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Ohne Symptome kein Test Fallen infizierte Schüler durchs Raster?

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Ältere Schüler stecken sich möglicherweise genauso oft wie Erwachsene an, werden aber seltener getestet, da sie häufiger keine oder nur leichte Symptome haben.

(Foto: imago images/Rainer Unkel)

Durch die geänderte Strategie werden in Deutschland Menschen ohne eindeutige Symptome seltener auf Covid-19 getestet. Das trifft besonders häufig bei Kindern und Jugendlichen zu, wodurch die Gefahr steigen könnte, dass Ausbrüche an Schulen länger unentdeckt bleiben.

Weil die Kapazitäten erschöpft sind und die Schnupfensaison begonnen hat, musste das RKI seine Kriterien für PCR-Tests auf Covid-19 verschärfen. Seit Mitte Oktober heißt es daher in der nationalen Teststrategie, dass Erkältungssymptome alleine nicht mehr einen Anspruch auf einen Corona-Test begründen. Schon gar nicht sollen Menschen getestet werden, die überhaupt keine Anzeichen einer Erkrankung aufweisen.

Dunkelziffer steigt

Dadurch steigt die Dunkelziffer, der nicht erkannten Infektionen. Und das gilt besonders für Kinder und Jugendliche, die besonders häufig nur schwache oder gar keine Symptome haben. Dadurch wiederum könnten Ausbrüche an Schulen unentdeckt bleiben und das Coronavirus über die Eltern, Verwandte und andere ältere Kontaktpersonen weiterverbreitet werden.

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Die geänderte Teststrategie führt vermutlich zu einem Anstieg der Dunkelziffer vor allem bei jüngeren Menschen.

(Foto: imago images/Fotoarena)

Ob dies tatsächlich der Fall ist, lässt sich schwer sagen, eindeutige Belege fehlen. Allerdings gibt es auch keine Beweise für das Gegenteil. "Insgesamt erschwert die wahrscheinlich große Zahl asymptomatischer Infektionen bei Kindern und Jugendlichen die Erhebung verlässlicher Daten", sagte Folke Brinkmann dem Science Media Center. Sie ist Oberärztin für Pädiatrische Pneumologie und Allergologie am Katholischen Klinikum Bochum.

Dass die Dunkelziffer bei Schülern ohnehin sehr hoch ist, lässt eine Studie des Helmholtzzentrum München vermuten. Eine Analyse von Antikörper-Tests bei 12.000 Kindern und Jugendlichen von ein bis 18 Jahren ergab eine sechsmal höhere Ansteckungsrate als statistisch erfasst.

Grundsätzlich die gleiche Viruslast

Das RKI schreibt, die Infektiösität von Kindern sei bisher zu selten untersucht worden und könne daher nicht abschließend bewertet werden. Die Ansteckungsrate durch Kinder sei in Studien ähnlich hoch wie bei erwachsenen Primärfällen, heißt es in der Einschätzung weiter. Studien zur Viruslast bei Kindern zeigten keinen wesentlichen Unterschied zu Erwachsenen.

Dass infizierte Kinder grundsätzlich die gleiche Viruslast tragen wie Erwachsene, ist auch das Ergebnis einer Charité-Studie unter Leitung von Christian Drosten. In Verbindung mit bisherigen Erkenntnissen liege es nahe, das Übertragungspotenzial in Schulen und Kindergärten unter den gleichen Annahmen zur Infektiosität wie bei Erwachsenen zu bewerten, heißt es darin.

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Weil es bei kleinen Kindern schwer ist Proben aus Nase und Rachen zu entnehmen, weichen Mediziner oft auf Stuhlproben aus, in denen der Virus ebenfalls nachweisbar ist.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Es könne sein, dass Kinder weniger ansteckend sind, da sie beispielsweise ohne Symptome das Virus nicht aushusteten und ein geringeres Atemvolumen hätten, schreiben die Berliner Wissenschaftler. Andererseits seien Kinder körperlich aktiver und pflegten engere soziale Kontakte.

Weitere Daten notwendig

Drosten und sein Team empfehlen weitere Daten zu sammeln, um belastbare Aussagen treffen zu können. Solange es keinen statistischen Beweis für ein anderes Virusprofil bei Kindern gibt, warnen die Wissenschaftler vor einer "unbegrenzten Öffnung von Schulen und Kindergärten." Anfang November sagte Drosten allerdings, dass die politische Entscheidung, Schulen offenzuhalten richtig sei, "weil sie eben wichtig sind." Man müsse jetzt beobachten, wie sich die Situation während der zweiten Welle und im Shutdown entwickle, sagte er außerdem.

Was dafür spricht, dass Schulen keine größeren Infektionsherde sind, sind Forschungsarbeiten, die vermuten lassen, dass Kinder nicht nur seltener schwer erkranken, sondern sich offenbar auch nicht so oft anstecken wie Erwachsene. Das ergab auch eine Studie Baden-Württembergs. Allerdings untersuchte sie nur Kinder bis 10 Jahre und die Verfasser betonten ausdrücklich, keine Aussagen über eine Infektiösität machen zu können.

