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Verrückte Krankheitsverläufe Wann ist man nach Covid-19 wieder gesund?

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Viele Langzeiterkrankte berichten von Atemnotanfällen.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Im Durchschnitt dauert eine Covid-19-Erkrankung zwei bis drei Wochen. Doch manche Menschen kämpfen nach einer Infektion mit dem Coronavirus monatelang mit zum Teil heftigen Beschwerden. Komplikationen und Folgeerkrankungen sind für sie beunruhigender Alltag.

Am 6. März hatte Volker L. das erste Covid-19-Symptom - einen unangenehm trockenen Hals. "Abends war ich schlapp, am nächsten Tag hatte ich Gliederschmerzen und leicht erhöhte Temperatur. Ich dachte, ich habe eine Grippe", erzählt er ntv.de. Bei Annika T. begann es am 16. März mit "einem leichten Halskratzen und Rückenschmerzen". Es war die Zeit, als noch nicht viel über Covid-19 bekannt war. Bis heute hält sich die Vorstellung, dass man entweder den leichten Verlauf der Krankheit hat und dann fast ohne Beschwerden wieder gesund wird oder wochenlang auf der Intensivstation mit künstlicher Beatmung um sein Leben kämpft - mit ungewissem Ausgang.

Inzwischen wächst das Wissen über die Krankheit. Doch vor allem die Frage, wann Covid-19-Patienten wieder ganz gesund sind, lässt sich noch immer nicht beantworten. Volker L. sagt, nach drei Monaten habe er sich wieder ganz gesund gefühlt. "Anfang Mai war beim Arzt auch auf der Lunge nichts mehr zu sehen. Ich fühlte ich mich wieder fit, konnte wieder Sport machen und hatte keine Einschränkungen mehr."

Von diesem Zustand träumt Annika T. nur. Sie wurde zwischendurch stationär im Krankenhaus behandelt und ist weit davon entfernt, sich wieder gesund zu fühlen. An guten Tagen beschränken sich die Beschwerden auf Druck auf der Brust, leichtes Halskratzen und schnelle Erschöpfungsgefühle auch nach leichten Belastungen. "An allen anderen Tagen, und das ist derzeit leider immer noch das Gros, wechseln sich Schwindel, Zittern, Brustschmerzen, Herzrasen, ein brennendes Gefühl in der Lunge, Konzentrationsstörungen und Übelkeit in unterschiedlichen Schweregraden ab", erzählt sie.

Immer wieder Symptome

Ihre Beobachtung wird inzwischen von Studien bestätigt. Von 143 Covid-19-Patienten, die in italienischen Krankenhäusern behandelt wurden, litten 60 Tage nach Krankheitsbeginn noch 87 Prozent an mindestens einem Symptom. Das zeigt eine Studie, die in der Fachzeitschrift "Jama Network" veröffentlicht wurde. Am häufigsten berichteten die mittlerweile Genesenen von Erschöpfung und Atemnot, etwas seltener von Gelenk- und Brustschmerzen. Bei diesen Patienten ist das Coronavirus inzwischen nicht mehr nachweisbar, doch gesund fühlen sie sich nicht.

Auch die US-Gesundheitsbehörde befragte 350 Menschen zwei bis drei Wochen nach ihrem positiven Corona-Test. 60 Prozent der im Krankenhaus behandelten Patienten gaben an, noch nicht gesund zu sein. Bei den Kranken, die sich zu Hause auskurierten, fühlte sich ein Drittel noch nicht wieder fit.

Das Gegenstück sind die Patienten in einer chinesischen Studie, deren Symptome verschwunden sind und die keinerlei Behandlung mehr brauchen, aber weiterhin positiv auf das Virus getestet werden. Yang Zhanqiu, der stellvertretende Direktor der Abteilung für Pathogenbiologie an der Universität Wuhan, geht trotzdem nicht davon aus, dass die Infektionskrankheit bei diesen Erkrankten chronisch geworden ist. Vielmehr dauere es bei diesen Patienten einfach länger, bis es dem Immunsystem gelinge, die verbleibenden Viren zu bekämpfen. Außerdem könnte es sich auch um tote Virusreste handeln, die der Körper noch "abtransportieren" müsse.

