 Jahren in Frankfurt am Main an den Start ging. Allzu klare Aussagen? Fehlanzeige. Wer die Aussagen der Geldpolitiker wirklich verstehen will, musste bislang zwischen den Zeilen lesen können. Bislang. Das ändert sich jetzt.

Die amtierende EZB-Präsidentin Christin Lagarde hat eine neue Strategie erarbeiten lassen. Die neue Linie der Notenbank schafft mehr Klarheit - und forciert gleichzeitig den Klimaschutz. Bislang hatten Lagarde und ihre Kollegen im EZB-Rat ein Inflationsziel von mittelfristig "unter, aber nahe zwei Prozent" im Auge. Künftig liegt der Zielwert im Durchschnitt bei genau zwei Prozent. Das klingt zwar nach einer nur homöopathischen Erhöhung. Doch die neue Zielmarke hat es trotzdem in sich. Die Notenbank kann nämlich künftig auch dann die Zinsen unverändert lassen, wenn der Inflationswert zeitweise über die Zwei-Prozent-Marke hinausschießt.

Die Euro-Hüter, deren erklärtes Ziel die Preisstabilität ist, verschaffen sich damit mehr Spielraum bei der Inflationsbekämpfung. Sie können höhere Inflationsraten akzeptieren - zumindest eine Zeit lang. Denn die Zwei-Prozent-Marke ist nur ein Mittelwert. Liegt die Preisentwicklung in der Euro-Zone vorher darunter, müssen sie bei Werten von mehr als zwei Prozent nicht in operative Hektik verfallen und an der Zinsschraube drehen.

Die Folge: Das Zinsniveau kann dadurch auch bei steigenden Inflationswerten erst einmal niedrig bleiben. Gepaart mit den immer neuen Anleihe-Käufen bremst das einen Anstieg der Unternehmenspleiten, vermeidet Kreditklemmen für angeschlagene Euro-Staaten und reduziert das Risiko, dass es in Euroland zu einer weiteren Finanzkrise kommt. Aktieninhaber und Immobilieneigentümer profitieren ebenfalls von den niedrigen Zinsen - erst einmal, weil der Boom an den Börsen und dem Wohnungsmarkt dadurch angeheizt wird. Klar, es gibt die Gefahr einer Überhitzung. Auch darauf müssen die Notenbanker schauen.

Verlierer sind Menschen mit geringem Einkommen. Sie können sich Aktienkäufe und Immobilien kaum leisten. Immerhin scheinen viele Arbeitsplätze sicher, wenn die Wirtschaft weiter rund läuft. Dennoch: Die aktuelle Geldpolitik bevorzugt die Vermögen der Reichen. Selten zuvor hat die Geldpolitik die Vermögensverteilung so stark angeschoben.

Eigentlich soll die EZB politisch unabhängig agieren und neutral sein. So wurde sie konzipiert. Dass die Notenbank künftig auch den Klimawandel bei ihrer Arbeit berücksichtigen will, ist aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten zwar verständlich. Im Bemühen um politische Unabhängigkeit droht sie sich damit allerdings angreifbar zu machen. Wenn sie beim Kauf von Unternehmensanleihen bestimmte Branchen ausgrenzt, könnte das am Kapitalmarkt hohe Wellen schlagen. Anleihen von Firmen, die im Notfall bei der Notenbank nicht gegen Liquidität getauscht werden dürfen, verlieren an Wert. Die Crash-Gefahr steigt.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.