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Zweite Welle kündigt sich an Drosten: "Ich bin nicht optimistisch"

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Der Virologe hofft, dass in der Pandemie-Bekämpfung die Vernunft siegen wird.

(Foto: imago images/Reiner Zensen)

Christian Drosten ist besorgt, dass Deutschland in den kommenden Wochen seine gute Situation in der Corona-Pandemie verspielt. Er sei "nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch eine so friedliche Situation haben". Man müsse jetzt wieder alle Alarm-Sensoren anschalten, um eine zweite Welle zu verhindern.

Die Gefahr einer zweiten Corona-Welle wächst auch in Deutschland. Virologe Christian Drosten schließt dies nicht nur aus den heftigen Ausbrüchen in Göttingen und Gütersloh. Er sieht auch in Berlin und anderen Orten eindeutige Anzeichen dafür, "dass das Virus wiederkommt".

Man könne zwar das feuchtkalte Klima in einem Schlachtbetrieb mit dem Klima im Herbst und Winter vergleichen, sagte Drosten in seinem letzten NDR-Podcast vor der Sommerpause. Aber er glaube nicht, "dass das am Ende das sein wird, was uns in eine zweite Welle führt." Er denke, man müsse schon jetzt vorsichtig sein. An der Entwicklung in den Südstaaten der USA sehe man, dass man trotz hoher Umgebungstemperaturen in eine furchtbare Situation laufen könne. "Ich habe heute Morgen eine Meldung gesehen, dass jetzt in einer Stadt in den amerikanischen Südstaaten Kinderkliniken für Erwachsene freigegeben werden, weil die Krankenhaus-Aufnahmen einfach ein Maß erreicht haben, das so etwas erfordert."

Die Erklärung liegt für den Charité-Mediziner auf der Hand: "Dort hat man die erste Welle nicht effizient gebremst, sondern hat zu früh wieder geöffnet", sagt er. "Und das ist natürlich etwas, das auf uns übertragbar ist." Dass Deutschland jetzt ein paar entspanntere Wochen in der Pandemie vor sich habe, sei wahrscheinlich weniger dem sommerlichen Klima zu verdanken. Vermutlich habe man diese Ruhe durch ein sehr effizientes und frühes Bremsen verdient.

Er sei aber "nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben". Und in zwei Monaten könnten wir seiner Meinung nach sogar ein richtiges Problem haben, "wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarm-Sensoren anschalten, und wenn wir nicht auch jetzt in der Bevölkerung einsehen, dass die Gesundheitsbehörden Unterstützung und Konsens brauchen."

Zersetzende Tendenzen

Was im Moment in einigen Teilen der Gesellschaft passiere, sei zersetzend für "das, was unsere große Kraft gewesen ist im Frühjahr: nämlich der gesellschaftliche Zusammenhang und die Informiertheit der allgemeinen Bevölkerung." Als Beispiel nennt er das Benehmen in der Gastronomie. Es sei zwar bei dem jetzigen Wetter "relativ in Ordnung" im Außenbereich zu sitzen. Wenn es aber auf den Terrassen und vielleicht auch in den Innenbereichen mit steigendem Alkoholkonsum der Gäste immer voller werde, müsste eigentlich irgendjemand etwas sagen. Aber das tue natürlich niemand, "und auch so wird das Virus natürlich verbreitet."

Welche Maßnahmen konkret zu treffen sind, möchte Drosten nicht sagen. Das könne man aus Studien auch nicht direkt ableiten, da man jetzt eine andere Situation als am Anfang der Epidemie habe. Generell gelte: nicht zu viele Personen in einem geschlossenen Raum. Und die Enthemmung durch Alkohol spiele sicherlich auch eine Rolle. Bei lauter Musik, gegen die man anschreie, würden natürlich noch mehr Aerosole im Rachen gebildet, erklärt er.

Die jetzt wieder möglichen Flugreisen in den Ferien sieht Drosten mit gemischten Gefühlen. Dabei findet er die Flüge selbst weniger kritisch, obwohl es auch dort zu Ansteckungen kommen könne. Die Belüftung sei in den Kabinen "recht günstig" und die Behörden wüssten ja auch im Nachhinein, wer neben wem gesessen habe. Er mache sich mehr Sorgen über die Wartebereiche vor dem Abflug und nach der Landung, wo man manchmal über längere Zeit "fast eingepfercht" sei.

Breite Diskussion zu Schulöffnungen nötig

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Ein großes Problem macht der Virologe auch noch bei den Schulöffnungen nach den Sommerferien mit weitgehendem Regelbetrieb aus. Als Beispiel verweist Drosten auf die Niederlande, wo man versucht habe, die Situation unter Kontrolle zu halten, indem alle Schüler mit Symptomen sofort zum Test geschickt wurden und nicht in die Schule kommen sollten. Das habe aber nicht funktioniert, weil es zu Ängsten, Diskussionen und "unangenehmen und diskriminierenden Stigmatisierungen" gekommen sei. Deswegen habe man das nach zwei Wochen wieder aufgegeben. "Jetzt ist diese Sicherheitsmaßnahme dort nicht mehr da, aber die Schulen sind immer noch auf."

Um in Deutschland nicht in ähnliche Situationen zu geraten, müsse man in einer gesellschaftlichen Diskussion und im Dialog mit Nachbarländern, die solche Erfahrungen machen, nach Lösungen suchen. Und dabei sei es wichtig, nicht irgendwelche Schuldigen zu suchen, nicht in Gruppen, nicht in der Politik "und erst recht nicht in Form von einzelnen Personen, die sich irgendwo engagieren. Sondern man muss die Sache betrachten."

Quelle: ntv.de, kwe