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Sprunghafter Anstieg der Fälle Neues Virus - Grund zur Panik?

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Reisende aus Wuhan werden am Flughafen in Tokio mit Wärmebildkameras auf Anzeichen von Fieber untersucht.

(Foto: imago images/Kyodo News)

Ein zuvor unbekanntes Virus hält die Welt in Atem: Zuletzt vervielfacht sich die Zahl der bestätigten Fälle in China. Auch in anderen Ländern Asiens und sogar in den USA gibt es bereits Erkrankte. Doch was sagt diese Entwicklung wirklich aus?

Zum Jahreswechsel tauchen hierzulande erstmals Berichte über Fälle einer bis dahin mysteriöse Lungenkrankheit in der chinesischen Millionenstadt Wuhan auf. Von rund 30 Erkrankten ist zunächst die Rede. Sie leiden unter Fieber und Atemnot. Einige der Patienten sind Händler und Verkäufer auf einem Fisch- und Geflügelmarkt, der als Ausgangsort der Infektionen gilt. Mehr als eine Woche später wird bei 41 Erkrankten ein bisher unbekanntes Virus nachgewiesen. Es erhält den Namen 2019-nCoV.

"CoV" steht für Coronavirus - eine Familie von Erregern, zu der auch der Auslöser der Sars-Pandemie in den Jahren 2002 und 2003 zählt. Diese hatte fast 8000 Infizierte und 800 Tote zur Folge. Doch davon ist die Coronavirus-Epidemie in Wuhan zunächst weit entfernt. Die Zahl der Fälle bleibt tagelang stabil - bis zum vergangenen Wochenende.

Am Sonntag ist erstmals von 62 Fällen die Rede, einen Tag später sind es bereits 200 Fälle. Dann korrigieren sich die chinesischen Behörden erneut: rund 300 bestätigte Fälle. Mittlerweile sind es sogar 440 Infizierte. Auch in Thailand, Taiwan, Japan und Südkorea wird bei Menschen das Virus nachgewiesen. Neun Todesopfer sind bereits zu beklagen. Am Dienstagabend wird der erste Coronavirus-Fall in den USA bekannt.

Doch wie kam es zu diesem plötzlichen, rasanten Anstieg der Zahl der Infizierten? Hat sich 2019-nCoV schlagartig ausgebreitet? Oder steckt hinter dem sprunghaften Anstieg etwas anderes?

WHO gibt Hinweis auf Grund für Anstieg

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte bereits am Sonntag auf Twitter eine Einschätzung zu den zu diesem Zeitpunkt 139 neuen Fällen gegeben. Diese seien Resultat einer "verstärkten Suche und Tests nach 2019-nCoV bei Menschen, welche an Erkrankungen der Atemwege leiden", schreibt die WHO. Dieser Einschätzung schließt man sich auch beim deutschen Robert-Koch-Institut (RKI) an: "Die verstärkte Suche hat sicherlich einen Einfluss für den starken Anstieg der bestätigten Fälle", sagte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher gegenüber ntv.de. Die Gesundheitsbehörde in Wuhan teilte zugleich mit, dass sie das Screening von verdächtigen Fällen von Lungenentzündungen ausgeweitet habe.

Gegen eine schlagartige Eskalation der Lage spricht zudem, dass 2019-nCoV sich laut dem RKI offenbar nicht leicht von Mensch zu Mensch überträgt, wie es bei Grippeviren der Fall ist. Vielmehr komme es nur in ganz bestimmten Ausnahmefällen dazu. Andernfalls würde sich auch eine "andere Ausbreitungsdyamik" zeigen, so RKI-Sprecherin Glasmacher. Etwa würden auch im Ausland neue Fälle auftreten. Die bisher bestätigten Infizierten hatten sich jedoch vorher alle in Wuhan aufgehalten, so auch die beiden in Thailand bestätigten Betroffenen und der Infizierte in den USA.

Import nach Deutschland nicht ausgeschlossen

Die Gefahr einer Ausbreitung der Erkrankung nach Deutschland schätzt das RKI laut seiner jüngsten Erklärung (Stand 21.01.2020) weiterhin als gering ein - wobei es den "Import einzelner Fälle" nicht ausschließen will. Und selbst wenn ein Infizierter, etwa mit dem Flugzeug, nach Deutschland gelangen sollte, sind laut RKI-Vizepräsident Lars Schaade "fortgesetzte Infektionsketten", also die anschließende Übertragung von Mensch zu Mensch, nach derzeitigem Stand unwahrscheinlich.

Das Bundesgesundheitsministerium schätzt die Gefahr für Deutschland ebenfalls als gering ein. "Trotzdem beobachten wir die Situation in China natürlich aufmerksam", sagte ein Sprecher des Ministeriums. Chinesische Behörden halten eine Ausbreitung wie bei der Sars-Pandemie vor 17 Jahren ebenfalls für unwahrscheinlich.

Dennoch: Das RKI betont, dass sich die Einschätzung der Lage aufgrund neuer Erkenntnisse kurzfristig ändern könnte. Eine Sorge ist etwa, dass sich das neue Virus in den kommenden Tagen noch deutlich stärker ausbreiten könnte, gehen doch zum Neujahresfest Hunderte Millionen Chinesen auf Reisen.

Die WHO will sich am heutigen Mittwoch in einer Krisensitzung mit dem Erreger befassen, der Atemwegserkrankungen verursacht. Sollte sie einen internationalen Gesundheitsnotstand ausrufen, empfiehlt die UN-Behörde damit schärfere Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche. Dazu können unter anderem Grenzkontrollen und das Einrichten spezialisierter Behandlungszentren gehören. Derzeit empfiehlt die WHO keinerlei Reise- oder Handelsbeschränkungen.

Quelle: ntv.de