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Wenn Impfungen nicht mehr wirken Die Angst vor Super-Mutanten geht um

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Die Corona-Variante P.1 greift in Brasilien um sich. Impfstoffe scheinen gegen die Mutante deutlicher schlechter zu wirken. Aber zumindest schwere Covid-19-Verläufe sollen sie verhindern.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Corona-Mutationen treiben derzeit das Infektionsgeschehen kräftig an. Impfungen sollen es bremsen. Doch was, wenn die Vakzine gegen neue Virus-Varianten wirkungslos werden? Politiker und Experten warnen vor immunresistenten Fluchtmutationen.

Die dritte Pandemiewelle hat Deutschland weiter fest im Griff: Die Infektionszahlen steigen. Gleichzeitig kommt die Impfkampagne nur schleppend voran. Eine besorgniserregende Mischung, warnen nun Politiker und Experten. Denn das begünstige die Entstehung von immunresistenten Corona-Varianten. "Wenn jetzt parallel zum Impfen die Infektionszahlen wieder rasant steigen, wächst die Gefahr, dass die nächste Virus-Mutation immun wird gegen den Impfstoff", sagte Kanzleramtschef Helge Braun der "Bild am Sonntag". Im Falle einer solchen Mutation "stünden wir wieder mit leeren Händen da", so Braun. Dann bräuchte es neue Impfstoffe.

Die Befürchtungen des CDU-Politikers seien durchaus begründet, sagt der Leiter des Instituts für Virologie der Universität Marburg, Stephan Becker. Weil sich das Coronavirus kontinuierlich verändere, würden durch Selektion stets "bessere" Varianten begünstigt. Das könnten etwa ansteckendere Typen sein wie die britische Variante B.1.1.7 oder auch Typen, an die die vom Immunsystem nach einer Impfung gebildeten Antikörper schlechter binden könnten - sogenannte Escape-Mutanten, erklärt Becker. Da bei einem stärkeren Infektionsgeschehen mehr Viren kursieren, steigt das Risiko für neue Mutanten, die sich solchen Antikörpern entziehen könnten. "Die werden dann nicht mehr so gut abgefangen wie das ursprüngliche Virus", sagt der Virologe. Zwar könnten diese Antikörper noch in gewissem Maße schützen, "aber nicht mehr so gut".

Eine Gefahr, vor der auch die Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation warnt. Sogenannte Escape-Varianten des Virus, die Impfungen hinfällig machen oder ihre Wirkung reduzieren könnten, entwickelten sich dort, wo viele Menschen schon geimpft seien, erklärte Priesemann in der ARD.

"Dann züchten wir in Deutschland diese Escape-Varianten"

Es handle sich um Viren, die es schafften, den Immunschutz der Impfung zu umgehen. "Es gibt erste Erkenntnisse, dass manche der Virus-Varianten das zumindest zum Teil schon können", sagte Priesemann mit Blick auf die südafrikanische (B.1.351) und die brasilianische Variante (P.1), gegen die die verfügbaren Impfstoffe weit weniger gut zu wirken scheinen. Wenn viele geimpft seien und es gleichzeitig eine hohe Inzidenz gebe, "dann züchten wir uns hier in Deutschland diese Escape-Varianten", sagte Priesemann.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine solche Super-Mutante bereits existiert oder existiert hat. Wenn Personen, die an ihr erkrankt oder auch nur mit ihr infiziert sind, das Virus aber aufgrund von Abstand, Hygiene, Maske, Kontaktbeschränkungen nicht weitergeben können, stirbt es aus. Hier wird deutlich, wie wichtig es ist, die Übertragung selbst dann zu vermeiden, wenn immer mehr hochgefährdete Personen bereits geimpft sind.

Somit sinkt die Wahrscheinlichkeit von immunresistenten Fluchtmutationen, je effektiver auch weiterhin Übertragungen vermieden werden - und je höher die Durchimpfungsrate ist. Zumindest keiner der bisher bekannten Virus-Varianten hat es bisher geschafft, die Immunantwort nach einer Impfung vollständig zu umgehen. Bei der brasilianischen Mutante P.1 reichen die Daten zwar noch nicht aus. Doch auch hier gibt es deutliche Hinweise, dass bisher verfügbare Impfstoffe zumindest schwere Verläufe zuverlässig verhindern sollten.

Mutationen zwingen zu Impf-Auffrischungen

Nichtsdestotrotz müssten die Impfstoffe regelmäßig überprüft und wenn nötig angepasst werden, sagen Wissenschaftler der Berliner Charité. In einer Studie verglich das Forscherteam um Christian Drosten die Evolution von Erkältungs-Coronaviren, die Sars-CoV-2 stark ähneln, mit der von Grippeviren. Dabei konnten sie nachweisen, dass Coronaviren ständig ihre Oberflächenstrukturen verändern und damit dem menschlichen Immunsystem entfliehen können. Momentan verändere sich Sars-CoV-2 zwar noch schneller als ältere Coronaviren, sagt Drosten. Das solle aber langsamer werden, wenn das Infektionsgeschehen nachlässt, also wenn die meisten Menschen geimpft oder genesen sind.

Eine Anpassung bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna dauert laut dem Paul-Ehrlich-Institut rund zwölf Wochen: In sechs Wochen könnten sie im Hinblick auf einzelne Mutanten verändert werden. Die neue Produktion brauche noch einmal sechs Wochen.

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Bei Vektorimpfstoffen wie von Astrazeneca muss mehr Zeit eingeplant werden. Nach Angaben der Infektiologin Marylyn Addo von der Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf brauche es allein für die Neuzüchtung der Trägerviren, die das genetische Material eines Erregers in die Zellen schleusen, bis zu drei Monate.

Eine Veränderung der Impfstoffe würde aber auch bedeuten, dass bereits Geimpfte erneut geimpft werden müssten - und möglicherweise über die Jahre wiederholt mit immer neuen Seren, ähnlich wie bei der Grippe. Daher sei nun rasches Impfen wichtig, betont Virologe Becker. Damit es erst gar nicht zu solchen Super-Mutanten komme.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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