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Ozonloch klaffte über dem Südpol Die Umweltkrise, die sofort gelöst wurde

Das Ozonloch über der Antarktis vom 02.10.2015 in einer Computergrafik. Das Ozonloch über der Antarktis war zu diesem Zeitpunkt so groß wie seit neun Jahren nicht mehr.jpg

Ozonloch über der Antarktis im Oktober 2015: Jedes Jahr, wenn in der Antarktis der Frühling beginnt, öffnet sich in 15 bis 25 Kilometern Höhe ein riesiges Loch in der Atmosphäre.

(Foto: DLR/dpa)

In den 1970er- und 1980er-Jahren erfährt die Welt fast zeitgleich von Klimawandel und Ozonloch. Die eine Umweltkrise ist heute so gut wie gelöst, die andere nicht. Warum? Das vielleicht beste Umweltprotokoll aller Zeiten und überall spürbare Angst machen den Unterschied.

Schon vor mehr als 40 Jahren berichtet die "Tagesschau" über den Klimawandel. Schneestürme, Überschwemmungen, Dürrekatastrophen sind 1979 Themen der ersten Weltklimakonferenz in Genf. Viel hat sich seitdem offensichtlich nicht getan. Trotz Kyoto-Protokoll, trotz Pariser Klimaabkommen. Vor wenigen Tagen hat die Weltmeteorologie-Organisation WMO mitgeteilt, dass sich im vergangenen Jahr so viel Kohlendioxid in der Atmosphäre befunden hat wie noch nie. Obwohl die Corona-Krise weltweit Fabriken, Autos, die Schifffahrt und Kohlegruben zum Stillstand gebracht hat.

Für Thomas Peter ist das keine Überraschung. "Wenn brasilianische Politiker ganz offen den Urwald abholzen und zwar alle sagen: Der Amazonas ist unsere Lunge, der muss erhalten bleiben, aber trotzdem hat das keine Konsequenzen, ist das mit Blick auf den Weltklimagipfel in Glasgow natürlich eine schwierige Situation", erzählt der Atmosphärenchemiker von der ETH Zürich im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Ein Loch über der Antarktis

Thomas Peter untersucht, welche Folgen chemische Reaktionen in der Atmosphäre auf das Klima haben. Vor allem im Zusammenhang mit der Ozonschicht. Besser gesagt, mit dem Ozonloch. Eine andere bekannte Umweltkrise, die damals fast zeitgleich mit dem Klimawandel in den Nachrichten gelandet ist. Sherwood Rowland und Mario Molina hätten schon in den 1970er-Jahren bei Labormessungen festgestellt, was mit chlorhaltigen FCKW-Gasen - Fluorchlorkohlenwasserstoffe - tatsächlich passiert, erzählt der deutsche Wissenschaftler. "Sie haben auch viel Kontra von der Industrie bekommen, weil kaum jemand geglaubt hat, dass das zu einer Krise führen kann. Bis dann das Ozonloch entdeckt wurde."

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Thomas Peter untersucht chemische Reaktionen und physikalische Prozesse von Aerosolteilchen in der Atmosphäre.

(Foto: privat)

Das Ozonloch ist - wie der Name verrät - ein Loch in der Ozonschicht. Die schützt uns vor der Ultraviolettstrahlung der Sonne. 1985 haben britische Forscher mithilfe vieler Messungen am Südpol allerdings bestätigt, was der US-Amerikaner Rowland und der Mexikaner Molina schon Jahre zuvor im Labor geahnt haben: Die Ozonschicht über der Antarktis ist kaputtgegangen.

Jedes Jahr im September und Oktober, wenn auf der Südhalbkugel die Sonne rauskommt und der Frühling beginnt, sinken die Ozonwerte in der Region seitdem so stark, dass in 15 bis 25 Kilometern Höhe ein Loch klafft. Ein Loch, das ungefähr so groß ist wie der gesamte antarktische Kontinent und durch das die UV-Strahlung der Sonne ungehindert eindringen kann.

Ideal, bis sie es nicht mehr waren

Trotzdem findet in Glasgow keine Ozon-Konferenz statt. Bei der COP 26 treffen sich mehrere Zehntausend Diplomaten, Industrielobbyisten, Umweltschützer und Wissenschaftler, um über die menschengemachte Erderwärmung zu diskutieren - und hoffentlich verbindliche Gegenmaßnahmen zu beschließen.

