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Gefahr von PandemienViren springen ohne besondere Mutationen auf Menschen über

23.03.2026, 15:55 Uhr
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Dass das SARS-CoV-2-Virus vor seinem Sprung zum Menschen nicht stark mutiert ist, spricht laut Forschenden für einen natürlichen Ursprung. (Foto: picture alliance / BSIP)

Eine neue Studie stellt eine zentrale Annahme infrage: Viele gefährliche Viren waren vor ihrem Sprung auf den Menschen doch nicht auffällig und zeigten keine besonderen Mutationen. Somit liegt das eigentliche Risiko für Pandemien ganz woanders.

Sind Pandemien immer das Werk von besonders aggressiven Erregern? Eine neue Studie, die im Fachjournal "Cell" veröffentlicht wurde, stellt diese Vorstellung infrage: Viele der Viren, die zuletzt große Ausbrüche ausgelöst haben, waren vor ihrem Sprung auf den Menschen offenbar genetisch unauffällig, heißt es darin. Entscheidend ist laut den Forschenden etwas anderes - nämlich, wie häufig Menschen mit ihnen in Kontakt kommen.

Das Team um den Mediziner Joel Wertheim von der University of California analysierte die Entwicklung verschiedener Krankheitserreger, darunter Influenza A, Ebola, Marburg, Mpox sowie die Coronaviren SARS-CoV und SARS-CoV-2. Dabei zeigte sich: Vor dem sogenannten Spillover - also dem Übergang vom Tier auf den Menschen - gab es keine auffälligen evolutionären Anpassungen. "Aus evolutionsbiologischer Sicht finden wir keine Hinweise darauf, dass SARS-CoV-2 vor seinem Auftreten im Labor oder in einem Zwischenwirt gezielt angepasst wurde", sagt Wertheim laut Mitteilung der Uni.

Mensch als Risikofaktor

Das widerspricht einer verbreiteten Annahme: Bisher ging man davon aus, dass Viren erst durch spezielle Mutationen in der Lage sind, Menschen zu infizieren und sich unter ihnen zu verbreiten. Die neue Analyse legt jedoch nahe, dass viele Viren diese Fähigkeit bereits besitzen. "Unsere Ergebnisse stellen die Vorstellung infrage, dass Pandemieviren vor ihrem Übergang auf den Menschen evolutionär besonders sind", so Wertheim. Entscheidend sei vielmehr die Exposition: "Was am meisten zählt, ist der Kontakt des Menschen mit einer Vielzahl tierischer Viren."

Damit rückt der Mensch selbst stärker in den Fokus. Faktoren wie intensive Tierhaltung, das Vordringen in natürliche Lebensräume oder der Handel mit Wildtieren erhöhen demnach die Wahrscheinlichkeit solcher Übersprünge erheblich. Pandemien entstehen laut Forschungsteam weniger durch seltene genetische Zufälle, sondern durch Bedingungen, die der Mensch selbst schafft.

Die Studie liefert auch Argumente für die Debatte über den Ursprung der Covid-19-Pandemie. Die Befunde sprächen für einen natürlichen Ursprung, betont Wertheim: "Das Fehlen entsprechender evolutionärer Signale entspricht genau dem, was wir bei einem natürlichen zoonotischen Ereignis erwarten würden - und ist ein weiteres Argument gegen Theorien, die von einer Labor-Manipulation ausgehen."

Ausnahme bestätigt die Regel

Ganz ausschließen wollen die Forschenden Laborunfälle jedoch nicht. In einem historischen Fall fanden sie Hinweise darauf: Die Rückkehr des H1N1-Influenzavirus im Jahr 1977 weist genetische Muster auf, die eher zu im Labor vermehrten Viren passen. "Unsere Ergebnisse liefern neue molekulare Hinweise darauf, dass diese Pandemie durch einen Laborstamm ausgelöst wurde", sagt Wertheim - möglicherweise im Zusammenhang mit einem fehlgeschlagenen Impfversuch.

Für die Prävention künftiger Pandemien ziehen die Forschenden eine klare Schlussfolgerung: Statt ausschließlich auf gefährliche Mutationen zu achten, müsse stärker kontrolliert werden, wie und wo Menschen mit tierischen Viren in Kontakt kommen. "Unser Ziel ist nicht nur, die Vergangenheit zu verstehen, sondern besser auf die Zukunft vorbereitet zu sein", sagt Wertheim. Entscheidend seien Überwachung, Prävention - und die Reduzierung von Gelegenheiten für neue Spillover-Ereignisse.

Quelle: ntv.de, hny

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