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PCR-Kapazitäten ausgeschöpft Sind Schnelltests ein Weg aus der Test-Krise?

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In Bolivien kommen Antigen-Schnelltests schon zum Einsatz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Testkapazitäten im Kampf gegen Corona stoßen in Deutschland an ihre Grenzen. Zudem ist das eingesetzte PCR-Verfahren oft zu langsam, um im Ernstfall rechtzeitig reagieren zu können. Antigen-Schnelltests könnten ein Ausweg sein. Experten fordern sie, die Politik zögert noch.

Tests sind derzeit das wichtigste Instrument, um die Corona-Pandemie im Griff zu halten. Doch während es noch im Juni hieß, Deutschland nutze die zur Verfügung stehenden Kapazitäten nicht aus, stößt man jetzt an deren Grenzen. Und es wird immer deutlicher, dass die bisher eingesetzten PCR-Tests zu aufwendig und zu teuer sind und sich nicht für jeden Zweck eignen. Experten plädieren daher für Schnelltests und einen effizienteren Einsatz der PCR-Ressourcen.

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Die Covid-19-Tests an den Flughäfen haben Berlin seine Kapazitätsgrenzen aufgezeigt.

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Wie knapp die Test-Ressourcen in Deutschland schon sind, zeigt die Tatsache, dass die Berliner Gesundheitsministerin Dilek Kalayci einräumen musste, dass die Testkapazitäten der Stadt durch die Reiserückkehrer so gut wie erschöpft sind. "Wir sind jetzt bei 93 Prozent", so die SPD-Politikerin. Hinzu komme die Information durch die Labore, dass die Knappheit von Verbrauchsmaterialien die Testkapazitäten weiter einschränken werde.

Charité-Virologe Christian Drosten empfahl ihr deshalb, die kostenlosen Tests an den Flughäfen wieder einzustellen. Schon jetzt könne die Diagnostik im Rahmen der geplanten Testung von Pflegepersonal in Alten- und Pflegeheimen nicht durchgeführt werden, schrieb er laut "Tagesspiegel" an Kalayci. Und nachdem das Thema in der Gesundheitsminister-Konferenz besprochen wurde, verkündete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auch tatsächlich eine Neuregelung nach dem Ende der Sommerferien.

Rückstau und verlängerte Bearbeitungszeiten

Dass man schon früh viel testen konnte, ist ein Grund dafür, dass Deutschland die erste Phase der Corona-Pandemie vergleichsweise glimpflich überstanden hat. Und die PCR-Kapazitäten schienen zunächst unerschöpflich zu sein. Mitte Mai wurden wöchentlich rund 380.000 Tests pro Woche durchgeführt, obwohl ein Mehrfaches möglich gewesen wäre - rund eine Million wurde geschätzt. Doch nachdem das Robert-Koch-Institut (RKI) die Kriterien heruntergeschraubt und präventive Tests eingeführt hatte, stieg das Aufkommen kontinuierlich an. In der ersten August-Woche waren es bereits 730.000 Tests, in der Folge-Woche 875.000.

Laut RKI stieg zwar parallel auch die Kapazität auf über 1,2 Millionen mögliche Tests pro Woche. Doch zuletzt gaben 64 Labore einen Rückstau von insgesamt mehr als 17.000 Testungen an. Grundsätzlich verlängerten sich mit den steigenden Probenzahlen die Bearbeitungszeiten, schreibt das RKI. Deswegen könnten Betroffene und Gesundheitsämter zu spät informiert werden, was letztendlich zu Verzögerungen bei Infektionsschutzmaßnahmen führen könne.

PCR-Kapazitäten müssen effizienter eingesetzt werden

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Die Testlabore kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher.