Kind ist nicht gleich Kind

Wichtig ist vor allem das Alter der Kinder in der Studie. Denn oft wird pauschal von Kindern gesprochen, was aber völlig an der Realität vorbeigeht. Denn die meisten Forschungen, die bisher Belege dafür liefern, dass Bildungseinrichtung keine "Virenschleudern" sind, beschränken dies auf jüngere Kinder. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die Infektiösität bei Kindern jenseits von 10 Jahren immer weniger von derjenigen erwachsener Menschen unterscheidet. Wo genau die Grenze gezogen werden muss, ist unklar, vermutlich ist es ein fließender Übergang.

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Möglicherweise gibt es aber auch keine oder viel geringere Unterschiede. Denn nicht nur Drosten sieht bei den bisherigen Studien zur Infektiösität von Kindern die Einschränkung, dass die Daten nicht unter normalen Umständen zustande gekommen sind.

"Das große Problem bestehender epidemiologischer Studien ist, dass diese fast ausschließlich in der artifiziellen Situation eines ‚Lockdowns‘ inklusive Schulschließungen entstanden sind", sagte die Virologin Isabella Eckerle, im August dem Science Media Center. "Oder sie erfolgten in den vergangenen Monaten, wo die Infektionsinzidenz an vielen Orten sehr gering war. Damit können diese Studien uns keine gute Orientierung für den kommenden Winter geben." Eckerle leitet die Forschungsgruppe emerging viruses in der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Universität Genf.

Jugendliche sind die Problemgruppe

Das RKI geht in seinen Testkriterien für Schulen davon aus, dass Kinder und Jugendliche seltener als Erwachsene betroffen und daher keine Treiber der Pandemie sind. "Mit zunehmendem Alter ähneln Jugendliche hinsichtlich Empfänglichkeit und Infektiosität den Erwachsenen", steht dort allerdings auch.

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Nicht nur die Schulen selbst sind ein Problem, sondern auch überfüllte Busse und Züge auf den Wegen hin und zurück.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch Sandra Ciesek sieht das Problem vor allem bei den älteren Kindern und Jugendlichen. Die Direktorin des Instituts für Virologie am Frankfurter Universitätsklinikum hat eine Studie verfasst, die nahelegt, dass Kindergärten weitgehend unproblematisch sind. "Aber wir haben auch eine andere Baustelle. Nämlich die älteren Kinder, Jugendliche und die jungen Erwachsenen", sagte sie in ihrem NDR-Podcast. "Um diese Gruppe muss man sich nochmal genau kümmern. Hier steigt die Inzidenz sehr, sehr stark an. Das findet sich auch im RKI-Kita-Bericht. Vor allem die 15- bis 20-Jährigen haben in der Inzidenz einen deutlichen Anstieg."

Inzidenzen schwer vergleichbar

In der untenstehenden Grafik sieht man, dass die Inzidenz in der vergangenen Woche in dieser Altersgruppe mit rund 215 besonders hoch war. Dabei muss auch noch berücksichtigt werden, dass die Statistik nur nachgewiesene Ansteckungen aufführt. Junge Menschen sind unterrepräsentiert, da bei ihnen eine Infektion ja sehr oft unbemerkt bleibt. Die neue Teststrategie verstärkt diesen Effekt, die Inzidenz in dieser Altersgruppe könnte also noch wesentlich höher sein.

Drostens These, wonach die Inzidenz in der Eltern-Generation überproportional steigen könnte, weil sie durch ihre Kinder angesteckt werden, bestätigen die Zahlen bisher dagenen nicht.

Früherkennung ohne Tests?

Grundsätzlich sind die Testkriterien für Schulen die gleichen wie sie allgemein gelten. Das RKI schreibt, die vorrangigen Ziele seien neben dem Schutz von vulnerablen Gruppen und Personen, unter anderem den Präsenzunterricht aufrechtzuerhalten sowie Ausbrüche an Schulen zu verhindern, früh zu erkennen und effektiv einzudämmen. Das RKI betont aber auch, dass es nicht darum gehe, alle Infektionen unter Schülern und Lehrer zu finden.

Die große Frage ist jetzt, wie das eine ohne das andere funktionieren soll, wenn symptomatische Erkrankungen bei den Schülern die Ausnahme sind. Viel hängt von der Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter ab. Denn wenn ein Erwachsener eine Infektion meldet, ohne sonst eine Erklärung zu haben, könnte ihn sein Schulkind angesteckt haben.

Nachverfolgung führt selten zur Schule

Das Kind eines infizierten Erwachsenen ist normalerweise eine Kontaktperson der Kategorie eins, hatte also länger als 15 Minuten engen Kontakt unter 1,5 Meter Abstand oder hielt sich mehr als 30 Minuten mit der infizierten Person in einem Raum mit hoher Aerosol-Konzentration auf. Standardvorgehensweise ist hier die Quarantäne bis zu 14 Tagen.