Die bisher umfassendste Studie zu Covid-19-Symptomen stammt von Tim Spector. Der Professor für genetische Epidemiologie am King's College in London erfasste über eine App stichprobenartig die Beschwerden Betroffener. Demnach erholen sich die meisten Menschen innerhalb von zwei Wochen von der Krankheit, ein Zehntel hat nach drei Wochen noch immer Symptome wie Müdigkeit, Geruchsverlust, Kopf-, Hals- oder Brustschmerzen. Auch in Spectors Daten wird deutlich, dass einige Patienten monatelang mit Covid-19 kämpfen. Seiner Einschätzung nach scheinen es vor allem Menschen mit einem eher leichten Krankheitsverlauf zu sein, die mit größerer Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum eine Vielzahl seltsamer Symptome haben.

"Vermeintlich gesund"

Annika T. war mit ihren anhaltenden Beschwerden inzwischen beim Kardiologen, Neurologen und Pneumologen. "Doch sämtliche Tests kamen komplett unauffällig zurück. Auf dem Papier bin ich vermeintlich gesund." In ihrem Fall zögern die Ärzte, Medikamente gegen die Atemprobleme oder das Herzrasen zu verschreiben. Also hat die 30-Jährige sich den mittlerweile Tausenden Patienten in Foren oder Chatgruppen angeschlossen, die sich dort über ihre "durchaus diffusen und verrückten Krankheitsverläufe austauschen".

Aus einer dieser Gruppen stammt eine Befragung unter 640 Mitgliedern, die länger als zwei Wochen Beschwerden hatten. Die Patienten aus mehreren Ländern berichten, dass die Genesung bei Covid-19 sehr unterschiedlich verläuft und immer wieder Rückfälle zu erwarten sind. Bei 90 Prozent der Befragten gab es am 40. Tag der Erkrankung noch immer Symptome. Tage-, sogar wochenlang fühlen sich die Betroffenen besser, bis plötzlich wieder bereits bekannte oder neue Beschwerden auftreten.

Das können Fieber, Husten und Atemnot sein, von denen 81 Prozent der Patienten berichten, Konzentrations- und Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder Herzbeschwerden. Zu den Langzeitschäden, die Covid-19 bei Erkrankten hinterlässt, gibt es bisher kaum Daten. Beobachtet wurde von chinesischen und niederländischen Ärzten eine Vernarbung des Lungengewebes, ohne dass sie bisher sagen können, ob es sich um eine bleibende Schädigung handelt. In einer Studie des University College London kommen Ärzte zu dem Schluss, dass auch milde Verläufe zu ernsthaften Hirnschäden führen können. Bei 10 von 43 beteiligten Patienten wurde eine vorübergehende Hirnfunktionsstörung festgestellt, in 12 Fällen eine Entzündung im Gehirn, in 8 Fällen Schlaganfälle und in weiteren 8 Fällen Nervenschäden.

Offenbar ist die Erkrankung nicht allein an der Schwere der Symptome oder der bestehenden Lebensgefahr zu beurteilen, sondern auch an der Komplexität ihres Verlaufs. In seinem jüngsten Bulletin schreibt auch das Robert-Koch-Institut: "Die Krankheitsverläufe sind unspezifisch, vielfältig und variieren in ihrer Symptomatik und Schwere stark, sie reichen von symptomlosen Verläufen bis zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod." Es wird zudem auf eine Reihe von "Manifestationen, Komplikationen und Folgeerkrankungen" verwiesen, zu denen sich aber wegen der Neuartigkeit der Erkrankung noch keine zuverlässigen Aussagen treffen lassen. Annika T. jedenfalls glaubte schon mehrfach, das Virus hinter sich gelassen zu haben, nur um "buchstäblich im nächsten Atemzug wieder enttäuscht zu werden".

Quelle: ntv.de