Zweifel an bisherigen RKI-ZahlenIntensivmediziner Uwe Janssens rechnet mit deutlich mehr Hitzetoten

Die extreme Sommerhitze fordert in diesem Jahr laut Robert Koch-Institut bereits Tausende Menschenleben. Die bisher kommunizierten Zahlen bilden "nicht die gesamte Dramatik" ab, warnt DIVI-Geschäftsführer Uwe Janssens. Eine bestimmte Gruppe sieht der Arzt besonders gefährdet
Uwe Janssens, der medizinische Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), hält die RKI-Schätzung von rund 12.500 hitzebedingten Todesfällen in diesem Sommer für zu niedrig. "Es sind sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr", sagte der Intensivmediziner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Viele Fälle würden nicht als hitzebedingt erfasst, weil auf Totenscheinen etwa Organversagen stehe. Er gehe deshalb davon aus, dass die Zahlen des Robert Koch-Instituts "nicht die gesamte Dramatik abbilden". Besonders gefährdet seien alleinlebende ältere Menschen mit Vorerkrankungen.
"Ich bin, auch als Bürger, extrem verstört über die Tatenlosigkeit der Bundes- und Landesregierungen", sagte Janssens. Er fordert einen verbindlichen nationalen Hitzeschutzplan und mehr Geld für den Hitzeschutz in Kliniken. Zudem brauche es mehr Nachbarschaftshilfe, psychosoziale Unterstützung und Netzwerke, um gefährdete Menschen bei Hitzewellen frühzeitig zu erreichen. In Frankreich etwa kontaktierten Kommunen registrierte vulnerable Personen aktiv. In Deutschland hingegen "sterben Menschen nicht nur an der Hitze, sondern letztlich auch an gesellschaftlicher Vernachlässigung", sagte Janssens.
Das RKI schätzt, dass die Hitze in Deutschland vom 6. April bis zum 2. August zu rund 12.500 Todesfällen geführt hat. Besonders viele Tote gab es demnach während der Hitzewelle vom 22. bis 28. Juni: Für diese Woche geht das RKI von rund 9600 hitzebedingten Todesfällen aus. Dem RKI räumte selbst bereits ein, dass es eine konservative Schätzung sei, die nachträglich noch korrigiert werden könnte.
Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ist eine medizinische Fachgesellschaft. Sie vereint Ärzte, Pflegekräfte und Wissenschaftler, die in der Intensivmedizin und Notfallmedizin arbeiten.
Unterstützung kommt von Patientenschützer Brysch
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat sich bereits dafür ausgesprochen, dass Hitze als Todesursache auf Totenscheinen vermerkt wird. "Den Folgen des Klimawandels muss endlich ein Gesicht gegeben werden", sagte Vorstand Eugen Brysch der "Rheinischen Post". Er verwies darauf, dass die Zahl der Hitzetoten durch das RKI derzeit "mithilfe von statistischen Modellrechnungen und Künstlicher Intelligenz" berechnet werde. Die genauen Zahlen blieben aus Sicht von Brysch unklar.
Nötig sei es deshalb, "hitzebedingte Todesfälle auf dem Totenschein als Todesursache zu vermerken", sagte Brysch. "Ebenso muss festgehalten werden, ob der Hitzetod im Krankenhaus, Pflegeheim oder zu Hause eingetreten ist." Nur so würden "die Konsequenzen einer auf die klimatischen Veränderungen unvorbereiteten Regierung schonungslos offengelegt":
RKI berechnet Übersterblichkeit
Hitze an sich führt sehr selten unmittelbar zum Tod. In den meisten Fällen ist es eine Kombination aus hohen Temperaturen und bereits bestehenden Vorerkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungen- oder Nierenerkrankungen, die zum Tod führt. Auch deshalb wird Hitze auf dem Totenschein bisher nicht als Todesursache angegeben und taucht damit auch nicht in der Todesursachenstatistik auf.
Das Ausmaß hitzebedingter Sterbefälle wird durch das RKI mit Hilfe von statistischen Methoden durch den Vergleich der Zahl von Sterbefällen in Sommerwochen mit und ohne Hitze berechnet. Daraus ergibt sich die sogenannte Übersterblichkeit - also, dass in einem bestimmten Zeitraum mehr Menschen sterben, als normalerweise zu erwarten wäre.