(Foto: picture alliance/dpa)

Aber nicht nur die Kapazitätsgrenzen der PCR-Tests sind bald erreicht. Man erkennt jetzt auch, dass die Methode für Szenarien, die in den kommenden Monaten immer wichtiger werden, nicht geeignet ist. PCR-Tests sind im Prinzip immer dann Ressourcenverschwendung, wenn es darum geht, schnelle Ergebnisse zu erzielen oder wenn vorbeugend getestet werden soll. Die Auswertung ist zu aufwändig und dauert damit zu lange. Außerdem sind die Tests teuer.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach empfiehlt daher, bei den Testungen Prioritäten zu setzen. Das RKI müsse neue Empfehlungen für die Gesundheitsämter vorbereiten, die sich auf die Bekämpfung von Corona-Clustern konzentrieren und bei Reiserückkehrern Tests durch einwöchige Kurz-Quarantänen ersetzen, wie es auch Drosten vorgeschlagen habe, schreibt er auf Twitter. "Es ist sicher falsch, den Herbst alleine mit Standard-PCR-Tests durchtesten zu wollen. Dazu reichen die Kapazitäten nicht."

Das sieht auch Michael Müller so, der Vorstandschef des Verbands Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM). Testkapazitäten sollten vor allem dafür genutzt werden, kurzfristige regionale Spitzenbedarfe abzudecken, sagte er der "Ärztezeitung". Oberhalb von 80 Prozent der Testkapazität seien daher "Stoppschilder" zu sehen. Es sollten nur Tests durchgeführt werden, die medizinisch notwendig und im Sinne einer guten Prävention nützlich sind. Man sollte nicht jeden Politiker-Wunsch erfüllen, so Müller. "Politiker sind keine Epidemiologen."

Pooling bündelt Tests

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Pooling spart Test-Kapazitäten, indem mehrere Proben gemeinsam analysiert werden.

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Eine weitere Möglichkeit, PCR-Kapazitäten effizient einzusetzen, besteht darin, bei Massentests von symptomfreien Menschen das sogenannte Pooling anzuwenden. Dabei wird nicht jeder Test einzeln im Labor geprüft, sondern mehrere Proben einer identifizierbaren Gruppe gemeinsam ausgewertet. Fällt der Test negativ aus, sind alle negativ. Bei einem positiven Ergebnis geht die gesamte Gruppe für eine Woche in Quarantäne, ohne Zeit und Ressourcen durch weitere Tests zu verschwenden.

Auch das RKI hält das Pooling für eine gangbare Alternative, laut dem jüngsten Bericht zur Optimierung der Laborkapazitäten aber erst dann, wenn die PCR-Kapazitäten über einen längeren Zeitraum mindestens zu 95 Prozent ausgelastet sind. Außerdem sollen Einzel-Proben aufbewahrt werden, um gegebenenfalls individuelle Testergebnisse nach einem positiven Pooling-Befund erhalten zu können. Dass die Methode grundsätzlich gut funktioniert, hat die Frankfurter Goethe-Universität schon im März belegt.

Experten fordern Schnelltests

Ein effizienterer Einsatz der PCR-Kapazitäten ist aber nicht alles, was getan werden kann, um im Herbst eine Test-Krise abzuwenden. Lauterbach und andere Experten fordern auch die Einführung von Schnelltests. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Methoden: Schnelltests, die auf Erbinformationen des Virus (RNA) anspringen, und Antigen-Tests.

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Karl Lauterbach plädiert als Wissenschaftler und Politiker für Corona-Schnelltests.

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PCR-Schnelltests laufen grundsätzlich wie herkömmliche PCR-Tests ab, bei denen RNA in Nasen- oder Rachenabstrichen gesucht wird. Aber die Probe wird nicht an ein Labor geschickt, sondern vor Ort in einer Art transportablem Mini-Labor ausgewertet. Diese sind etwa PC-groß und könnten beispielsweise in Apotheken aufgestellt werden, sagte Virologe Alexander Kekulé in seinem jüngsten MDR-Podcast. Ebenso könne man sie in Firmen, bei Veranstaltungen oder beispielsweise auch in der Bundesliga einsetzen.

