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Impfschutz gefährdet? Virus-Variante B.1.1.7 mutiert weiter

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Forscher erwarten, dass Sars-CoV-2 mit zunehmendem Impfdruck oder bei sehr starkem Infektionsgeschehen weiter mutiert.

(Foto: picture alliance/dpa/Nanographics/apa)

Als sei die Sorge wegen B.1.1.7 nicht schon groß genug, weist die Coronavirus-Variante jetzt auch die Mutation auf, die den brasilianischen und südafrikanischen Ablegern ermöglicht, Immunitäten teilweise auszuhebeln. Ob damit auch Impfungen weniger effektiv sind, ist aber noch offen.

Mutierte Coronavirus-Varianten breiten sich weltweit rasant aus. In Europa ist derzeit vor allem der zuerst in Großbritannien entdeckte Sars-CoV-2-Ableger B.1.1.7 auf dem Vormarsch, da er offenbar deutlich infektiöser ist als das bisher vorherrschende Virus. Jetzt entdecken britische Wissenschaftler, dass er die Mutation E484K angenommen hat, die nach der südafrikanischen (B.1.351) auch in der brasilianischen (P1) Variante nachgewiesen wurde. Daher besteht die Gefahr, dass der erneut mutierte B.1.1.7-Ableger jetzt ebenfalls weniger angreifbar durch Antikörper ist. Dies wiederum könnte bedeuten, dass sich zuvor bereits Infizierte leichter erneut anstecken können. Möglicherweise schwächt die Mutation auch die Wirkung von Impfstoffen ab.

Die B.1.1.7-Variante mit dem Spike-Protein E484K wurde laut einem Bericht der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England bei Sequenzierungen in einigen Proben am 26. Januar entdeckt. Aus den Daten geht nicht hervor, welche möglichen Auswirkungen die zusätzliche Mutation auf Impfungen hat. Es gibt allerdings Hinweise, da Forscher der Cambridge-Universität für eine Studie zur Wirksamkeit des Biontech-Pfizer-Vakzins Versuche mit Blutproben von 23 geimpften Personen machten.

Dazu hätten sie im Labor unter anderem ein "Pseudo-Virus" erzeugt, dass alle bisher bekannten acht B.1.1.7-Mutationen plus die E484K-Veränderung aufweise, schreibt einer der Wissenschaftler auf Twitter. Die Forscher prüften dann, wie gut die Seren die künstlichen Angreifer neutralisieren können, und fanden heraus, dass dafür mehr Antikörper nötig waren als bei der normalen B.1.1.7-Variante ohne zusätzliche Mutation des Spike-Proteins.

Biontech und Pfizer zuversichtlich

Damit ist allerdings noch nicht erwiesen, dass die neue Variante die Wirkung des Impfstoffs auch in der Realität so einschränken wird. Ein künstliches Virus ist wahrscheinlich nicht mit einem echten Virus gleichzusetzen. Außerdem hatten die Probanden, denen Blut für die Studie abgenommen wurde, drei Wochen zuvor nur die erste Dosis erhalten - der volle Impfschutz war also noch nicht gegeben.

Außerdem haben Biontech und Pfizer ebenfalls schon die Wirkung ihres Vakzins gegen die brasilianische und südafrikanische Variante im Labor mit künstlich erzeugten Viren untersucht. Dabei habe sich herausgestellt, dass die Neutralisierung des Virus mit der Mutation E484K zwar "etwas geringer" sei, heißt es in einer gemeinsamen Presseerklärung der beiden Unternehmen. Dies führe aber "vermutlich nicht zu einer signifikant verringerten Wirksamkeit des Impfstoffs."

Die Ergebnisse deuteten außerdem an, dass gegen die neu auftretenden Varianten kein neuer Impfstoff entwickelt werden muss. Biontech und Pfizer wollen neu auftretende Sars-CoV-2-Stämme aber weiter beobachten und die Wirksamkeit des Vakzins bei Geimpften weiterhin prüfen, um im Ernstfall ihren Impfstoff schnell anzupassen.

"Normale" Escape-Mutation

Spezialisten sind wegen E484K auch nicht überrascht. Denn es handelt sich dabei wahrscheinlich um eine Escape-Mutation, die entsteht, wenn ein sehr hohes Infektionsgeschehen oder eine entsprechende Impfquote zu der sogenannten Herdenimmunität führt. Dabei setzt sich eine Mutation durch, die es ermöglicht, der Antwort der Antikörper-Reaktion des Immunsystems zu entkommen. Die Varianten mit der entsprechenden Veränderung verdrängen dann diejenigen ohne diese spezielle Mutation.

Das passiert offensichtlich gerade mit B.1.1.7, das seinen Anteil am Infektionsgeschehen sehr schnell vergrößert. Das zeigt auch der Bericht von Public Health England. Ende Oktober war die Variante noch zu einem sehr kleinen Teil für die Infektionen in Großbritannien verantwortlich, Mitte Dezember ging schon über die Hälfte der Ansteckungen auf ihr Konto, jetzt sind es mehr als drei Viertel.

In Deutschland ist ähnliches zu erwarten, wie das Beispiel Köln zeigt. Dort hat man in der vergangenen Woche alle positiven Fälle sequenziert. Laut dem Daten-Wissenschaftler Cornelius Roemer wurde in 880 Proben bereits 80-mal B.1.1.7 nachgewiesen, was etwa einem Anteil von 9 Prozent entspricht. Die südafrikanische Variante wurde 42-mal (rund 2 Prozent) entdeckt. Roemer schätzt den Anteil von B.1.1.7 in Deutschland je nach Region auf 5 bis 15 Prozent.

Darauf muss man reagieren, aber Grund zur Panik ist das wohl nicht. Dass man auch die mutierten Varianten mit den gängigen Maßnahmen in den Griff bekommen kann, zeigen die sinkenden Zahlen unter anderem in Großbritannien, Irland und Dänemark. Und falls mit der erneuten Veränderung von B.1.1.7 doch eine signifikant verminderte Wirkung der Antikörper kommen sollte, ist auch noch nicht alles verloren.

Der Körper hat weitere Antworten

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So bilde der Körper verschiedene Antikörper, sagte Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Uni Gießen, dem Magazin "Spektrum". Eine leichte Schwächung der Immunantwort könne er sich daher vorstellen - "doch es wird noch genügend andere Antikörper geben, die das Virus neutralisieren können." Das passt zu den Ergebnissen von Biontech/Pfizer.

Außerdem bekämpft das Immunsystem die Eindringlinge auch mit sogenannten T-Zellen, die infizierte Zellen abtöten. Folgeuntersuchungen von Probanden nach einer Studie des Universitätsklinikums Tübingen hatten ergeben, dass auch sechs Monate nach einer Infektion diese weißen Blutkörperchen noch stark auf Sars-CoV-2 antworteten. Christian Münz, Professor für virale Immunbiologie an der Uni Zürich, sieht hier allerdings Vektorimpfstoffe wie den von Astrazeneca im Vorteil, da sie T-Zellen stärker stimulierten. Zwei Drittel der T-Zell-Antworten würden nicht durch das Spike ausgelöst, sondern durch Proteine an der Oberfläche befallener Zellen.

Quelle: ntv.de