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Die Entwicklung des Ozonlochs: Ein Augapfel, der Gefahr ausstrahlt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Denn die Ozonkrise ist weitgehend gelöst, das Loch schließt sich langsam wieder. Hält der Trend an, könnte es in 40 oder 50 Jahren vollständig verschwunden sein. Die Industrie habe kurz nach der Entdeckung gemerkt, dass die Welt sich zusammenraufe und sei zu dem Schluss gekommen, dass die Produktion der FCKW-Gase beendet werden sollte, erzählt Ozon-Experte Peter. "Die sind ja auch nicht auf den Kopf gefallen", erklärt er die Entscheidung. "In so einem Moment überlegt man sich natürlich, wie man das zum Besseren wenden kann: Indem man die Nase vorne hat und Ersatzstoffe entwickelt, die die alten Gase ersetzen können."

Das Ozonloch hat - natürlich - der Mensch verursacht. Seit den 1930er-Jahren wurden in großen Mengen chlorhaltige Gase produziert und als Kältemittel in Kühlschränken oder Klimaanlagen eingesetzt, zur Dämmung und zur Isolation oder als Reinigungs- und Lösungsmittel. Die FCKW-Gase fanden sich auch in Polstermöbeln wieder und als Treibgas in Deodorant-Dosen, mit denen für frischen Duft unter den Achseln gesorgt wurde.

Denn man habe lange Zeit gedacht, die Gase seien ideal, erzählt Thomas Peter. "Die brennen nicht, die explodieren nicht, die kann man einatmen, ohne dass sie Schaden verursachen. Das war aber ein Irrtum. Die FCKW steigen in die Stratosphäre auf, wo sich das Ozon befindet, und zerstören es dann."

Absichtserklärungen ohne Konsequenzen

Nur zwei Jahre nachdem der Beweis dafür erbracht wurde, haben 1987 etwa 200 Staaten das Protokoll von Montreal unterzeichnet und ratifiziert. Drei weitere Jahre später waren die FCKW auf der ganzen Welt verboten. Schon 1994 war der Höhepunkt der Krise erreicht und das Ozonloch ging langsam wieder zu. Und wer die verbotenen Gase noch immer einsetzt, wird bestraft.

"Wieder was gelernt"-Podcast

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Im Abkommen von Paris sind vor allem Absichtserklärungen für die Lösung der Klimakrise vereinbart, im Protokoll von Montreal dagegen auch Strafen, falls jemand gegen die Beschlüsse verstößt. Das ist ein Grund dafür, warum uns das Ozonloch inzwischen nur noch am Rande beschäftigt.

Ein anderer Grund ist, dass die FCKW entbehrliche Gase sind, die - salopp gesagt - in Kühlschränken eingesetzt wurden. Die Alternativen sind nicht perfekt, im Gegenteil, aber sie waren schnell gefunden. CO2, das Treibhausgas schlechthin, ist dagegen das industrielle Rückgrat unserer Gesellschaft. Wenn wir Energie erzeugen, pusten wir tonnenweise Kohlendioxid in die Luft. Die sauberen Alternativen sind in vielen Fällen noch nicht ausgereift, aber vor allem sind sie teuer und somit für Entwicklungsländer nicht zu bezahlen. Unter diesen Umständen werde es schwer, Verstöße zu bestrafen, erklärt Thomas Peter die schwierige Suche nach verbindlichen Konsequenzen.

"Diskussion bis an die Stammtische"

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Zwei wichtige Ursachen, warum bei der Ozon- anders als bei der Klimakrise sofort gehandelt wurde. Der Atmosphärenchemiker kennt auch noch eine dritte: Angst. Jeder Einzelne habe gefürchtet, dass er durch die UV-Strahlung Hautkrebs oder eine schwere Augen-Erkrankung bekomme, wenn er oder sie das Haus verlässt. "Das hat die Diskussion bis an die Stammtische in den Kneipen geführt."

Eine sehr konkrete Gefahr, im Gegensatz zur Erderwärmung: Ob die mittlere globale Temperatur um ein, zwei oder vielleicht sogar drei Grad Celsius steigt, ist vielen Menschen zu abstrakt. Obwohl die Konsequenzen ähnlich verheerend sind. Fluten, Trockenheit und Dürre. Seit 1979 wird darüber berichtet, was auf uns zukommt. Wenn wir das verhindern wollen, sollten wir eingreifen. Auch weil der Klimawandel möglicherweise die Ozonschicht zersetzt. Stimmt das, kehrt auch die gelöste Umweltkrise zurück.

Quelle: ntv.de

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