Experten über mögliche UrsachenWie kam es zur tödlichen Sturzflut im Himalaya?

Eine gewaltige Flut aus Wasser und Schlamm rast durch Nepal und verwüstet ganze Dörfer. Der genaue Auslöser der Katastrophe ist noch unklar. Forscher äußern jedoch Vermutungen über die eigentliche Ursache - und zur möglichen Rolle des Klimawandels.
Nach den verheerenden Sturzfluten im Himalaya wird weiter nach Vermissten gesucht. Aber auch die Frage nach den Ursachen dieser Katastrophe wird unter Experten diskutiert. Am Mittwoch war eine riesige Sturzflut aus Wasser und Schlamm mehr als 160 Kilometer weit entlang zweier Flüsse durch Nepal gerast und hatte ganze Ortschaften mitgerissen. Doch wie kam es zu diesem katastrophalen Ereignis?
Die US-Erdbebenwarte USGS nennt einen Gletscherabbruch als Ursache für das Naturereignis. Am Morgen vor der Flut hatte die USGS zunächst ein Erdbeben in der Region gemeldet. Weitere Analysen ergaben nach Angaben der Experten, dass die Erschütterung durch einen Gletscherabbruch mit "katastrophalen" Folgen verursacht wurde.
"Die Einschätzungen des USGS decken sich mit dem, was wir denken", sagte Jens Turowski, Geomorphologe am Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam im Gespräch mit ntv. "Da ist eine Gletscherkante abgebrochen, die soll circa 600 bis 700 Meter breit gewesen und über 1000 Meter heruntergestürzt sein." Durch den Aufprall und die kinetische Energie schmelze dann ein Teil des Gletschers und fließe katastrophisch ab, so der Experte.
Das vor der Sturzflut erfasste Erdbeben könnte eine Folge des Gletschersturzes sein, glaubt Gletscherforscherin Bethan Davies von der Newcastle University. "Eisabbrüche oder Gletscherzusammenbrüche haben sich bereits in dieser und anderen Hochgebirgsregionen ereignet und stellen eine erhebliche Gefahr dar", so die Expertin. Die Himalaya-Region sei durch steile Hänge, hohes Reliefenergie-Niveau und seismische Aktivität anfällig für Massenbewegungen.
Wirkung wie eine Bombenexplosion?
"Ein unterer Teil des Gletschers ist tatsächlich abgebrochen", meinte auch Jakob Steiner, Geowissenschaftler an der Universität Graz in Österreich, der derzeit in Bangladesch tätig ist, gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Eine aus großer Höhe herabstürzende Gletschermasse könne wie eine explodierende Bombe gewirkt haben, was zu dem darauffolgenden Chaos geführt habe, so der Experte.
Liz Stephens, Professorin für Klimarisiken an der University of Reading, hält es nach der Sichtung von Satellitenaufnahmen auch für möglich, dass nach dem Gletscherkollaps eine Lawine aus Eis und Fels den Fluss blockiert habe. "Der Bruch dieses Geröllstaus führte flussabwärts dann zu katastrophalen Überschwemmungen", vermutet Stephens. Diese Gerölllawine habe auf ihrem Weg den Berg hinunter vermutlich weiteres Material mitgerissen.
Andere Experten sehen auch die Möglichkeit, dass ein Gletschersee der Ausgangspunkt für die Sturzflut gewesen sein könnte. "Durch das Abschmelzen der Gletscher bildet sich ein See. Wenn die Erwärmung zu stark ist oder wenn viel Wasser auf einmal in den See gelangt, dann steigt der Wasserspiegel schnell an und der Damm kann brechen", sagte Geomorphologe Bodo Bookhagen von der Universität Potsdam gegenüber t-online. Bei so einem Damm handele es sich nicht um eine feste Wand, sondern um Geröll und Steine. Alternativ könne auch eine Lawine in den Gletschersee gestürzt sein und den Damm zum Bersten gebracht haben, so Bookhagen.
Mögliche Rolle des Klimawandels
Welche Rolle könnte der Klimawandel bei der Sturzflut gespielt haben? Laut Wouter Buytaert, Experte für Hydrologie am Imperial College London, handele es sich "genau um die Art von Ereignis, die durch den Klimawandel ausgelöst wird". Die globale Erwärmung lasse Gletscher schrumpfen und erhöhe damit die Wahrscheinlichkeit, dass diese auseinanderbrechen.
"Bodendegradation aufgrund zunehmender Waldbrände, extremer Wetterereignisse und nicht nachhaltiger Landnutzung destabilisiert die Talhänge und setzt Gestein und Sedimente in Bewegung", so Buytaert. In Bergregionen mit steilen Hängen und engen Tälern schaffe dies die perfekten Bedingungen für solche Katastrophen.
Ella Gilbert, Klimawissenschaftlerin vom British Antarctic Survey, betonte hingegen, dass sich über eine Verbindung der Sturzflut zum Klimawandel noch nichts Definitives sagen lasse. "Aber wir wissen, dass die Klimaerwärmung die Gletscher im Himalaya destabilisiert, wobei sich die Schmelzrate seit dem Jahr 2000 verdoppelt hat", so die Expertin. Wenn ein Gletscher instabil werde, könne es zu plötzlichen Zusammenbrüchen kommen, die schließlich zu schrecklichen Vorfällen wie diesem führten.