Das Gesundheitsamt interessiert sich wahrscheinlich nur für die Kontakte des infizierten Elternteils. Dass es sich beim Kind angesteckt haben könnte, das wiederum in der Schule infiziert wurde, fällt vermutlich unter den Tisch. So ist es theoretisch möglich, dass ein Schüler seine gesamte Klasse ansteckt und dies bleibt unbemerkt, weil niemand eindeutige Symptome zeigt. Am wahrscheinlichsten ist dies erst bei einer Lehrkraft der Fall, vor allem, wenn sie älter ist. Die RKI-Kriterien sehen auch dann einen Test nicht vor. Wenn bei einem Lehrer oder Schüler eine Infektion nachgewiesen wurde, soll die Klasse in Quarantäne.

Kultusminister beschließen Schulen für sicher zu halten

Dass in diese Richtung nachverfolgt wird, ist umso unwahrscheinlicher, da die Kultusminister der Länder offenbar beschlossen haben, dass Schulen keine Pandemie-Treiber sind, egal wie alt die Schüler sind. So steht im Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) vom 23. Oktober: "Infektionen mit SARS-CoV-2 werden oftmals von Erwachsenen von außen in die Schulen eingetragen. Die Infektionszahlen in den Schulen bewegen sich derzeit bundesweit im Promillebereich und damit auf einem vergleichsweise geringen Niveau. Schulen sind somit im Vergleich zu anderen Lebensbereichen als sichere Orte anzusehen."

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe spricht bei Infektionen an Schulen von "Einzelfällen". Schüler und Schülerinnen der Hansestadt steckten sich viermal häufiger außerhalb der Bildungseinrichtungen an, behauptet er. Fachleute der Schulbehörde hätten in der Schulzeit zwischen den Sommer- und den Herbstferien vom 4. August bis 4. Oktober 2020 bei allen 372 infizierten Schülerinnen und Schülern den Zeitpunkt und die Umstände ihrer Erkrankung genau überprüft.

Massentests bringen neue Erkenntnisse

Kritiker monieren, die Zahlen stammten aus einer Zeit geringer Inzidenzen und seien mit der gegenwärtigen Situation nicht vergleichbar. "Es scheint vor allem dann ein Risiko für Schulausbrüche zu geben, wenn das Gesamt-Infektionsgeschehen in der Bevölkerung zunimmt – genauso wie es gerade in Deutschland der Fall ist", sagt Isabella Eckerle.

Außerdem muss Rabe einräumen, dass asymptomatische Verläufe nicht erfasst werden. Die kürzlichen Massentests an zwei Hamburger Schulen erwähnt Rabe nicht. Vor zwei Wochen wurden laut NDR an einer Schule 1200 Schüler getestet, 55 aus 25 Klassen positiv. Am vergangenen Mittwoch wurde ein weiterer Massentest an einer anderen Schule der Stadt durchgeführt. Der "Hamburger Morgenpost" nach werden 564 Personen nach mehreren positiven Fällen "in allen Klassenstufen sowie bei Lehrkräften" getestet.

Dass die Situation an Schulen alles andere als so eindeutig sicher ist, wie von der KMK gefeiert, zeigt das Beispiel der Clemens-Brentano-Schule im hessischen Lollar. Laut "HNA.de" wurden dort 1200 Schüler getestet, wobei 18 von 60 positiven Ergebnissen auf Schüler der fünften und sechsten Klassen entfielen. Cluster habe es in einer zehnten Realschulklasse und einer Tutorgruppe in der dreizehnten Jahrgangsstufe gegeben, so der Schulleiter. "Ansonsten verteilen sich die Fälle auf die einzelnen Klassen, in denen es in der Regel einen bis drei Fälle gibt."

Leopoldina empfiehlt systematische Tests

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Am kommenden Montag wollen Bund und Länder über mögliche Maßnahmen an Schulen beraten. Auf belastbare Daten können sie ihre Entscheidungen kaum treffen. Es ist weder erwiesen, dass Schulen Pandemie-Treiber sind, noch dass sie sichere Orte sind. Regelmäßige, wissenschaftlich begleitete Massentests an einzelnen Schulen könnten diese Daten möglicherweise liefern. "Systematische Tests auf das Coronavirus" an Bildungseinrichtungen hatten die Leopoldina bereits im August empfohlen. Laut RKI-Testkriterien für Schulen liegen sie bei hohem Infektionsgeschehen ebenso wie Schließungen im Ermessen der Behörden.

Bis wirklich Klarheit herrscht, empfehlen nicht nur Lehrerverbände, die RKI-Empfehlungen einheitlich an allen Schulen zu befolgen. Dazu gehören Gruppenbildungen (Kohortierung) und dem Infektionsgeschehen entsprechend ein Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht sowie verkürzte Schulstunden.

Quelle: ntv.de