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GDL streikt eine Woche Tarifpolitischer Amoklauf

Für fast eine Woche lang will die GDL streiken. Die Bahnkunden reagieren zunehmend verärgert. GDL-Chef Weselsky beschädigt mit seiner unnachgiebigen Haltung das Image seiner Gewerkschaft nachhaltig.

Eines muss man Claus Weselsky lassen: Er ist berechenbar. Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL kündigt eine Verschärfung des Arbeitskampfes gegen die Deutsche Bahn an: Das wird umgesetzt. Weselsky lässt kein gutes Haar an der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) - er handelt entsprechend. Zudem lehnt der Gewerkschaftsvorsitzende seit Monaten eine Schlichtung ab. Auch in diesem Punkt steht er zu seinem Wort.

Doch die Bahnkunden können dieser Berechenbarkeit mitnichten Gutes abgewinnen. Zum achten Mal im laufenden Tarifkonflikt stört die kleine Spartengewerkschaft den Bahnverkehr empfindlich - diesmal für fast eine Woche. Wieder einmal steht der Staatskonzern vor riesigen logistischen Herausforderungen. Aber nicht nur er: Auch die vielen Bahnkunden, die von der GDL seit dem vergangenen Jahr in Atem gehalten werden, müssen jeden Tag neu planen, Verspätungen einrechnen, mit Arbeitgeber oder Geschäftspartner telefonieren, die Kinder mit dem Auto zur Schule oder Kindertagesstätte fahren, Privatbesuche auf später verschieben etc. pp.

Die Bahnkunden sind sauer, nur noch ein geringer Teil hat Verständnis für das GDL-Vorgehen. Der Deutsche Bahnkunden-Verband (DBV) beklagt die Auswüchse beziehungsweise Schieflage des Arbeitskampfes und kommt zu dem Schluss, dass es nicht sein könne, dass "ein Weselsky bestimmt, ob und wann Kunden mit der Bahn fahren dürfen". Aber auch innerhalb der Bahnbelegschaft rumort es. So wird bei der Berliner S-Bahn damit gerechnet, dass sich Fahrer krankmelden, um einen Streit mit Kollegen zu vermeiden.

Es ist in den vergangenen Jahren viel Gift versprüht worden - zwischen Konzernvorstand und GDL und zwischen GDL und EVG. Auch das Verhältnis zwischen Bahn und EVG hat sich verschlechtert.

Die Zeit wird knapp

Dass sich beide Gewerkschaften nicht grün sind, ist bekannt. Es werden dabei Schlachten der Vergangenheit geschlagen. Weselsky beruft sich dabei auf das - aus seiner Sicht - damalige Paktieren der EVG-Vorgänger Transnet und GDBA mit der Bahnspitze. Die EVG betreibt in seinen Augen die Fortsetzung dieser Politik. Diese weist diesen Vorwurf natürlich entrüstet zurück.

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Augen zu und durch: Claus Weselsky.

(Foto: imago/Sven Ellger)

Der GDL-Chef sieht auch seine Felle davon schwimmen, will doch die schwarz-rote Bundesregierung in Bälde ein Gesetz verabschieden, das die Macht der kleinen Spartengewerkschaften beschneidet. Weselsky agiert jetzt so rücksichtslos, weil er weiß, dass die Zeit für die GDL knapp wird, auf sie zugeschnittene Tarifverträge durchzusetzen.

So befindet sich das CDU-Mitglied Weselsky auf einem tarifpolitischen Amoklauf. Und es sieht ganz danach aus, dass er nicht gewinnen wird. Im Gegenteil: Mit seinem Verhalten sorgt der GDL-Vorsitzende dafür, dass die Bahnspitze in einem öffentlich besseren Licht dasteht - und das hat sie wirklich nicht verdient. Ihre Hinhaltetaktik, auch gegenüber der EVG, ist durchaus kritikwürdig. Was die Gestaltung der Dienstpläne und Überstunden angeht, sind die Forderungen der Lokführer nämlich berechtigt.

Doch diese Forderungen gehen unter, denn es geht um die Gestaltung der Tarifverträge. Die GDL will auch für ihre Mitglieder im Servicebereich einen eigenständigen Vertrag. Die Mehrheit der Mitarbeiter dieser Sparte ist aber bei der EVG organisiert. Zwei verschiedene Tarifverträge für Fahrkartenkontrolleure oder Bahnhofspersonal? Das kann ein Unternehmen nun wirklich nicht wollen.

So ist es eigentlich naheliegend, dass beide Gewerkschaften im Interesse der Sache zueinanderfinden müssen. Ihre Protagonisten sollen sich nicht mögen, aber zumindest respektieren. Aus den Äußerungen der GDL-Spitze ist allerdings erkennbar, dass dies derzeit ein Wunschtraum ist.

Mit ihrer unnachgiebigen Haltung bringen Weselsky und seine Mitstreiter die GDL in eine für sie gefährliche Situation, denn ihre Akzeptanz bei den Deutschen ist auf dem Tiefpunkt. Eine Gewerkschaft, die die Mehrheit der Menschen gegen sich hat? Das kann sie auf Dauer nicht durchhalten.

Quelle: n-tv.de

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