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Nicht nur Neuinfektionen zählen Hat Virologe Streeck recht?

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Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, sprach und diskutierte am 13. September auf dem internationalen Festival für Philosophie in Köln über den Umgang mit dem Coronavirus.

(Foto: imago images/Future Image)

Dass Virologe Hendrik Streeck im Umgang mit dem Coronavirus einen Strategiewechsel fordert, schlägt hohe Wellen. Manche feiern ihn als Querdenker, andere schimpfen ihn einen Verharmloser. Genau betrachtet ist er weder das eine noch das andere, sondern ein Diskussionsteilnehmer.

Virologe Hendrik Streeck hat mit einem Interview großes Aufsehen erregt. Denn er fordert einen Strategiewechsel im Umgang mit dem Coronavirus. "Wir dürfen uns bei der Bewertung der Situation nicht allein auf die reinen Infektionszahlen beschränken." Die Zahl der positiv getesteten Menschen steige in Deutschland und Europa zwar an, "gleichzeitig sehen wir aber kaum einen Anstieg der Todeszahlen", sagte er der "Welt am Sonntag".

Weiter sagte er: "Je mehr Menschen sich infizieren und keine Symptome entwickeln, umso mehr sind - zumindest für einen kurzen Zeitraum - immun. Sie können zum pandemischen Geschehen nicht mehr beitragen." Für diese Sätze wird er von "Querdenkern" als einer der ihren gefeiert, wofür er wiederum von anderen als Verharmloser oder Vordenker der Corona-Leugner beschimpft wird. Doch weder das eine noch das andere stimmt, Streeck ist gar nicht so weit weg von Drosten & Co.

Streecks Problem ist, dass das Interview verkürzt an die Agenturen gegeben wurde. So wurde er zwar im Wortlaut korrekt zitiert, aber die Sätze sagte er auf unterschiedliche Fragen und erklärende Ergänzungen fielen unter den Tisch. Liest man sich das Interview in der kompletten Länge (Paywall) durch, zeigt sich, dass Streeck grundsätzlich mit seinen Virologen-Kollegen und den meisten Epidemiologen oder Hygienikern einig ist, aber manche Dinge anders interpretiert. Und das ist im wissenschaftlichen Diskurs nicht nur legitim, sondern essenziell.

Streeck befürwortet AHA-Regeln

Wie auch in der knappen Ausführung des Interviews erwähnt, ist Streeck der Meinung, Infektionen sollten grundsätzlich verhindert werden. Und zur Enttäuschung der Querdenker befürwortet der Virologe dafür - wie die große Mehrheit der Wissenschaftler - die AHA-Regeln: Abstand halten, auf Hygiene achten und Alltagsmasken tragen. Er sieht ihren Nutzen nicht nur darin, Infektionen zu vermeiden. Er geht davon aus, dass die Menge der Viren, die ein Mensch aufnimmt, eine wichtige Rolle dabei spielt, ob er sich überhaupt ansteckt oder wie stark er erkrankt. Das sehen auch andere Wissenschaftler so. Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek verweist hier auf eine kürzlich veröffentlichte Hypothese der University of California in San Francisco.

"Diese Grundlage hatte bereits Robert Koch begründet", sagt Streeck. "Für Sars-CoV-2 wissen wir es noch nicht hundertprozentig, aber es gibt diverse Indizien, die dafür sprechen, und es gibt keinen Grund, warum es sich anders verhalten sollte. Abstand halten, Maske tragen, das erreicht die Reduzierung der Infektionsdosis. Die Infektionszahlen insgesamt steigen, aber die Betten bleiben leer. Die Hygiene wird eine Rolle dabei spielen."

*Datenschutz

Covid-19-Patienten belegen tatsächlich immer seltener Betten in den Krankenhäusern. Laut RKI wurden Mitte April deutschlandweit noch rund 2700 Fälle intensivmedizinisch behandelt, bereits im Mai waren es nur noch halb so viele Patienten. Im Juni lagen 425 an Covid-19 erkrankte Menschen auf Intensivstationen, einen Monat später 248, Mitte August 230, am 11. September waren es 220. Im gleichen Zeitraum halbierte sich die Zahl der hospitalisierten Patienten von mehr als 17.000 in der 14. Kalenderwoche auf zuletzt rund 8500. Noch krasser ist der Rückgang der Todesfälle. In der Woche vom 13. April starben 1208 Patienten an Covid-19, drei Monate später nur noch 33, in der vergangenen Woche waren es weniger als 10.

"Werde Virus nie verharmlosen"

Streeck hält das Virus deswegen nicht per se für harmlos und hält auch nichts von den immer wieder vorgebrachten Grippe-Vergleichen. Auch eine Infektionssterblichkeitsrate (IFR) von 0,4 Prozent, wie in seiner Heinsberg-Studie ermittelt, sei hoch, sagt er, "mindestens viermal höher als die der saisonalen Grippe". Das Coronavirus sei ein ernst zu nehmendes Virus, das er nie verharmlosen werde. Der Bonner Wissenschaftler hält daher rückblickend auch den Lockdown im März für richtig und er lobt Jens Spahn - eine Hassfigur der "Querdenker". Der Gesundheitsminister mache derzeit einen guten Job, "zum Beispiel, indem er interdisziplinäre Beraterrunden abhält", sagt Streeck.

