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Endspurt der Kometen-Mission "Rosetta hat alle Theorien infrage gestellt"

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Rosetta dokumentierte die aktive Phase von Komet Tschuri - und wie er sich dadurch veränderte.

(Foto: EPA/ESA/Rosetta/NAVCAM - CC BY-SA IGO 3.0)

Die Raumfahrt schrieb Geschichte, als sich Landegerät Philae im November 2014 von der ESA-Raumsonde Rosetta abkoppelte und auf Komet Tschurjumow-Gerassimenko aufsetzte - mehr als 500 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Seither erreichen uns von dort sagenhafte Bilder und wegweisende wissenschaftliche Daten. Jetzt steht die Mission vor dem Abschluss. Paolo Ferri, Leiter des ESA-Missionsbetriebs, erzählt im Gespräch mit n-tv.de von den Highlights der Weltraum-Expedition, spricht von Theorien, die verworfen werden mussten, und verrät, warum es Vorteile hatte, dass Philae davongehüpft ist.

n-tv.de: Was waren die Höhepunkte der Rosetta-Mission?

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20. Januar 2014: Im europäischen Raumfahrt-Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt ist die Freude groß, als Rosetta aus dem Winterschlaf erwacht.

(Foto: ESA-Jürgen Mai)

Paolo Ferri: Es gab so viele! Es war eine lange Mission, zwölfeinhalb Jahre dauerte die Reise. Eines der Highlights war auf jeden Fall, als Rosetta Anfang 2014 nach einem langen Winterschlaf aufgewacht ist. Das war einmalig in der Mission. Bis dahin hatten wir auf der Erde zweieinhalb Jahre kein Signal von der Sonde empfangen.

Wie weit war Rosetta damals von der Erde entfernt?

Rund 800 Millionen Kilometer. Das Signal brauchte etwa 45 Minuten, um uns zu erreichen.

Die nächsten Highlights ließen nicht lange auf sich warten, oder?

Nein, wenige Monate später war Rosetta am Ziel, sie kam am Kometen Tschurjumow-Gerassimenko an. Das war der 6. August 2014. Und dann folgte im November 2014 die spektakuläre Landung von Philae.

Ja, das war beeindruckend - wenn auch nur so halb geglückt … Inwiefern wäre die Mission eine andere gewesen, wenn Philae eine Bilderbuchlandung hingelegt hätte?

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Dort, wo Philae schließlich stehenblieb, bekam er wenig Sonne ab.

(Foto: ESA/Rosetta/Philae/CIVA)

Dann hätte Philae ein paar Wochen weitermachen können. Da wir keine Ahnung hatten, was der Lander auf der Kometenoberfläche finden würde, war er so gebaut, dass er mit Batterie mindestens 60 Stunden durchhalten würde. Die waren garantiert, das war unsere Mindestanforderung, die sogenannte "Primärsequenz", die alle Experimente mindestens einmal durchgeführt hat. Aber was dann bei seinem ungeplanten Sprung ins Dunkel nicht funktionieren konnte, war das Laden einer zweiten, kleineren Batterie über Solarzellen. Mit der hätten wir die Möglichkeit gehabt, die Experimente zu wiederholen, sie häufiger durchzuführen. Außerdem hätten wir auf dem anvisierten Landeplatz bohren können. So funktionierte der Bohrer zwar, hat aber wahrscheinlich die Kometenoberfläche nicht erreicht.

Hatte es auch Vorteile, dass Philae davongehüpft ist?

Wissenschaftlich gesehen ist die endgültige Landestelle von Philae in vielerlei Hinsicht sogar interessanter, weil sie nicht so flach und mit so viel Oberflächenstaub bedeckt ist wie die ursprünglich vorgesehene Landestelle.

Welche Erkenntnisse konnten die Wissenschaftler aus den von Philae und Rosetta übermittelten Daten gewinnen?

Rosetta hat alle Theorien aus der bisherigen Kometenforschung infrage gestellt. Die Daten haben gezeigt, dass diese Theorien nicht präzise genug oder schlicht falsch waren. So zeigte sich zum Beispiel schon Ende 2014, dass die isotopische Zusammensetzung des Wassers auf dem Kometen nichts mit dem Wasser auf der Erde zu tun hat. Die meisten Wissenschaftler dachten, das Wasser auf unserem Planeten stamme von einem Bombardement durch Kometen in den Anfängen des Sonnensystems. Jetzt muss man eine neue Theorie entwickeln.

Was hat Rosetta anders gemacht als die bisherige Kometenforschung?

Fünf Satelliten haben bisher Kometen erforscht. Aber jeder ist nur wenige Stunden in der Nähe des Kometen geblieben. Rosetta blieb zwei Jahre. Die Sonde konnte das ganze Leben des Kometen auf seinem Weg um die Sonne beobachten: wie seine Oberfläche heiß wurde, wie in Explosionen Gas und Staub herausgeschleudert wurden und auch, wie sich die Kometenoberfläche nach dieser aktiven Phase veränderte. Das war einmalig. Es wird Jahre dauern, bis alle Daten ausgewertet sind.

Rosettas Mission soll ein furioses Ende finden. Was ist geplant?

Wir hoffen, der Geschichte noch ein letztes Highlight hinzufügen zu können: Am 30. September soll auch Rosetta auf dem Kometen landen. Das war ursprünglich nicht beabsichtigt. Aber wenn es so läuft, wie wir uns das vorstellen, wird das ein fast so spektakuläres Ereignis wie die Philae-Landung.

Was könnte schiefgehen?

Wir fliegen in den letzten Tagen und Stunden so nah an den Kometen heran, dass die Navigation nicht so präzise wirkt. Und wir sammeln dabei noch Daten, die wir in Echtzeit zur Erde schicken. Es könnte passieren, dass das Signal früher abreißt als wir uns das wünschen. Oder dass die Kamera, die noch Bilder macht, nicht in die richtige Richtung schaut. Die Risiken in dieser Hinsicht sind groß. Die Sonde wurde nicht für eine solche Operation gebaut, und es ist eine sehr schwierige Phase.

Aber Rosetta wird auf jeden Fall auf dem Kometen auftreffen?

Ja, garantiert. Dass die letzte Korrektur der Umlaufbahn misslingt, ist unwahrscheinlich. Wir machen diese Korrekturen seit zwei Jahren zwei- bis dreimal in der Woche. Und sie haben immer funktioniert. Doch eines steht fest: Bei der Landung selbst wird Rosetta kaputt gehen, und sie wird sowieso von uns in den letzten Stunden so programmiert, dass sie sich später bei Berührung der Oberfläche voll ausschaltet. Das ist dann der Abschluss der Mission.

Was haben Sie gedacht, als Rosetta kürzlich ein Foto von Philae gelang?

Das war eine große Erleichterung! Ich hatte meinen Kollegen schon gesagt, dass mich Rosetta nur in einer Hinsicht enttäuscht habe: Sie hatte kein Bild von Philae nach der Landung gemacht. Monatelang hatten wir das versucht; bei der vorletzten Gelegenheit klappte es dann endlich. Das Bild wurde am Abend des 2. September gemacht, einem Freitag. Der letzte Versuch war für Montag, den 5. September, geplant. Danach hatten wir keine Möglichkeit mehr, Philae zu fotografieren. Wir mussten uns um andere Daten kümmern; die Wissenschaftler wollten andere Bereiche beobachten. Ich muss zugeben: Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Doch jetzt kann ich sagen: Rosetta hat mich nie enttäuscht.

Mit Paolo Ferri sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

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