Studie sieht ein HauptproblemPlatzt der Traum von einer großen Mondbesiedlung?

Jeff Bezos und andere Unternehmer schwärmen von Metropolen auf dem Mond. Zwei Forscher rechnen jetzt nach und kommen zu einem ernüchternden Ergebnis: Selbst unter besten Bedingungen wären die Vorräte an Wasser erstaunlich schnell erschöpft.
Millionenstädte, Schwerindustrie und KI-Rechenzentren auf dem Mond - Unternehmer wie Amazon-Gründer Jeff Bezos propagieren seit Jahren solche Pläne zur Besiedelung des Erdtrabanten. Wiederverwendbare Raketen machen die Reise zum Mond bezahlbar - und an den Polen des Mondes gibt es ausreichend Wasser, um Menschen und Industrie zu versorgen.
Oder doch nicht? Im Fachblatt "Frontiers in Space Technologies" verpassen zwei Mondexperten diesen Visionen jetzt einen herben Schlag: Das Wasser auf dem Mond könne, so die Wissenschaftler, selbst unter optimistischen Annahmen eine Millionenstadt lediglich für etwa 120 Jahre versorgen.
"Die Entdeckung von Wasser in dunklen Kratern an den Mondpolen hat geradezu einen Mondrausch ausgelöst", erklärt Martin Elvis vom Smithsonian Astrophysical Observatory in den USA. Plötzlich schien es möglich, auf dem Mond nicht nur Forschungsstationen zu errichten, sondern ganze Städte zu bauen und damit auch Industrie von der Erde zum Mond auszulagern.
Wie viel Wasser liegt auf dem Mond?
Es war die Mondsonde Clementine, die 1994 erste Hinweise auf Eis, also gefrorenes Wasser, an den Mondpolen lieferte. Da die Rotationsachse des Mondes nur um 1,5 Grad geneigt ist - die Achse steht also fast senkrecht auf der Bahn des Erde-Mond-Systems um die Sonne -, steht die Sonne, von den Mondpolen aus betrachtet, stets unmittelbar am Horizont. Dadurch liegen viele Regionen im Inneren von Kratern im ewigen Schatten.
In solchen dunklen Regionen, die bereits seit zwei bis drei Milliarden Jahren existieren, herrschen permanent Temperaturen von etwa minus 200 Grad Celsius. Dort hat sich über die Jahrmilliarden Wassereis angesammelt, das von Kometen und Meteoriten zum Mond gebracht wurde. Messungen mehrerer weiterer Sonden bestätigten die Existenz von Wasser in den oberen Bodenschichten im ewigen Schatten. Aber wie viel Wasser dort insgesamt vorhanden ist, ist bislang unklar. Die Schätzungen schwanken zwischen 30 Millionen und einer Milliarde Tonnen.
Das klingt zunächst nach viel - aber für eine dauerhafte Besiedelung mit einer großen Zahl von Menschen reicht es dennoch nicht aus, wie Elvis und sein Kollege Jonathan McDowell ausrechnen. Im Durchschnitt verbraucht eine einzige Person in den USA 125 Tonnen Wasser pro Jahr. In Deutschland liegt dieser Wert etwa bei 50 Tonnen. Aber das ist nur der Verbrauch für Trinkwasser und Hygiene. Noch stärker ins Gewicht fällt der Wasserverbrauch für die Erzeugung von Nahrungsmitteln, denn eine Belieferung von der Erde wäre für eine große Bevölkerung viel zu teuer. Pro Person und Jahr sind für die Ernährung etwa 500 Tonnen Wasser nötig.
Nach 120 Jahren könnten Wasservorräte erschöpft sein
Natürlich muss das Wasser auf dem Mond - im Gegensatz zur Situation auf der Erde - nicht als Abwasser verloren gehen. Auf dem Mond können und müssen geschlossene Systeme das Wasser wiederverwerten. Aber selbst die besten Recycling-Systeme sind nicht perfekt. Als "Gold Standard" gilt unter Experten das Wasser-Recycling auf der Internationalen Raumstation ISS: Pro Tag gehen hier lediglich zwei Prozent des Wassers durch winzige Lecks, unvollständige Rückgewinnung aus Abfällen oder durch die Luftschleusen verloren. Selbst bei optimalem Recycling muss also permanent neues Wasser in das System eingespeist werden.
"Es würde 120 Jahre dauern, bis eine Million Menschen eine Milliarde Tonnen Wasser verbraucht haben", stellen Elvis und McDowell ausgehend von diesen Zahlen fest. Mit Blick auf die notwendigen Investitionen für eine Besiedelung des Erdtrabanten sehen die beiden Forscher die Pläne daher als "nicht nachhaltig" an. Die vorhandenen Vorräte an Wasser setzen "eine Grenze von einigen hunderttausend Personen für die langfristige Mondpopulation", so die Forscher. Und selbst das nur unter der optimistischen Bedingung, dass es tatsächlich eine Milliarde Tonnen an Wasser an den Polen des Mondes gibt.