Das Virus dürfe aber auch nicht überdramatisiert werden, warnt er. "Alarmistische Äußerungen" zu Beginn der Pandemie, die vor "apokalyptischen Sterbezahlen mit exponentiellem Anstieg" gewarnt hätten, seien nicht eingetroffen. Wie andere Wissenschaftler sieht er für die deutlich gesunkene Sterblichkeitsrate mehrere Gründe - "von vielen sehr sensitiven Tests bis hin zu einer hohen Infektionsrate unter jüngeren Menschen".

Er zieht aus dieser Entwicklung allerdings teilweise andere Schlüsse als andere Wissenschaftler. Dass man weniger sensitive PCR-Tests und stattdessen mehr ungenauere, aber schnellere Antigen-Test durchführen soll, gehört dabei nicht zu seinen umstrittenen Forderungen. Das Gleiche sagen unter anderem Christian Drosten und seine Virologen-Kollegen Jonas Schmidt-Chanasit und Alexander Kekulé. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist da mit Streeck völlig d'accord.

"Blöde Zuspitzung"

Widerspruch erhält Streeck aus der Wissenschaft für diese Aussage: "Und wir dürfen uns bei der Bewertung der Situation nicht allein auf die reinen Infektionszahlen beschränken." Allerdings kritisieren andere Forscher nicht die Gültigkeit seiner Aussage, sondern dass er den Eindruck erweckt, sie würden dies tun. So schreibt Virologin Beate Sodeik von der Medizinischen Hochschule Hannover auf Twitter, die Aussage Streecks sei "eine "blöde Zuspitzung", die auch nicht mehr stimme.

Und daher gibt es auch kaum Kritik an seinen Vorschlägen, zusätzlich zu den Neuinfektionen weitere Faktoren bei der Beurteilung der Pandemie-Lage heranzuziehen: "Das sind stationäre Belegung, intensivmedizinische Belegung und die Anzahl der Tests, die es braucht, einen Corona-positiven Menschen zu finden." Streeck ist auch nicht der erste Fachmann, dem das eingefallen ist. Beispielsweise sagte bereits Mitte August der Epidemiologe Gérard Krause dem RND, "das alleinige Schauen auf Infektionszahlen ist problematisch". Die Entwicklung der schweren Covid-19-Verläufe und der Todesfälle seien die entscheidenden Kriterien.

Redet er von Herdenimmunität?

Mehr Gegenwind erhält Streeck für seine These, dass viele infizierte Menschen ohne Symptome immun seien und damit nicht mehr zum pandemischen Geschehen beitrügen. Einige seiner Kollegen legen das so aus, dass er damit die sogenannte Herdenimmunität propagiert, obwohl er voranstellt, man solle die Ausbreitung des Virus nicht forcieren. Seine Argumentation ergibt für eine "Durchseuchung" auch keinen Sinn. Denn Streeck spricht nur von asymptomatischen Fällen, die vorkommen, aber kaum die Regel sind.

Diese seien sehr schwer abzugrenzen, je nach Studienansatz schwanke die Zahl der ermittelten asymptomatischen Verläufe zwischen 6 und 50 Prozent, sagte Sandra Ciesek im NDR-Podcast. Sie stimmt Streeck zu, dass es fraglich sei, ob solche Infizierten überhaupt ansteckend sind. Ciesek weist aber darauf hin, dass auch das Gegenteil bisher nicht bewiesen sei.

Auf Twitter hat die Frankfurter Virologin eine Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie (GfV) zur Entwicklung eines Impfstoffs verlinkt, in dem diese darauf verweist, dass eine Immunantwort nach einem milden Verlauf von Covid-19 vermutlich nur schwach ausfalle und "die unkontrollierte natürliche Infektion keine gute Immunisierungsstrategie" sei.

Was passiert langfristig?

Und Lauterbach wird nicht müde, auf eine andere große Schwachstelle in der Theorie der Herdenimmunität hinzuweisen, die auch Schweden zum Verhängnis wurde. Mit Blick auf die Entwicklung in Spanien oder Südfrankreich warnt er davor, dass eine wachsende Zahl von infizierten jungen Menschen zwangsläufig auch mehr Ansteckungen in Risikogruppen nach sich ziehe.

Schließlich stellt Streeck die These auf, Langzeitschäden bei jungen Menschen seien sehr selten. Hier gibt es aktuell viele Studien, die sich teilweise widersprechen. Erst kürzlich fand eine Innsbrucker Forschergruppe heraus, dass sich auch bei älteren Patienten nach einem schweren Verlauf langfristig Herz und Lunge erholen könnten. Allerdings gibt es auch zahlreiche Erkenntnisse, die auf langfristige Folgen einer Covid-19-Erkrankung hindeuten. Unter anderem gibt es Hinweise darauf, dass wie bei anderen Viruserkrankungen das chronische Erschöpfungssyndrom (Fatigue) eine Folge sein kann.

"Die Diskussion muss man jetzt führen"

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Streeck hat recht, wenn er sagt, kein Politiker, Virologe oder Epidemiologe kenne den einen richtigen Weg im Umgang mit der Pandemie. Man müsse ausprobieren und Fehler machen dürfen, sagt er. "Aus Fehlern lernt man und weiß, welche Stellschrauben effektiv sind und welche nicht." Und in der Wissenschaft gehören unterschiedliche Meinungen und Interpretationen zum Erkenntnisgewinn dazu.

Lauterbach schreibt, aus seiner Sicht sei es richtig, die Zahl der Fälle weiter zum Schwerpunkt in der Pandemie-Bekämpfung zu machen, nicht die Zahl der Toten oder der Krankenhauseinweisungen. "Aber die Diskussion muss man jetzt führen. Da stimme ich Hendrik Streeck zu."

Quelle: ntv.de