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RKI: Kaum medizinische Gründe Was gegen eine Impfung spricht - und was nicht

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Es gibt nur wenige Kontraindikationen, also Vorerkrankungen, derentwegen Experten von einer Impfung gegen Corona abraten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Impfquote in Deutschland steigt nur langsam. Trotz der heftigen vierten Corona-Welle lassen sich viele Menschen immer noch nicht gegen Covid-19 impfen. Neben mangelndem Vertrauen in die Vakzine werden auch medizinische Gründe aufgeführt. Doch welche sprechen tatsächlich gegen eine Impfung?

Schon früh in der Corona-Krise ist klar: Impfen ist der einzige Weg aus der Pandemie. Doch selbst die nunmehr vierte Welle, die derzeit Deutschland mit voller Wucht überrollt, bewegt immer noch nicht genug Menschen zur schützenden Spritze. Die Schlangen vor den Impfzentren sind zwar wieder lang, die meisten Impfwilligen stehen hier jedoch für ihren Booster-Piks an. Die Zahl der Erstimpfungen nimmt seit Monaten kaum zu.

Viele Erwachsene, die sich bislang nicht um einen Impftermin bemüht haben, haben das auch nicht mehr vor, stellte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums kürzlich fest. Demnach gaben zwei Drittel (65 Prozent) der rund 3000 Befragten an, sich "auf keinen Fall" in den nächsten zwei Monaten impfen zu lassen. Als Hauptgrund nannten 74 Prozent der Impfverweigerer mangelndes Vertrauen in die Impfstoffe. Andere beriefen sich aber auch auf medizinische Gründe. Doch wer ist von diesen überhaupt betroffen?

Laut den Experten des Robert-Koch-Instituts (RKI) gibt es nur sehr wenige Gründe, die gegen eine Corona-Impfung sprechen. Bei akutem Fieber von über 38,5 Grad etwa müsse die Immunisierung kurzfristig aufgeschoben werden. Sobald das Fieber aber abgeklungen sei, sei eine Impfung bedenkenlos möglich. Auch leichte Infekte wie eine Erkältung seien kein Grund gegen eine Spritze. Langfristige Impfeinschränkungen gelten dagegen für Menschen, die gegen Bestandteile der Covid-19-Impfstoffe allergisch reagieren. Personen, bei denen in der Vergangenheit sogenannte Anaphylaxien im Zusammenhang mit einem Corona-Impfstoff aufgetreten sind, sollten grundsätzlich keine weiteren Dosen des entsprechenden Vakzins verabreicht bekommen. Anaphylaxien sind potenziell lebensbedrohliche Sofortreaktionen wie systemischer Hautausschlag mit starker Atemnot. Doch selbst bei dieser Patientengruppe muss man differenzieren.

Allergie auf Inhaltsstoffe

Wer in der Vergangenheit bereits eine starke allergische Reaktion auf Medikamente oder andere Impfungen hatte, sollte seinen Hausarzt befragen, empfiehlt auch das RKI. Mehrere Menschen aus Großbritannien und den USA waren nach einer Corona-Impfung mit einem sogenannten anaphylaktischem Schock zusammengebrochen. Vermutlich war der in den mRNA-Vakzinen enthaltene Hilfsstoff Polyethylenglykol (PEG) der Auslöser. PEG steckt als Zusatzstoff in vielen Kosmetika, Reinigungsmitteln und Medikamenten - allerdings in viel höheren Dosen als im Corona-Impfstoff.

Solche allergischen Reaktionen sind allerdings sehr selten und treten laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI) lediglich in 0,4 bis 11,8 Fällen pro einer Million Impfstoffdosen auf. Experten sind sich zudem noch nicht einig, ob PEG wirklich der Auslöser für den Schock war oder eine individuelle körpereigene Reaktion auf die im Impfstoff enthaltenen Nanopartikel. Diese könnte das Immunsystem fälschlicherweise als Viren erkennen. Dennoch: Bei einer gesicherten Allergie gegenüber Inhaltsstoffen sowie in unklaren Fällen sollen sich Betroffene in einem allergologischen Zentrum vorstellen, rät das RKI. Zudem können hier die Inhaltsstoffe der Vakzine von Biontech und Moderna eingesehen werden.

Bei den Vektorimpfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson, die aber mittlerweile wegen ihrer geringeren Wirksamkeit kaum noch verimpft werden, steht dem PEI zufolge der Hilfsstoff Polysorbat 80 im Verdacht, vereinzelt allergische Reaktionen hervorrufen zu können. Die Melderate einer anaphylaktischen Reaktion beim Astrazeneca-Impfstoff ist laut dem Institut etwa gleich hoch wie bei den beiden mRNA-Impfstoffen.

Können sich, abgesehen von Allergikern, alle anderen Menschen bedenkenlos impfen lassen?

Tatsächlich sind bisher kaum Kontraindikationen, also Vorerkrankungen bekannt, derentwegen von einer Impfung abzuraten wäre, schreibt das RKI. Daher gilt grundsätzlich: Jeder, der will, kann sich impfen lassen. Allerdings sollten bestimmte Personengruppen eine Impfung vorher mit ihrer Ärztin oder mit ihrem Arzt abklären. Ein Überblick:

Schwangerschaft

Werdende Mütter haben Medizinern zufolge ein höheres Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung. Seit September empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) daher Schwangeren eine Corona-Impfung. Laut Experten ist es erwiesen, dass der Impfstoff für sie sicher und effektiv ist. Allerdings sollten ungeimpfte Schwangere bis zum Beginn des zweiten Trimesters mit der Immunisierung warten. Frauen, die vor der Empfängnis bereits die Erstimpfung erhalten haben, sollten die folgende Dosis laut STIKO-Empfehlung ebenfalls erst ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft erhalten.

