Wissen

Virologe Streeck im Interview Was die Heinsberg-Studie zeigt und was nicht

Wegen fragwürdiger PR und der Veröffentlichung vorläufiger Ergebnisse steht die Heinsberg-Studie seit Wochen in der Kritik. Nun wird eine erste vollständige Analyse der Daten veröffentlicht. Im Interview erläutert der verantwortliche Virologe Hendrik Streeck, was daraus zu schließen ist - und was nicht.

ntv: Die Ergebnisse der sogenannten Heinsberg-Studie liegen vor. Sie haben in Gangelt genaue Untersuchungen angestellt. Was sind die Kernergebnisse?

Ich glaube, ein wichtiges Kernergebnis ist, dass wir die Letalität des Virus, also wie viele Menschen an dem Virus versterben, das erste Mal näher eingrenzen können - nämlich auf einen Bereich um die 0,37 Prozent.

Was heißt das jetzt insgesamt für die Bundesrepublik? Inwieweit kann man diese Daten, die sie erhoben haben, hochrechnen auf die gesamte Republik?

Nun, man kann die gesammelten Daten nun auf eben diese Modelle, die bisher dazu aufgestellt wurden, anwenden und die Modellrechnung verbessern. Und auch verstehen, wie viele potenziell an Sars-Cov-2 in Deutschland bereits infiziert sein könnten.

Das heißt also, mit den Ergebnissen können wir erst mal feststellen, wie viele Menschen in der Bundesrepublik tatsächlich mit Corona infiziert worden sind oder mit Corona zu tun hatten. Aber es geht jetzt nicht darum, dass wir sagen können: Okay, diese Studie gibt uns jetzt Ergebnisse, wie wir das heilen können.

Nein, die Studie kann auch nicht sagen, dass so und so viele in Deutschland infiziert sind. Sie hilft, die Modellrechnung zu verbessern. Und wenn man diesen Wert von 0,37 Prozent Letalität auf die Verstorbenen und Infizierten in Deutschland anwendet, kann man im Modell davon ausgehen, dass 1,8 Millionen Menschen infiziert sein könnten.

Wesentlich mehr, als bisher bekannt ist, man spricht noch von ungefähr 160.000. Sind diese Ergebnisse der Studie eine gute Grundlage, um jetzt Entscheidungen zu treffen, wie man in naher Zukunft mit der Pandemie umgehen kann, soll, muss?

Was die Studie macht, ist Daten zu liefern: Daten zum Infektionsgeschehen, Daten zur Symptomatik - zum Beispiel dazu, dass jede fünfte Symptomatik asymptomatisch verläuft. Das sind wichtige Hinweise, die der Politik helfen könnten, Entscheidungen zu treffen. Aber wir als Virologen liefern nur Erkenntnisse. Wir sind nicht diejenigen, die Empfehlungen aussprechen.

Sie sind Virologen, Sie haben mit Viren zu tun. Kann man einem Virus eigentlich, wenn man es z.B. durch ein Elektronenmikroskop sieht, ansehen, ob es ein natürliches Virus ist oder im Labor gezüchtet? Gibt es da Merkmale?

Nein, man kann eigentlich nicht erkennen, ob es ein gezüchtetes Virus ist oder ein Virus, das natürlich in der Natur vorkommt. Jedes Lebewesen hinterlässt solche genannten Fingerabdrücke im Genom vom Virus. Daraus kann man ein paar Rückschlüsse ziehen. Aber man kann nicht sagen, ob es künstlich kreiert wurde oder ob das ein Virus ist, das natürlich vorkommt.

Quelle: ntv.de