Ähnlich groß sind Maschinen, die Speichelproben nach der LAMP-Methode auf das Erbgut des Coronavirus untersuchen. Lauterbach zufolge liefern sie Ergebnisse in 70 Minuten. Der LAMP-Test sei "fast so genau wie der PCR-Test, sehr viel schneller und sehr viel billiger", sagte er in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz".

Und schließlich gibt es Antigen-Tests. Dabei wird nicht Erbgut (RNA) wie beim PCR- oder LAMP-Test nachgewiesen, sondern die Proteinhülle des Virus. Die einfachsten seien Diffusions-Tests und funktionierten ähnlich wie Schwangerschaftstests, erklärt Kekulé. Etwas genauer arbeiteten Antigen-Tests, die ein Fluoreszenzsignal auswerteten. Dafür bräuchte man aber wieder zusätzliche Geräte mit UV-Lampen.

Schnelltests müssen gar nicht so genau sein

Eigentlich haben diese Schnelltests das Problem gemeinsam, dass sie ungenauer als die Standard-PCR-Methode sind. Die schlechtesten sind zu 80 Prozent zuverlässig, schätzt Kekulé. Doch das ist nicht unbedingt ein Nachteil, wenn es um Geschwindigkeit geht. "Der entscheidende Punkt ist die Infektiösität: Nur wenn ich sehr viel Virus habe, bin ich auch infektiös und eben auch eine Gefahr", sagte Virologe Jonas Schmidt-Chanasit bei "Markus Lanz". "Beim PCR-Test werden kleinste Mengen angezeigt, die vollkommen irrelevant sind. Die können sie noch drei Wochen nach der Erkrankung nachweisen. Der ist aber nicht infektiös."

Er sei sich mit Drosten einig, dass man eine Grenze festlegen müsse, sagte Schmidt-Chanasit. Ein Test, der bei einer nicht relevanten Viruslast nicht anschlage, sei sogar besser, ergänzte Lauterbach. Auch eine Studie der Harvard-Universität kommt zu dem Ergebnis, dass die Geschwindigkeit wichtiger als die Genauigkeit ist.

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Während sich die Wissenschaftler bei der Frage der Schnelltests recht einig scheinen, ist die Politik in Deutschland noch zurückhaltend. Obwohl verschiedene Methoden in Großbritannien, den USA und anderen Ländern schon zugelassen sind oder sich in späten Testphasen befinden, erwartet Lauterbach hierzulande erst im kommenden Jahr Antigen-Tests in "geeigneter Menge". Auch das RKI hat es nicht eilig. Es verweist (Stand: 8. August) auf eine Empfehlung der WHO vom 8. April, die von Antigen-Tests aufgrund der frühen Entwicklungsphase und derzeit nur unzureichend beurteilbarer Leistungsfähigkeit von einem Einsatz außerhalb von Forschungsprojekten abrät. So dürfen auch Apotheken derzeit keine importierten Antigen-Tests verkaufen.

Kekulé hat für den zögerlichen Umgang mit Schnelltests noch eine weitere Erklärung: Die Industrie, die die großen Maschinen für die Laborzentren herstellten, verdienten daran nicht Millionen, sondern Milliarden. "Ich darf das so frech sagen, ich bin selber Laborarzt." Und auch die Laborärzte gehörten zu den großen Covid-19-Profiteuren, sagt Kekulé. Er wolle niemandem unterstellen, seine Interessen vor die der Allgemeinheit zu stellen. Aber im Interesse der Allgemeinheit wäre es, einen Test zu haben, den jeder selber machen kann. Dafür brauche es auch die Unterstützung des Staates. Und Deutschland, das Virologen wie Christian Drosten habe, könne durchaus eigene Kapazitäten für Schnelltests aufbauen.

Quelle: ntv.de