Die Impfempfehlung nach der 13. Schwangerschaftswoche gilt allerdings als reine Vorsichtsmaßnahme. Wer sich in den ersten Tagen der noch unbekannten Schwangerschaft impfen ließ, muss sich daher keine Sorgen um die Gesundheit des Babys machen. Denn obwohl Impfungen erst ab dem zweiten Trimester empfohlen werden, bestehe kein Grund, eine Schwangerschaft auszuschließen, bevor man sich gegen Covid impfen lasse, informieren die Münchner Kliniken auf ihrer Website.

Für das Neugeborene hat die Immunisierung der Mutter ebenfalls Vorteile, wie die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in einer Stellungnahme schreibt. Es sei ein Transfer von mütterlichen Antikörpern über die Plazenta nachgewiesen worden. Diese könnten einen gewissen Infektionsschutz, eine sogenannte Leihimmunität für das Neugeborene bewirken.

Gerinnungsstörung

Auch Patienten, die an einer Gerinnungsstörung leiden oder Blutgerinnungshemmer einnehmen, können gegen Corona geimpft werden. Betroffene sollten ihren Hausarzt aufsuchen und das weitere Vorgehen besprechen. Impfärzte verwenden bei Gerinnungshemmer-Patienten eine sehr dünne Kanüle und drücken anschließend eine Kompresse auf die Einstichstelle, damit kein Hämatom entsteht.

Kapillarlecksyndrom

Menschen, die in der Vergangenheit das extrem seltene Kapillarlecksyndrom entwickelt haben, dürfen keinen Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson und Astrazeneca erhalten. Dem PEI zufolge wurden in den ersten Tagen nach Verabreichung der Vektorimpfstoffe "sehr selten Fälle des Kapillarlecksyndroms berichtet, in einigen Fällen mit tödlichem Ausgang". Das Kapillarlecksyndrom, auch Clarkson-Syndrom genannt, ist eine sehr seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Erkrankung mit Ödemen, also Wassereinlagerungen hauptsächlich in den Extremitäten, und niedrigem Blutdruck.

Dennoch müssen Betroffene nicht grundsätzlich auf Corona-Impfungen verzichten. Diese Personen können nach Absprache mit ihrem behandelnden Arzt mit einem mRNA-Impfstoff geimpft werden.

Myokarditis/Herzmuskelentzündung

Laut dem Immunologen Carsten Watzl sind auch frühere Herzmuskelentzündungen kein Grund, sich nicht impfen zu lassen. Nur wenn nach der ersten Impfung mit einem mRNA-Vakzin eine Myokarditis aufgetreten sei, sollte keine weitere mRNA-Dosis verabreicht werden. "Man könnte hier aber auf einen anderen Impfstoff ausweichen", schreibt er im August auf Twitter. Solche Fälle von Myokarditis nach der Impfung sind "sehr selten", wie das PEI berichtet. Demnach wurden zum 31. Mai im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 145 Fälle von Myokarditis bei Personen, die mit dem Biontech-Vakzin und 19 Fälle bei Personen, die mit Moderna geimpft wurden, festgestellt. Schätzungen zufolge wurden bis dahin im EWR rund 197 Millionen mRNA-Impfstoffdosen verabreicht.

Autoimmunerkrankung

Bei jeder Infektion oder Impfung bestehe bei Menschen mit einer Autoimmunerkrankung das sehr seltene Risiko, dass ein Schub ausgelöst werde. Das sei auch bei der Covid-19-Impfung nicht anders, erklärt Watzl. Ein "genereller Impfausschluss" sei das aber nicht. Eine Studie am Deutschen Zentrum Immuntherapie, die in "Annals of the Rheumatic Diseases" veröffentlicht wurde, kam zu dem Schluss, dass Menschen mit Autoimmunerkrankung die Impfung gut vertragen und geringere Impfreaktionen aufwiesen als Gesunde. Jedoch entwickelte laut den Studienautoren jeder zehnte mit Biontech Geimpfte keine Antikörper. Für solche Fälle wurden schon früh Auffrischimpfungen diskutiert, beispielsweise als Kreuzimpfung.

Krebspatienten

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Krebspatienten wird eine Corona-Impfung grundsätzlich empfohlen, da auch sie zur Risikogruppe für schwere Covid-19-Verläufe zählen. Bei Patientinnen und Patienten, die stark immununterdrückende Medikamente erhalten, könne der Schutz aber eingeschränkt sein, schreibt das Deutsche Krebsforschungszentrum auf seiner Website. So unterdrückt eine Chemotherapie das eigene Immunsystem - inwieweit dann der Impfstoff die gewünschte Schutzwirkung hat, ist noch nicht abschließend untersucht. Mediziner empfehlen daher Krebspatienten, eine mögliche Impfung individuell mit dem behandelnden Arzt abzusprechen.

Auf seiner Website zählt das RKI weitere Erkrankungen auf, die KEINE Kontraindikation für eine Corona-Impfung darstellen. Einige wurden in der Vergangenheit fälschlicherweise als solche genannt. Betroffene können sich aber impfen lassen, wenn:

  • sie unter Rheuma leiden. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie empfiehlt die Covid-Impfung sogar.
  • sie allergisch gegen Dinge sind, die nicht als Inhaltsstoffe in den Vakzinen enthalten sind, wenn sie etwa Heuschnupfen oder eine Hausstaub-Allergie haben.
  • sie von neurologischen Erkrankungen betroffen sind, etwa von Multipler Sklerose (MS).
  • sie unter einer chronischen Erkrankung beispielsweise des Darms oder der Nieren leiden.
  • sie Antibiotika einnehmen.

Quelle: ntv.de

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